Insolvenz Air Berlin fliegt trotz der Pleite weiter

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Die zweitgrößte deutsche Fluglinie ist am Ende. Der Großaktionär Etihad hat den Geldhahn abgedreht. Alle Flüge finden aber vorerst statt. Der Marktführer Lufthansa will Teile des Konkurrenten übernehmen, falls die Kartellbehörden zustimmen.

Air Berlin fliegt seit Jahren in den tiefroten Zahlen, nur im Jahr 2012 gab es einen Mini-Gewinn. Foto: dpa
Air Berlin fliegt seit Jahren in den tiefroten Zahlen, nur im Jahr 2012 gab es einen Mini-Gewinn. Foto: dpa

Berlin - Mit der Pleite von Air Berlin ist die zweitgrößte deutsche Fluglinie nach langer Krise am Ende. Das Unternehmen mit noch rund 8000 Beschäftigten stellte am Dienstag Insolvenzantrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg. Der Flugbetrieb soll aber zunächst ohne Einschränkungen fortgesetzt werden. „Alle Flüge der Air Berlin und Niki finden weiterhin statt“, teilte das Unternehmen mit. Die Flugpläne und gebuchte Tickets sollen gültig bleiben, Reisen sind weiterhin buchbar.

Der erst seit Februar amtierende Sanierer und Vorstandschef Thomas Winkelmann hofft, im Insolvenzverfahren „das Beste für das Unternehmen, unsere Kunden und Mitarbeiter zu erreichen“. Air Berlin hat dazu bei Gericht ein Insolvenzverfahren in Eigenregie beantragt. Dabei versuchen ein eingesetzter Verwalter und das Management, binnen einer Frist von drei Monaten eine Lösung zu finden. Erst dann droht die Einstellung des Flugbetriebs. Die Bundesregierung unterstützt Air Berlin mit einem „Brückenkredit“. Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) betonte, mit dem Kredit von 150 Millionen Euro werde der vorläufige Weiterbetrieb gesichert. Das Geld fließe durch Einnahmen aus den Flügen wie Steuern und Flughafengebühren wieder zurück in öffentliche Kassen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, man hoffe auf eine Lösung, die möglichst viele Jobs sichere.

Branchenexperten räumen Air Berlin kaum noch Chancen ein

Doch Branchenexperten räumen der mit mehr als 1,2 Milliarden Euro verschuldeten Air Berlin, die schon seit 2008 in den roten Zahlen fliegt, nach einem gescheiterten Expansionskurs kaum noch Chancen ein. Die Zerlegung des Unternehmens läuft bereits, die Hälfte der Flotte von ehemals mehr als 140 Fliegern wurde an den Großaktionär Etihad verkauft und an die Lufthansa langfristig vermietet.

Der deutsche Marktführer will die Restrukturierung des größten deutschen Konkurrenten gemeinsam mit der Bundesregierung unterstützen, wie Lufthansa mitteilte. Damit werde auch gewährleistet, dass die von Air Berlin geleasten Flieger, die von den Lufthansa-Töchtern Eurowings und Austrian Airlines geflogen werden, weiterbetrieben werden können. Zudem will der Konzern Teile von Air Berlin und des Personals ganz übernehmen. Darüber werde bereits verhandelt.

Ob die Kartellbehörden erlauben, dass große Konkurrenten Teile von Air Berlin übernehmen, ist jedoch offen. „Diese Prüfungen wird voraussichtlich die EU-Kommission in Brüssel übernehmen“, sagte der Sprecher des Bundeskartellamts, Kay Weidner, dieser Zeitung. Bei der Fusionskontrolle werde durchaus berücksichtigt, wenn ein Anbieter komplett aus dem Markt auszuscheiden drohe. Vor allem die Start- und Landerechte gelten als begehrt, weil besonders attraktive Flugzeiten auf vielen Airports ein knappes Gut und hart umkämpft sind.

Die Aktie hat nur noch Ramschwert

Als Grund für den Insolvenzantrag gibt Air Berlin an, dass Großaktionär Etihad nicht mehr beabsichtigte, das Unternehmen zu unterstützen. Die Staatsfluglinie aus dem reichen Öl-Emirat Abu Dhabi stieg vor sechs Jahren ein, erwarb knapp ein Drittel der Aktien und hat seither den Fortbestand der verlustreichen Airline mit Finanzspritzen von insgesamt mehr als einer Milliarde Euro gesichert. Air Berlin kam dennoch nicht aus den roten Zahlen und flog allein voriges Jahr einen weiteren Rekordverlust von fast 800 Millionen Euro ein. Das Eigenkapital ist längst komplett verbraucht, in der Bilanz klafft eine Finanzlücke von mehr als 1,5 Milliarden Euro. Die Aktie hat nur noch Ramschwert.

Auch Etihad verlor schließlich das Vertrauen, dass die Sanierung gelingen kann, zumal die Araber auch bei anderen Beteiligungen in Europa wie bei der ebenfalls desolaten Alitalia hohe Summen verloren haben. Die jetzige Entwicklung sei „sehr enttäuschend für alle Parteien“, teilte Etihad mit. Noch im April habe man weitere 250 Millionen Euro zusätzliche Mittel für Air Berlin bereitgestellt.

Trotzdem habe sich das Geschäft weiter „rapide verschlechtert“, so Etihad. Strategische Optionen habe man nicht umsetzen können. Eine weitere finanzielle Unterstützung werde man deshalb nicht mehr leisten. Etihad betont aber, dass man eine „kommerziell gangbare Lösung“ und das Management von Air Berlin weiter unterstützen werde. Deutschland bleibe ein wichtiger Markt.

Für Verdi hat nun die Sicherung der Arbeitsplätze Priorität

Die Araber verfolgen mit ihrer Expansion in Europa ähnlich wie Emirates aus Dubai vor allem das Ziel, ihr internationales Drehkreuz am Golf auszulasten und durch perfekte Fluganbindungen Wirtschaft und Tourismus in den boomenden Wüstenstaaten anzukurbeln. Air Berlin hat deshalb auf Druck des Großaktionärs zahlreiche Zubringerflüge nach Abu Dhabi von deutschen Airports in die Flugpläne genommen und bietet viele Strecken gemeinsam mit Etihad im „Codesharing“ an. Was daraus wird, ist nun ebenso offen wie die weitere Zukunft von Air Berlin.

Für die Gewerkschaft Verdi hat nun die Sicherung der rund 8000 Arbeitsplätze Priorität. Die Insolvenz sei „ein harter Schlag für die Beschäftigten“, erklärte das Vorstandsmitglied Christine Behle. Air Berlin müsse nun für Transparenz sorgen und alle nötigen Informationen vorlegen. Hintergrund der Forderung ist, dass die Airline seit der Gründung versuchte, den Einfluss von Gewerkschaften und Betriebsräten gering zu halten. So wurde die Holding Air Berlin PLC nach britischem Recht an einem Londoner Flughafen angesiedelt, wo auch die Hauptversammlungen tagen.

Auch für Berlin bedeutet die Pleite der Airline einen harten Schlag. Trotz des Schrumpfkurses der vergangenen Jahre liegt der Marktanteil von Air Berlin auf den Flughäfen Tegel und Schönefeld noch immer bei mehr als 28 Prozent. Allein in diesem Jahr flogen bis Ende Juli rund 5,5 Millionen Passagiere mit den rot-weißen Jets an die Spree oder von dort weg. Man hoffe auf eine langfristige Lösung bei Air Berlin und werde jede Unterstützung leisten, erklärte der Berliner Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup.

Zur Krise der Airline hat maßgeblich auch die gescheiterte Eröffnung des neuen Hauptstadt-Flughafens BER im Jahr 2012 beigetragen. Vor 2019 wird aber kaum ein Flieger auf dem Airport starten.