Interkommunaler Windpark Rund 500 Bürger informieren sich in der Böblinger Kongresshalle

500 Bürger informierten sich über den Windpark. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler

Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen informieren über einen möglichen gemeinsamen Windpark zwischen B464 und Maurener Tal. Die Veranstaltung lockt viele Teilnehmer an, der Redebedarf ist hoch.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Das Interesse an der Infoveranstaltung zum interkommunalen Windpark ist groß: Rund 500 Menschen sind am Donnerstagabend in der Böblinger Kongresshalle zusammengekommen, bis zu 170 haben sich online zugeschaltet. Drei Stunden lang dreht sich alles um den Windpark, den Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen im Wald zwischen B464 und Maurener Tal planen. „Wir wollen eine Orientierung geben und falsche Annahmen aus dem Weg räumen“, sagt Böblingens Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) zur Begrüßung. Holzgerlingens Bürgermeister Ioannis Delakos (parteilos) bittet die Bürger, den Weg mitzugehen. Denn: „Die Energiewende ist eine der entscheidenden Aufgaben.“

 

Die Stimmung im Saal ist lebhaft, aber weitestgehend friedlich – bis auf Buhrufe, die aus manchen Ecken erklingen, wenn Windparkbefürworter sprechen. Deshalb mahnt Ehningens Bürgermeister Lukas Rosengrün (SPD): „Wir sind hier, um uns zuzuhören. Es schwächt ungemein, wenn jemand ausgebuht wird.“ Doch meist bleibt der Austausch sachlich und ist besonders intensiv, als alle Anwesenden die Gelegenheit bekommen, an Infoständen zu diskutieren. Verschiedene Gruppen, von Windparkgegner über –befürworter bis hin zum Verband Region Stuttgart, sind vertreten.

Ausschreibung startet demnächst

Für ihren Weg zum gemeinsamen Windpark haben sich die Kommunen das Beratungsunternehmen Endura Kommunal aus Freiburg an ihre Seite geholt. „Wir sind keine Windparkprojektierer. Unser Anliegen ist es, dass die Kommunen die Zügel in der Hand behalten“, betont Dirk Vetter. Er und sein Kollege Falk Schünemann informieren über den Planungsstand. Damit dort überhaupt Windräder hindürfen, muss die Fläche zum Vorranggebiet ernannt werden. Der Verband Region Stuttgart hat die Fläche mit der Bezeichnung BB-14 als mögliches Vorranggebiet identifiziert, aber noch nicht als solches ausgewiesen. Die Kommunen wollen trotzdem parallel prüfen, ob sich ein Windparkprojektierer für die Fläche finden würde. Um später nicht bei Null anzufangen, so begründet es Bürgermeister Delakos.

Eine Vergabegruppe, bestehend aus je sechs Personen pro Gemeinde, hat in den vergangenen Wochen Kriterien für eine Ausschreibung erarbeitet. Schünemann fasst die Ergebnisse zusammen: Maximal sechs Anlagen sollen auf der Fläche gebaut werden, der Abstand zur Wohnbebauung muss mindestens 900 Meter betragen. Ein Windparkprojektierer muss unter anderem ein Windpark-Layout vorlegen mit Standorten, die er für sinnvoll hält, inklusive benötigten Zufahrtswegen beim Bau der Anlagen. Außerdem verlangt die Vergabegruppe, obwohl es gesetzlich nicht mehr vorgeschrieben ist, eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung. Sie fordert Angaben zum Waldverbrauch und dass das, was an Wald verschwindet, eins zu eins durch neuen Wald ersetzt wird. Ein weiteres Kriterium: Projektierer sollen die Frage beantworten, wie Bürger, auch finanziell, beteiligt werden könnten.

Basierend auf dem erarbeiteten Kriterienkatalog startet die Ausschreibung voraussichtlich in drei bis vier Wochen und läuft drei Monate. Im September ist laut Schünemann ein Auswertungsworkshop geplant, bei dem die eingegangenen Bewerbungen geprüft werden. Dann sollen drei bis vier Projektierer eingeladen werden und der Vergabegruppe Rede und Antwort stehen. „Danach empfiehlt die Vergabegruppe einen der Projektierer“, erklärt Schünemann. Ende Dezember sei eine weitere Bürgerinfo geplant, bei der sich dieser Projektierer der Bürgerschaft vorstellt. Erst danach würden die Gemeinderäte über eine mögliche Verpachtung entscheiden. Das Votum für oder gegen einen Windpark liegt also schlussendlich bei den drei Gemeinderäten. Denn die Fläche gehört den Kommunen, sie haben als Eigentümer das letzte Wort.

Gegner und Befürworter vertreten

Die Initiativen Lebenswertes Böblingen, Ehningen ohne Windkraft und Lebenswerte Schönbuchlichtung haben bei der Infoveranstaltung einen gemeinsamen Stand. „Wir setzen uns für den Erhalt des nahezu intakten Waldes ein“, erklärt Sylvia Ehrler das Anliegen der drei Initiativen. Sie verweist auf die ohnehin von Industrie und Autobahn geprägte Region. „Uns steht ein Stück Natur zur Erholung zu und zwar ohne störende Rotorblätter.“ Heiko Haupenthal von der Initiative Lebenswertes Böblingen übergibt Oberbürgermeister Stefan Belz eine Liste. Darauf, so berichtet er, 700 Unterschriften besorgter Bürger.

„Wir engagieren uns für den Ausbau der Windkraft“, sagt hingegen Elisabeth Fellmann von der Initiative WindkraftBB. Windenergie sei für die Energiewende entscheidend und wichtig für den Klimaschutz. „Wir sind überzeugt, dass Klimaschutz langfristig der überzeugendste Artenschutz ist.“

Was die Besucher bewegt

Die für die Fragerunde eingeplante Zeit reicht nicht aus, das Informationsbedürfnis ist groß. Vor allem Skeptiker kommen zu Wort. Sie wirken gut vorbereitet und steigen tief in die Materie ein. Eine Frau erkundigt sich beispielsweise nach Schwefelhexafluorid, das als Isolationsgas in Windkraftanlagen zum Einsatz kommt und als besonders klimaschädlich gilt. Genau aus diesem Grund werde an Alternativen geforscht, sagt Falk Schünemann. Er betont aber auch: „Der Impact von Schwefelhexafluorid hat sich durch den Betrieb der Anlage schnell amortisiert.“

Drei Initiativen gegen den Windpark präsentieren ihre Anliegen an einem gemeinsamen Stand. /Michael Memmler

Eine kleine Umfrage unter Besuchern zeigt: Dass es die Veranstaltung gibt, kommt grundsätzlich gut an, auch wenn Kritik nicht ausbleibt. Ein noch Unentschlossener bezeichnet sie beispielsweise als „super“, hätte sie sich aber früher gewünscht. Dass die Entscheidung über einen Windpark so schnell fallen könnte, schockiere ihn etwas. Fynn Klingenstein, 18 Jahre alt, bedauert, dass nicht mehr junge Leute da sind. „Das ist unser Thema und betrifft unsere Generation am meisten“, sagt er. Er sei für den Windpark. „Es kann nicht sein, dass wir uns rausziehen, der Klimawandel ist real“, meint auch Enzo Gaeta, 25.

Eine neue Homepage haben Böblingen, Ehningen und Holzgerlingen an den Start gebracht. Unter www.windenergie-bb14.de informieren sie über den interkommunalen Windpark. Wer den Infoabend verpasst hat, findet eine Aufzeichnung auf der Videoplattform Youtube unter dem Link www.youtube.com/watch?v=uuyZETVm7OY .

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