Integration durch Sport in Stuttgart Kaum Flüchtlingsfrauen in Sportkursen

Von  

Die Sportvereine haben sich für Flüchtlinge geöffnet, die Stadt hat Gelder bereit gestellt, um die Kursgebühren zu finanzieren. Erreicht werden vor allem junge Männer und Jungen, Mädchen nur im Kinderalter.

Bewegung tut gut – doch wie erreicht man muslimische Mädchen und Frauen? Foto: dpa
Bewegung tut gut – doch wie erreicht man muslimische Mädchen und Frauen? Foto: dpa

Stuttgart - Gleich mehrere Seiten füllt die Liste der Sportangebote in Stuttgart. Flüchtlinge können überall daran teilnehmen, die Kostenfrage ist geklärt: Im Rahmen des Doppelhaushalts hat die Stadt 150 000 Euro zur Verfügung gestellt, weil sich die Flüchtlinge die Sportkurse sonst nicht leisten könnten.

Was aber sowohl beim Sportamt als auch bei Sportvereinen aufgefallen ist: Mädchen nehmen nur selten, Frauen fast gar nicht teil. „Es werden eher die Jungen und Männer erreicht, das ist wirklich ein Problem“, sagt Sören Otto, der beim Sportamt als Koordinator für das Thema Flüchtlinge zuständig ist. Bisher habe man hierfür noch keine Lösung. Für Frauen ein Angebot zu machen sei eine große Herausforderung. Ihr Bedürfnis, im geschützten Bereich zu bleiben, sei groß. In den Heimatländern werde oft streng getrennt Sport getrieben. Wenn, dann müsse das Angebot nah bei der Unterkunft sein, sagt Otto.

Natürlich seien bei ihnen auch die Frauen herzlich willkommen, so Bodo Schmidt von Sportkultur Stuttgart. Der Verein hat 17 Sportarten im Programm. Schmidts Erfahrung nach ist es „schwieriger“, Frauen zu erreichen. „Die meisten, die zu uns kommen, sind junge Männer oder Männer mittleren Alters sowie Kinder – und da eher Jungs“, sagt der Vorstand für Integration bei Sportkultur Stuttgart.

Schmidt führt kulturelle Gründe ins Feld. Sport sei in vielen Ländern nicht so verankert oder wenn, dann eben strikt getrennt. Ebenfalls ein Problem: die Sprache. Bei Frauen seien die Schwierigkeiten größer, zudem sei der eigene Dolmetscher ein Mann. „Wir geben trotzdem nicht auf“, so Schmidt. Doch Integration funktioniere nur, wenn sich beide bewegten.

Schmidt nennt ein aktuelles Beispiel: eine Syrerin, die gerne zum Handballtraining kommen würde. Der Kurs wird aber von einem Team trainiert, das aus einem Mann und einer Frau besteht. Die junge Frau wolle jedoch ausschließlich von einer Frau trainiert werden. „Wir würden sie gerne teilhaben lassen, aber wir können nicht unser Trainerteam sprengen“, stellt Schmidt klar.

Das Lehrschwimmbad wird saniert, der Kurs kann nicht stattfinden

Ein Schwimmkurs für muslimische Frauen in Stuttgart ist in den vergangenen Jahren gut angekommen, doch der Turnerbund Bad Cannstatt kann ihn nicht fortführen. „Wir sind nicht besonders glücklich“, sagt Anneliese Schick, die Abteilungsleiterin der Turnabteilung, die das Schwimmprogramm koordiniert hat. Aber das Lehrschwimmbad der Schillerschule in Bad Cannstatt, wo „seit mindestens fünf Jahren“ der Schwimmkurs für muslimische Frauen stattfand, werde saniert. Deshalb gehe es nicht weiter. „Ich bin auf der Suche nach einem Ersatz“, sagt Anneliese Schick.

Das wichtigste Kriterium für die Frauen sei gewesen, dass das Bad nicht einsehbar war. Den Frauen, die zu ihnen gekommen seien, habe der Kurs sehr gut getan: eine Stunde lang gemeinsam verbringen mit Spiel und Spaß, die Kinder durften dabei sein. Die Frauen wurden von einer Trainerin im Schwimmen unterrichtet. Speziell Flüchtlinge hat der Turnerbund Bad Cannstatt über Sport im Park versucht zu erreichen. Das habe nicht so gut geklappt. „Viele haben vermutlich keinen Kopf dafür“, vermutet Schick, auch sei Sporttreiben in den Herkunftsländern nicht unbedingt üblich.

Sören Otto hat sich auch ganz generelle Gedanken zum Thema Zuverlässigkeit gemacht. Er bietet selbst als Klettertrainer beim Deutschen Alpenverein einen Kurs für Flüchtlinge an. Wenn er das Abholen organisiere, seien es zwölf Teilnehmer, wenn nicht, kämen nur fünf. Verbindlichkeit sei in vielen Kulturen nicht so wichtig.

Flüchtlinge wiederum, die nicht arbeiten dürften oder nicht schulpflichtig seien, könnten unter Antriebslosigkeit leiden. „Dann wird jede Aufgabe zur Herausforderung“, sagt Otto. Helfen soll das Sport­patenprogramm von Sportkreisjugend und Sportamt. 65 Sportpaten sind laut Otto ausgebildet worden. Sie begleiten die Flüchtlinge zu den Sportkursen.

Sonderthemen