Integrationsprojekte in der Region Stuttgart Vom Flüchtlingsheim in die Arbeitswelt
Betriebe wie die EnBW-Tochter Netze BW bieten seit Jahren ein Einstiegsprogramm für Geflüchtete an, um sie als Auszubildende und später als Mitarbeiter zu gewinnen.
Betriebe wie die EnBW-Tochter Netze BW bieten seit Jahren ein Einstiegsprogramm für Geflüchtete an, um sie als Auszubildende und später als Mitarbeiter zu gewinnen.
Ein Ausbildungsplatz schafft Perspektiven, gibt Selbstvertrauen und fördert die Integration von Geflüchteten. Zugegeben nicht ganz einfach in einem fremden Land, in einer fremden Sprache. Aber es gibt Lehrbetriebe wie Netze BW, bei deren Berufsintegrationsprogrammen der Sprachunterricht eine wichtige Rolle spielt. Sie praktizieren das, was die Bundesregierung mit dem sogenannten Job-Turbo für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt nun auf den Weg bringt, schon seit Jahren. Das zeigen die Beispiele einer jungen Frau und dreier Männer.
Pavlo Yefremenkov steht am Anfang seiner beruflichen Laufbahn in Deutschland. Vor etwa einem Jahr kam der 34-Jährige aus der Ukraine mit seiner Familie nach Deutschland, seit September dieses Jahres nimmt der Vater von drei Kindern am Berufsintegrationsprogramm von Netze BW teil. Vor sieben Jahren starteten der Energieversorger EnBW und seine Tochter Netze BW damit. 228 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Welt von Äthiopien über Bosnien bis Ungarn wurden und werden seither in mehreren Monaten auf eine technische Berufsausbildung in den Bereichen Mechanik und Elektrotechnik vorbereitet. Zusätzlicher Deutschunterricht durch eine eigens für das Programm engagierte Lehrerin gehört auch dazu. Darauf legt Netze BW besonderen Wert, denn: „Wir müssen streng sein wegen der Arbeitssicherheit“, betont Gerhard Heinrich, Leiter Ausbildung und netztechnische Trainings. In den nächsten Monaten wird auch Pavlo Yefremenkov, der in seiner Heimat Geschichte und Literatur unterrichtete, bevor er als eine Art mobiler Hausmeister den Lebensunterhalt seiner Familie bestritt, auch an seinen Deutschkenntnissen feilen.
Shahram Kreitinger hat mit der deutschen Sprache keine Probleme mehr. „Ich habe mit Youtube Deutsch gelernt“, berichtet der 32 Jahre alte gebürtige Iraner, der mit einer Deutschen verheiratet ist. Ihm war klar, dass er eine Ausbildung absolvieren will, „um eine Perspektive zu haben“. Eine Stelle zu finden war jedoch alles andere als einfach. Die Wende brachte ein Männerabend seines Schwiegervaters. Shahram Kreitinger war zwar nicht mit von der Partie, aber ein Netze-BW-Mitarbeiter, der von dem Programm für Geflüchtete erzählte. Als Shahram Kreitinger davon hörte, rief er umgehend bei Netze BW an, reichte seine Bewerbungsunterlagen ein und wurde genommen. Ohne das Einstiegsprogramm wäre es schwierig geworden, sagt der Elektroniker im zweiten Ausbildungsjahr. Dort lernt er Fachbegriff und Inhalte, aber auch wie deutsche Meister ticken. Das Konzept für das Einstiegsprogramm hat Ausbilder Mehmet Bozdemir zusammen mit einem Kollegen entwickelt: „Wir sind Ausbilder, Seelsorger und Coach.“ Zu dem Programm gehören Deutsch- und Mathekurse, Einblicke in die deutsche Arbeitskultur und interkulturelle Trainings. Dabei habe auch er viel über die unterschiedliche Wahrnehmung in verschiedenen Kulturen gelernt, so Bozdemir. Nur ein Beispiel: Vorsicht – gerade im Umgang mit Strom sehr wichtig – werde in anderen Kulturkreisen als Ängstlichkeit verstanden. Das muss natürlich geklärt werden. Der zusätzliche Aufwand lohne sich, so Ausbildungsleiter Heinrich. Das sei angesichts des Fachkräftemangels ein Win-win-Effekt.
Samuel Babatunde Ajayi ist mit seiner Lehrzeit fast zu Ende. Auch er ist ein Absolvent des Einstiegsprogramms, die Übernahmequote liegt bei Netze BW nach eigenen Angaben bei etwa 50 Prozent. Er wird zum Anlagenmechaniker ausgebildet. „Ich wollte unbedingt etwas mit Mechanik machen“, sagt der 25-jährige gebürtige Nigerianer. Der Prüfungsphase kann er entspannt entgegenblicken, denn einen Anstellungsvertrag als Anlagenmechaniker habe er schon unterschrieben, sagt er und strahlt. Er wechselt zu Stuttgart Netze. Das ist nicht ungewöhnlich. Denn: „Wir bilden auch für die Stuttgart Netze aus“, erklärt Ausbildungsleiter Heinrich. Die Azubis haben überhaupt gute Karten, bei Netze BW übernommen zu werden. Wer sich persönlich und fachlich als geeignet zeige, dem stünden viele Türen im Konzern offen.
Maya Abd Alkader nutzt die Chance, nach der Ausbildung die Meisterausbildung dranzuhängen. „Jetzt habe ich Lust da drauf“, sagt die 26-Jährige aus Syrien und lacht. Sie weiß, was sie will. Das war schon bei ihrem Berufswunsch so: Mechatronikerin wollte sie lernen – weil der Beruf abwechslungsreich sei, Mechanik mit IT verbinde – und wurde es. Ihr Vater war dagegen, „aber ich setzte mich durch“. Sie zog dafür sogar nach Karlsruhe. Jetzt ist die junge Frau, die ihren Mann beim Einstiegsprogramm kennenlernte, zurück, und „meine Familie ist natürlich stolz“. Die berufsbegleitende Meisterausbildung hat es in sich. Maya Abd Alkader arbeitet von 6 bis 14.30 Uhr im Kraftwerk der EnBW in Altbach, dreimal die Woche drückt sie von 17.30 Uhr an die Schulbank für ihren Meister. Sie wird es schaffen: „Sie setzt sich Ziele und kämpft“, sagt Mehmet Bozdemir.
UI Lapp GmbH
Der Hersteller von Kabel- und Verbindungstechnologien bietet seit Herbst 2015 das Projekt „Geflüchtete qualifizieren und in Ausbildung bringen“ an. Auslöser sei nach Angaben des Unternehmens die große Zahl an Geflüchteten gewesen, die nach Sicherheit und einer Zukunft suchten. Geflüchtete aus Afghanistan, Armenien, Aserbaidschan, Eritrea, Kamerun, dem Kosovo, Irak, Iran, Somalia, dem Sudan, Syrien und der Ukraine haben daran teilgenommen und 31 auch eine Ausbildung absolviert.
Mahle
Der Automobilzulieferer ist seit 2016 Partner des Einstiegsqualifizierungsprogramms für Geflüchtete. Angefragt habe einst die IHK Stuttgart, so ein Unternehmenssprecher. Rund 30 Teilnehmende aus Afghanistan, Eritrea, dem Iran, Irak, Kamerun, Nigeria und Syrien zählt das Unternehmen bis heute. Pro Jahr hätten meist drei Absolventen eine Ausbildung als Maschinen- und Anlagenführer, Industriemechaniker, Mechatroniker oder ein Studium Mechatronik E-Mobilität begonnen. Übernommen wurden alle. Nur einer habe das Unternehmen verlassen.
Wolf & Müller
Ein solches Programm hat das Familienunternehmen von 2016 bis 2020 und wieder 2022 in Kooperation mit externen Partnern und zum Teil mit anderen Unternehmen organisiert. Daran nahmen jeweils mindestens zehn Personen teil, das Bauunternehmen gewann so mehr als 25 neue Mitarbeitende. Aktuell läuft kein Einstiegsqualifizierungsprogramm, weil sich nicht genügend Teilnehmende gefunden haben.