Insolvenzverwalter aus Stuttgart Michael Pluta - der nahbare Krisenmanager

Der gebürtige Ulmer Michael Pluta hat langjährige Erfahrung mit Krisenfällen. Foto: Pluta

Als Insolvenzverwalter weiß der gebürtige Ulmer Michael Pluta, wie groß die Erwartungen im Krisenfall sind. Seine Kanzlei begleitet die Insolvenzen von Allgaier und Yeans Halle. Wie der Experte tickt und warum Offenheit und Nahbarkeit wichtig sind.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Manchmal genügt ein Wort, um den Zugang zu Menschen zu finden. „ Motschekiebchen “ war es bei einem Insolvenzfall in Ostdeutschland, erinnert sich Sanierungsexperte Michael Pluta noch genau.

 

Die Stimmung im Besprechungszimmer zwischen Betriebsrat, Geschäftsleitung und ihm war frostig, bis die Frage kam: „Wissen Sie, was ein Motschekiebchen ist?“ Mi t Plutas prompter Antwort – „ein Marienkäfer“ – hatte keiner gerechnet, doch er kannte den Ausdruck von seiner Mutter, die aus Sachsen stammt. „Wissen Sie, was der Betriebsrat sagte? Das ist die erste gute Nachricht heute“, erinnert sich Pluta. Weil ihm der Dialekt geläufig war, war er auf einmal nicht mehr nur der „Besserwessi“, das Gespräch lief plötzlich, und der gebürtige Ulmer wurde sogar zur Maifeier eingeladen.

Vier Jahrzehnte Erfahrung

Die Ulmer Kanzlei Pluta und deren Branchenkollegen sind derzeit wieder gefragt. 2023 rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform mit rund 18 100 Insolvenzen, das ist ein Viertel mehr als 2022. Dazu zählt die Insolvenz des Autozulieferers Allgaier oder die der Sindelfinger Modekette Yeans Halle – beide Insolvenzen werden von Sanierungsexperten der Kanzlei Pluta begleitet.

Pluta ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht und hat mehr als vier Jahrzehnte Erfahrungen mit Restrukturierungen und Insolvenzen, darunter auch Fälle wie BenQ oder Märklin. „Es ist immer eine Teamarbeit“, sagt er. Im Fall Allgaier sind gut ein Dutzend Personen im Team, wobei der Insolvenzverwalter selbst wesentliche Details verhandelt und nach außen kommuniziert.

„Eine Insolvenz ist immer eine Extremsituation“

Ursprünglich sollte Pluta den Familienbetrieb übernehmen – einen Werkzeugmaschinenhandel in Ulm, in dem er auch zwei Jahre mitarbeitete . Doch er hatte andere Pläne. Nach dem Jurastudium in Hamburg machte er sich 1982 selbstständig, 2002 gründete der mittlerweile vierfache Vater die Pluta Rechtsanwalts GmbH in Ulm, die heute mehr als 500 Beschäftigte hat, darunter 30 Gesellschafter, an 40 Standorten in Deutschland, Italien und Spanien.

Beim Gespräch im Stuttgarter Büro erläutert Pluta, dass Zahlen und Fakten wichtig, aber nicht alles seien. „Eine Insolvenz ist immer eine Extremsituation“, sagt er. Firmeninhaber bangten ums Unternehmen, Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze, Gläubiger – von den Lieferanten bis zu den Banken – wollten ihr Geld. Deshalb sei es so wichtig, Emotionen aufzufangen. Für ihn heiße das: zuhören, die Betroffenen reden und auch schimpfen lassen – vor allem bei Betriebsversammlungen, die in der Regel gleich am ersten Tag stattfinden, wenn er als Insolvenzverwalter ins Unternehmen kommt.

Entscheidend sei, offen und ehrlich zu kommunizieren und keine Versprechungen zu machen, die man nicht halten könne. „Nur wenn sich die Leute anständig behandelt fühlen, ziehen sie mit und haben Vertrauen“, sagt Pluta. Ohne die Mitarbeit der Beschäftigten funktioniere eine Sanierung nicht.

„Wie die Stimmung ist, merkt man oft schon am Grüßen“

„Mir ist es wichtig, nicht von Hierarchien abhängig zu sein“, sagt Pluta. Deshalb rede er auch mit Betriebsrat und Mitarbeitern, gehe in die Werkshalle, weil dort Gespräche zustande kämen mit Leuten, die sich im Blaumann nicht in die Chefetage trauten. Und manchmal erfahre man wichtige Details beispielsweise beim Essen in der Kantine. Wenn er wisse, ob das Miteinander funktioniert und wie die Stimmung im Betrieb ist, helfe ihm das für seine spätere Arbeit. „Wie die Stimmung ist, merkt man oft schon am Grüßen“, sagt er.

Wenn Pluta über seine Arbeit redet, klingt das mehr nach dem Job eines Psychologen und Managers als nach dem eines Rechtsexperten. „Ich bin kein Jurist. Ich habe Jura studiert, das ist was ganz anderes“, kontert Pluta mit einem freundlichen Lachen. Transparenz schaffen, Hemmschwellen beseitigen, das sei ihm wichtig. Manchmal stelle er in Besprechungen Tische um, setze auf Nahbarkeit statt auf Distanz.

So habe er schon oft Menschen für sich gewonnen – selbst Hunderte von aufgebrachten Landwirten nach der Insolvenz eines Molkereiunternehmens, indem er sich nicht hinterm Podium auf der Bühne der Stadthalle verschanzte, sondern mit dem Mikrofon durch die Reihen ging.

Die Freude am Umgang mit Menschen ist bei Pluta übrigens eine Einstellungsbedingung. Auch Neidfreiheit sei wichtig, denn nicht jeder Anwalt komme bei „ganz großen Fällen“ zum Zug. Der größte Erfolg aber sei, wenn ein Unternehmen als Ganzes bestehen bleibe – mit möglichst vielen Mitarbeitern. Das sei auch die Voraussetzung dafür, dass das Ergebnis für die Gläubiger stimme. „Niemand darf seinen Arbeitsplatz verlieren, weil ich einen schlechten Job gemacht habe“, sagt Pluta.

Ein eindrückliches Erlebnis bei Märklin

Sein eindrücklichstes Erlebnis? Als die Gewerkschaftsvertreterin in der Verabschiedungsrunde bei Märklin sagte, dass er alles Versprochene eingehalten habe, und die Belegschaft applaudierte. Ein berührendes Erlebnis, sagt Pluta. Und welchen Fehler sollte man unbedingt vermeiden? „Jede Art von Hybris“, sagt er. Überheblichkeit bringe einen nicht weiter.

Ob er mit seinen 73 Jahren schon ans Aufhören denkt? „Nein, nicht solange die Arbeit Spaß macht“, sagt der Schwabe, der gerne im Allgäu wandert und Klavier spielt. Er habe aber schon Bereiche abgegeben: die außergerichtliche Sanierung zum Beispiel, die ungefähr ein Drittel des Unternehmens ausmacht, sowie das Auslandsgeschäft, das sein Sohn übernommen hat.

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