Instrument des Jahres: Die Tuba „Ich rolle anderen Instrumenten einen weichen Teppich aus“

Herbert Waldner faszinieren seit seiner Jugend die Bassklänge der Tuba. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Tuba wird oft unterschätzt. Nun haben die Landesmusikräte sie zum Instrument des Jahres gekürt. Herbert Waldner, Tubist bei den Stuttgarter Philharmonikern, spricht über die besondere Rolle der Tuba im Orchester und seine Begegnung mit dem Stardirigenten Sergiu Celibidache.

Herbert Waldner ist seit 1997 Tubist bei den Stuttgarter Philharmonikern. Seit jeher faszinieren ihn Bass-Klänge, er liebt sowohl Bruckner als auch die Funk-Gruppe Level 42. Im Interview spricht er über ein aufregendes Probespiel und legendäre Konzerte mit den Münchner Philharmonikern und Sergiu Celibidache im Jahre 1990 in der Suntory Hall in Tokio.

 

Herr Waldner, wie würden Sie die Rolle der Tuba in einem Symphonieorchester beschreiben?

Die Tuba fällt nicht immer auf, doch man merkt schnell, wenn sie fehlt. Ähnlich wie die Cello-Gruppe und die Kontrabässe stelle ich den passenden Untergrund für die höheren Stimmen zur Verfügung. Oft besteht meine Rolle darin, anderen Instrumenten im Orchester einen weichen Teppich auszurollen. Hin und wieder haben Komponisten wie beispielsweise Gustav Mahler oder Sergei Prokofiev der Tuba jedoch auch eine eigenständige und offensive Stimme zugedacht. In Prokofievs 5. Symphonie etwa gibt es viele Passagen, in denen die Tuba losgelöst von den Posaunen ertönt. In solchen Chorälen ist man dann ganz auf sich alleine gestellt.

Wie haben Sie zu Ihrem Instrument gefunden?

Viele Kinder interessieren sich eher für hohe Instrumente wie die Trompete oder die Klarinette. Mich haben hingegen schon immer die tiefen Instrumente mehr fasziniert. Sie passen besser zu meinem eher zurückhaltenden Wesen. Mein Vater hat in seiner Freizeit in einer Blaskapelle Posaune gespielt. Eines Tages brachte er eine ausrangierte Tuba nach Hause mit, auf der ich dann mit vier Jahren meine ersten Töne produzierte. Damals konnte ich das Instrument nicht einmal selbst halten. Den ersten Unterricht hatte ich aber erst mit vierzehn Jahren.

Wie kam es, dass Sie Orchestermusiker wurden?

In meinem Heimatort Dornbirn in Vorarlberg gab es ein ganz hervorragendes Jugendorchester. Dort habe ich Blut geleckt. Später kam ich nach München, wo ich bei Tom Walsh, Tubist bei den Münchner Philharmonikern, studiert habe. Damals hatte gerade der neue Konzertsaal Gasteig neu eröffnet, Orchester aus der ganzen Welt gastierten dort. Als Student kam ich oft umsonst in die Konzerte oder konnte eine vergünstigte Karte bekommen. Ich wurde richtig süchtig. In dieser Zeit habe ich bestimmt mehrere Hundert Konzerte zugehört, manchmal täglich. Damals entstand der Traum, einmal selbst Mitglied in einem großen Symphonieorchester zu werden.

Im Orchester gibt es meistens nur eine Stelle für einen Tubisten. Wie groß war die Konkurrenz, als Sie sich in Stuttgart beworben haben?

Die Konkurrenz war enorm. Man muss beim Probevorspiel eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Stimmen der Orchestermitglieder auf sich vereinen. Als ich mich 1997 in Stuttgart beworben habe, gab es insgesamt fünf Runden. Unter den Mitbewerbern war auch ein früherer Kommilitone aus München, der ebenfalls sehr stark war. Am Ende habe ich die Stelle bekommen, aber es war wahnsinnig knapp.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Orchestermusiker?

Drei Konzerte 1990 in Tokio mit den Münchner Philharmonikern und ihrem Dirigenten Sergiu Celibidache. Mein damaliger Lehrer war für die dreiwöchige Japan-Tournee eingeplant, war aber schon sehr krank und musste ins Krankenhaus. Auf die Schnelle war es sehr schwierig, einen Ersatz zu bekommen. Ich hatte als Student bei fast allen Proben zugehört. Walsh schlug mich vor, er traute mir die Sache zu. Celibidache und die Orchestermitglieder waren natürlich skeptisch. Doch man beschloss, mir eine Chance zu geben. Der Druck war enorm, das Programm war anspruchsvoll. So haben wir von Anton Bruckner gleich drei verschiedene Symphonien gespielt. Vor allem vor Bruckners 8. Symphonie hatte ich großen Respekt. Doch das erste Konzert lief gut und so durfte ich die Tournee weiter begleiten. Die letzten Konzerte in der Suntory Hall wurden von Sony mitgeschnitten, eine Riesensache. Beim Applaus zeigte Celibidache auf mich, ich sollte aufstehen. Ich konnte die Anerkennung kaum fassen, war wie gelähmt.

Instrument des Jahres

Landesmusikräte
Seit 2008 wählen jedes Jahr die zuständigen Landesmusikräte ein Instrument zum Instrument des Jahres. Mit der Initiative wollen sie das jeweilige Instrument durch Aktionen in Schulen und Sonderprojekte bekannter machen und die musikalische Vielfalt stärken. 2024 löst die Tuba die Mandoline ab, die 2023 zum Instrument des Jahres gekürt wurde.

Die Tuba
Die Tuba ist das tiefste aller Blechblasinstrumente. Sie ist nicht nur in den westlichen Symphonieorchestern beheimatet, sondern auch in der Blasmusik des Balkans, in den Brass Bands von New Orleans und in den Militärkapellen auf der ganzen Welt.

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