Im Zentrum der IBA 27 steht die Frage: Wie leben, wohnen und arbeiten wir im digitalen und globalen Zeitalter? Foto: IBA’27 / F. Kraufmann/Archiv
Fünf Bauvorhaben im Landkreis Ludwigsburg wurden als potenzielle Projekte der IBA gehandelt. Wie ist der Stand und welche Vorhaben dürfen noch hoffen, Teil der Ausstellung zu werden?
In rund vier Jahren werden in der Region Stuttgart die Kunst des Bauens und innovative Stadtentwicklungskonzepte gefeiert. Das ist nicht mehr lange, wenn man bedenkt, dass im Grunde nur Projekte Teil der IBA werden können, die – zumindest in Teilen – schon sichtbar sind. Eine Deadline haben sich die Organisatoren nicht gesetzt, auf die Liste der offiziellen Projekte hat es aber noch keines aus dem Kreis Ludwigsburg geschafft. Hier gibt es derzeit lediglich fünf „Vorhaben“ im Netz der IBA, die zwar von der Plattform profitieren, die die Ausstellung bietet, aber sonst von den Ausstellungsorganisatoren weniger betreut werden.
Der Autobahndeckel in Freiberg am Neckar
Eigentlich ist das Ganze eine geniale Idee: In der durch die A 81 zerteilten Stadt mit ihrer starken Lärmbelastung und knappem Wohnraum könnte man dort mit einer bebaubaren Überdeckelung der Autobahn Stuttgart-Heilbronn alle drei Probleme auf einen Schlag lösen. Angedacht ist eine Mischkonstruktion aus Fachwerk für Grünbereiche und einer stabileren Decke, auf der Wohnhäuser und Gewerbeimmobilien entstehen und die Stadtteile verbinden könnten. Etwa zwei Hektar neuen „Freiraum für Freiberg“ könnte man so gewinnen.
Die Begeisterung bei der Vorstellung der Idee war so groß, dass man sie auch für die IBA 2027 eingereicht hat. Als IBA-Projekt wurde der Autobahndeckel allerdings nicht aufgenommen, lediglich im Netzwerk der Bauausstellung eingetragen als ein interessantes Vorhaben. Denn um IBA-Projekt zu werden, müsste man bis zur Messe im Jahr 2027 schon etwas Konkretes vorzuweisen haben. Von einer Umsetzung ist man in Freiberg aber noch meilenweit entfernt.
So könnte die überdeckelte A81 aussehen – wenn das Projekt realisiert wird. Foto: Animation: Leightweight Design Animation: Leightweight Design /Leightweight Design
Eine Ende 2020 im Gemeinderat der Stadt vorgestellte Machbarkeitsstudie hatte dem Autobahndeckel zwar große Chancen auf eine Verwirklichung bescheinigt, doch die hochfliegenden Pläne haben mehr als nur einen Dämpfer erhalten. Zum einen sind da die immens gestiegenen Baukosten für ein Projekt, das ohnehin nicht preiswert zu haben gewesen wäre. Zum anderen sind die Eigentumsverhältnisse völlig unklar. Die Autobahn nämlich gehört dem Bund, für den Luftraum darüber gibt es keine gesetzliche Regelung – und wem würden dann die dort zu errichtenden Gebäude gehören?
Das sind nur zwei Beispiele für viele ungeklärte und schwer zu lösende Fragen, die deutlich machen, warum die anfängliche Begeisterung geschwunden ist. Hinzu kommt, dass das Projekt ohnehin erst mit einem Ausbau der A 81 in diesem Streckenabschnitt hätte umgesetzt werden sollen. Und wie lang so etwas dauert, hat das Beispiel Sindelfingen gezeigt, wo die Autobahn sechsspurig ausgebaut und ebenfalls bis Böblingen-Hulb überdeckelt wird.
Das Bogenviertel in Bietigheim
Ruhig geworden ist es um das Bogenviertel in Bietigheim-Bissingen, das als ein großes Zukunftsprojekt der 43 000-Einwohner-Stadt gilt. Bereits vor drei Jahren sollten Abrissbagger auf das ehemalige Gelände der Deutsche Linoleum Werke (DLW) Armstrong GmbH rollen. Die Stadt und die Ingersheimer Immobilienfirma Oswa hatten das 8,5 Hektar große Areal vom Insolvenzverwalter gekauft. Das ist inzwischen sechs Jahre her, aber die zwischenzeitlich mit der Stadtverwaltung eingereichte Bewerbung für die Internationale Bauausstellung (IBA 27) erfordert von den Beteiligten viel Geduld.
Das Bogenviertel in Bietigheim. Foto: Foto: Martin Kalb
Ganz schwarz für eine Aufnahme des Bogenviertels in die Internationale Bauausstellung sieht gar der IBA-Sprecher Michael Bauer: Das Projekt Bogenviertel habe sich aus Sicht der IBA nicht so entwickelt, dass es realistische Chancen habe, Teil der Ausstellung zu werden.
Die Flaute der Bauwirtschaft hat offenbar den durchaus dynamischen Start des Projekts zunichtegemacht. Nach dem Kauf folgte schon 2017 ein städtebaulicher Wettbewerb. Die Eckpunkte mit einer jeweils 50-prozentigen Mischung aus Handel und Gewerbe, ergänzt von Erholungsflächen, standen bald fest. Es sollte eine „Stadt der kurzen Wege“ entstehen mit Kindergarten, Grünflächen und kleinen Läden – dies alles im Dreieck von Big Park, Bahnbogen und der ebenfalls begrenzenden Bundesstraße 27.
Noch im Jahr 2018 ging es mit dem Projekt zügig weiter. Das Hamburger Büro gmp international erhielt den Zuschlag für die Planung, ein Jahr später informierte die Stadt in der Aurainhalle die Bürger über den aktuellen Stand. Seitdem wird das Projekt eher hinter verschlossenen Türen weiterverfolgt. Zwar werde geplant, versichert Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadtverwaltung, doch die anhaltend schwierige Situation auf dem Baumarkt sowie das schnellere Entwickeln anderer Baugebiete in Bietigheim-Bissingen wie dem Lothar-Späth-Carré oder dem Aurain-Carré nötigten der Stadt für das Bogenviertel keine Eile auf.
Vorzeigegebiet in Kleinglattbach
in klimaneutrales Baugebiet, der Bahnhof fußläufig zu erreichen. Der Autoverkehr soll eine maximal marginale Rolle spielen, aber bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Von dieser Vision träumt heute so mancher Stadtentwickler. In Vaihingen-Kleinglattbach sollte sie zur Internationalen Bauausstellung IBA 2027 in Stuttgart Realität werden. Doch hinter dem Projekt steht ein riesiges Fragezeichen. Das mögliche Neubaugebiet für rund 1100 Bewohner wurde zum Zankapfel, der Fall beschäftigt sogar das Verwaltungsgericht in Stuttgart. Ausgang offen.
Der Vaihinger Stadtteil Kleinglattbach. Foto: Werner Kuhnle
Etwa 13 Hektar umfasst das Gelände, das die Privatinitiative Reservoir 2027 um Derk J. Groeneveld und Thomas Dippel für die IBA angemeldet hat. Es handelt sich um einen Teilbereich aus dem rund 20 Hektar großen Areal Kleinglattbach Süd II, das im Flächennutzungsplan der Kommune für eine Wohnbebauung reserviert ist. „Die IBA hatte einen Aufruf an Kommunen und Privatpersonen gerichtet, Vorschläge einzureichen, und diesen Appell haben wir aufgegriffen“, sagt Groeneveld. Mit der Stadt sei der Vorstoß nicht direkt abgesprochen gewesen, sie sei aber informiert worden, erklärt der Landwirt, dem sämtliche 13 Hektar selbst gehören.
Bei einem Bürgerdialog zur möglichen Teilnahme an der IBA wurde das Projekt wie vier weitere Ideen der Stadt diskutiert. Am Ende stand die Entscheidung des Gemeinderats, die Planungen für die 2029 anstehende Gartenschau mit höchster Priorität voranzutreiben. Das Neubaugebiet in Kleinglattbach sollte zurückgestellt werden. Das Gremium wollte sich zunächst auf die Innenentwicklung konzentrieren, erklärt der städtische Pressesprecher Matthias Löw.
Groeneveld und Co. wollten nun per Bürgerentscheid klären, ob die Vaihinger das Baugebiet nicht doch zur IBA wünschen. Sie initiierten als ersten Schritt ein Bürgerbegehren. Hierbei wurde das für einen Bürgerentscheid nötige Quorum erreicht. Der Gemeinderat erklärte das Begehren wegen Formfehlern jedoch für unzulässig. Das Regierungspräsidium Stuttgart bestätigte diese Rechtsauffassung. Die Initiative schaltete daraufhin das Verwaltungsgericht Stuttgart ein, das aber noch keinen Beschluss gefasst hat. „Wenn uns das Gericht recht gibt, müsste sofort ein Bürgerentscheid durchgeführt werden“, sagt Groeneveld. Es ist also ein Hintertürchen offen für das Vorzeigeprojekt in Vaihingen im Zusammenhang mit der IBA, aber nur ein klitzekleines.
Bahnhofsquartier in Ludwigsburg
Das Bahnhofsquartier in Ludwigsburg ist das einzige Projekt im Kreis, das sich berechtigte Hoffnung darauf machen darf, Teil der Bauausstellung zu werden. Hier soll ein Stadtviertel mit Modellcharakter entstehen, direkt am wichtigsten Knotenpunkt der Stadt: dem Bahnhof. Ein Mix aus Gewerbe, Arbeiten, Gastronomie, Freizeit, Kultur und urbane Wohnformen sollen zusammenfinden – „dabei wollen wir auch das historische Erbe und die Industriegeschichte der Firma Franck bewahren“, sagt Oberbürgermeister Matthias Knecht (CDU).
Das Franck-Areal in Ludwigsburg Foto: Simon Granville
„Es liegen viele Themen vor, nach denen wir suchen“, sagt IBA-Sprecher Markus Bauer. Weil das Areal aus einem Bestand entwickelt werde, „könnte es auch zeitlich bis 2027 noch umgesetzt werden – zumindest in Teilen“, hegt er leise Hoffnung. Stadt und Ausstellungsteam seien in regelmäßigem Austausch. Auch Baubürgermeisterin Andrea Schwarz hegt leise Hoffnung. „Wir würden uns sehr freuen, als IBA-Projekt aufgenommen zu werden und einen Beitrag zur Ausstellung 2027 leisten zu können.“, sagt sie. Für das Franck-Areal, als Teil des Quartiers, läuft derzeit ein sogenanntes Konzeptverfahren, bei dem sich Teams aus Architekten und Investoren bewerben. „Mit dem Verfahren bringen wir zündende Ideen und wirtschaftliche Überlegungen zusammen, zweifellos ein Vorteil bei Projektentwicklungen mitten in der Immobilienkrise“, sagt Schwarz. Die Resonanz auf den Wettbewerb zeige, dass das Gelände „trotz der aktuell schwierigen Marktlage attraktiv ist“, sagt Schwarz. Ob es wirklich zu einem Projekt der IBA wird, wird sich im Laufe des kommenden Jahres zeigen.
W&W-Areal in Ludwigsburg
Eingericht als Wettbewerbsbeitrag hat inzwischen die Wüstenrot Haus- und Städtebau das W&W-Areal. Das alte Firmengelände soll zu einem gemischten Quartier umgestaltet werden. Derzeit läuft ein Realisierungswettbewerb, dessen Ergebnis Ende Januar vorliegen soll. Aus Sicht der IBA-Verantwortlichen hat das Vorhaben durchaus Potenzial. „Die Themen der IBA – Bestandserhalt, Mischnutzung, produktive Stadt – wären dort gut realisierbar“, sagt Markus Bauer. Gleichwohl ist der Zeitplan bis zum Ausstellungsjahr 2027 sehr ambitioniert. „Bei gutem Willen und einer fruchtbaren Zusammenarbeit könnten aber zumindest Teile des Projekts bis dahin umgesetzt sein“, gibt sich der IBA-Sprecher optimistisch
Baugebiet Fuchshof in Ludwigsburg
Der Fuchshof zwischen der Ludwigsburger Oststadt und dem angrenzenden Stadtteil Oßweil ist die letzte große innerstädtische Fläche in Ludwigsburg, auf der Wohnungen gebaut werden sollen. Basierend auf dem Siegerentwurf eines Ideenwettbewerbs aus dem Jahr 2014 hat die Stadt ein Konzept erarbeitet, bei dem Sport, Grünflächen und Wohnen in Einklang gebracht werden sollen. 530 Wohnungen für bis zu 1300 Menschen sind geplant.
Der Fuchshof Foto: Simon Granville
Zuletzt produzierte das Wohngebiet aber eher negative Schlagzeilen. Gestritten wurde vor allem wegen Parkplätzen. Die Stadt würde gerne einen relativ niedrigen Stellplatzschlüssel anwenden, Teile des Gemeinderats halten das für irrsinnig. Dass Container für Flüchtlinge unweit der neuen Schule aufgestellt werden sollen, sorgte bei einigen in Ludwigsburg ebenso wenig für Jubelschreie. Juristische Scherereien mit Anliegern, deren Grundstücke sie kaufen wollte, hatte die Stadt auch schon.
Im Rathaus ist die Begeisterung für das größte Ludwigsburger Wohnbauprojekt aber ungebrochen. „Die gleichzeitige Entwicklung von Wohnbauflächen in Verbindung mit qualitativ hochwertigen Frei- und Sportflächen und dem Anspruch mit modernster Bautechnik Infrastrukturen zu schaffen, ist für uns etwas ganz Besonderes“, heißt es von dort. Am Ende möglichst wenig Autos im Quartier zu haben, das ist zwar nach wie vor ein Streitpunkt, wird aber weiter verfolgt, genauso wie ein „klimaneutraler Ansatz“.
Obwohl die Planungen inzwischen relativ weit gediehen sind, der Bauausschuss nickte im September den Bebauungsplan ab, ist das Projekt wohl kein Thema mehr für die internationale Bauausstellung. Die Stadt habe beschlossen selbst weiter zu planen, heißt es von den Organisatoren