Varta ist einer der führenden Hersteller bei Lithium-Ionen-Knopfzellen. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Beim kriselnden Batteriekonzern aus Ellwangen hat Vorstandschef Markus Hackstein Aktien verkauft – fast zeitgleich mit der Veröffentlichung neuer Hiobsbotschaften des Unternehmens. Anleger und Aktionärsschützer sind aufgebracht.
Sollte das Management in einer Krise nicht mit gutem Beispiel vorangehen? Beim Batteriehersteller Varta läuft derzeit einiges schief: Geschäftlich steht das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand – vor wenigen Tagen musste die Konzernführung öffentlich einräumen, dass die Sanierung nicht wie geplant vorankommt und Geldgeber erneut um Hilfe bitten. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der entsprechenden Pflichtmitteilung verkaufte Vorstandschef Markus Hackstein Aktien im Wert von rund 25 000 Euro.
In Anlegerforen ist der Ärger groß. „Dieser Vorstand hat keine Moral“ oder „das ist einfach untragbar und schadet der Aktienkultur insgesamt“ schreiben Nutzer beim Finanzportal „Wallstreet Online“. Die Empörung ist verständlich – so verkaufte der Chef zu Kursen von über 13,80 Euro, bevor die Aktie wegen der schlechten Nachrichten zur Restrukturierung um 40 Prozent abstürzte. Zeitweise fiel der Kurs auf 7,50 Euro, der Xetra-Schlusskurs am Donnerstag lag bei 8,25 Euro.
Aktie auf Talfahrt
Das Unternehmen will sich dazu nicht äußern
Das Unternehmen wollte sich auf Nachfrage unserer Zeitung nicht zu der Verkaufsaktion äußern. „Das ist eine persönliche Entscheidung von Herrn Hackstein, die wir nicht kommentieren“, sagte ein Varta-Sprecher.
Varta-Chef Markus Hackstein Foto: Varta
Nikolaus Lutje, Aktionärsschützer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), sieht das Vorgehen kritisch. „Die Außendarstellung dieses gesamten Vorgangs ist im besten Falle als unglücklich zu bezeichnen.“ Das gelte noch viel mehr, als Varta keine eigene Einordnung liefere. Der zeitliche Ablauf werfe Fragen auf, die viele Aktionäre nun zu recht stellten. „Varta sollte hier dringend für Transparenz sorgen und klar stellen, wie die internen Abläufe waren.“
Solange der Topmanager nicht verkaufte, bevor das Unternehmen die sogenannte Ad-hoc-Mitteilung absetzte, dürfte der Vorgang juristisch nicht zu beanstanden sein. Rein formal betrachtet, handelte es sich bei den Angaben, die den Aktienkurs in den Keller schickten, zu diesem Zeitpunkt schon um öffentliche Informationen. Diese Rechtslage trifft jedoch nicht überall auf Verständnis.
„Wenn ein Vorstandsmitglied Kenntnis über den Zeitpunkt einer so wichtigen und vielleicht existenzbedrohenden Meldung hat, dann ist es fraglich, ob es nicht ein Insidervorteil ist, so kurz danach auf den Verkaufsknopf zu drücken“, sagt Sascha Gebhard, Experte bei der Finanzmarktanalyse- und Handelsplattform stock3.com. „Schließlich kannte Hackstein den Inhalt vorher und konnte diesen umfassend bewerten, bevor es die außenstehenden Investoren tun konnten.“ Es sei Aufgabe der Finanzaufsicht Bafin, hier rechtlich nachzubessern.
Insiderverkäufe sind erlaubt – sofern sie gemeldet werden
Sogenannte Insiderverkäufe sind in der Regel nicht verboten, wenn sie offiziell gemeldet werden – was in Hacksteins Fall geschehen ist. „Die negative Signalwirkung ist aber dennoch groß“, sagt ein Finanzanalyst, der nicht namentlich zitiert werden will. Spektakulär sei die Transaktion angesichts des geringen Volumens nicht. Da habe es bei Varta in der Vergangenheit schon dickere Dinger gegeben. Tatsächlich verkauften Hackstein, aber auch Technikvorstand Rainer Hald und andere meldepflichtige Insider des S-Dax-Konzern bereits seit Mitte 2023 in größerem Stil Aktien als es jetzt der Fall war.
Angesichts der prekären Lage des Unternehmens wirken die Insiderverkäufe besonders pikant. Varta arbeitet mit Partnern an einem neuen Sanierungsgutachten und sucht nach alternativen Finanzierungsmaßnahmen. Der erst vor gut einem Jahr mit den Banken und Mehrheitsaktionär Michel Tojner vereinbarte Plan greife zu kurz, um wie ursprünglich gedacht Ende 2026 auf einen profitablen Wachstumskurs zurückzukehren, hatte Varta vergangene Woche mitgeteilt und damit auch Anleger kalt erwischt. Neben geschäftlichen Problemen – etwa durch Billigkonkurrenz aus Asien und hohe Lagerbestände bei Händlern – belastet das Unternehmen ein Cyberangriff vom Februar, der die Produktion wochenlang lahmlegte. Varta musste deshalb bereits die Vorlage des Konzernabschlusses verschieben, weshalb der Rausschmiss aus dem S-Dax droht.
Nach einer Studie der DZ Bank dürfte der für 2024 bisher in Aussicht gestellte Umsatz von rund 900 Millionen Euro „zu ambitioniert sein“. Die Nettoverschuldung des Konzerns liegt bei mehr als 500 Millionen Euro. Varta rutschte im Herbst 2022 in die Krise. Wegen der Pandemie und des Ukrainekrieges sowie gestiegener Strompreise hatten sich viele Rohstoffe und Vorprodukte verteuert. Gleichzeitig reduzierten Kunden ihre Bestellungen für die Lithium-Ionen-Knopfzellen, bei denen Varta einer der führenden Produzenten ist. Unter anderem hatte Apple in seine Kopfhörer einige Jahre ausschließlich die Knopfzellen von der Ostalb eingebaut und angekündigt, künftig auch auf andere Hersteller zurückzugreifen.
Varta-Aktie auf Talfahrt
Ein Wechsel an der Vorstandsspitze und ein Restrukturierungsprogramm, das auch den Abbau von 800 Jobs vorsah, sollten die Wende bringen. Doch die Maßnahmen brachten nicht den erhofften Erfolg, die Varta-Aktie ging auf Talfahrt. Seit ihrem Rekordhoch hat sie rund 95 Prozent an Wert eingebüßt. Das Allzeithoch hatte die Aktie im Januar 2021 mit 181,30 Euro. Weltweit beschäftigt Varta laut eigenen Angaben mehr als 4000 Mitarbeiter.