Medienunternehmen müssen immer größere Datenmengen verschicken. Ohne Glasfasernetz ist dies kaum möglich. Manchmal helfe im digitalen Zeitalter nur die Nutzung eines analogen Transportmittels, um große Daten weiterzuleiten.

Stuttgart - Die Biene Maja fährt S-Bahn. Die Stuttgarter Filmproduktionsfirma M.A.R.K.13, die an dem Anfang September in den Kinos anlaufenden Animationsfilm mitarbeitete, musste auf einen Notbehelf zurückgreifen, der in digitalen Zeiten anachronistisch anmutet. Das Animationsstudio hatte Zugriff auf die Rechnerkapazitäten des Höchstleistungsrechenzentrum (HLRS) der Uni Stuttgart. Dazu mussten die insgesamt rund 115 000 Stereobilder für den Film – jedes einzelne bis zu zwölf Megabyte groß – aber zunächst von den Räumen des Unternehmens an der Theodor-Heuss-Straße zum HLRS in Vaihingen gelangen. „Leider stand uns mitten in der Stuttgarter Innenstadt kein leistungsfähiges Breitbandnetz zur Verfügung, weshalb wir im digitalen Zeitalter auf ein analoges Transportmittel zurückgreifen mussten: die S-Bahn“, erzählt M.A.R.K.13-Geschäftsführer Holger Weiß. „Unsere Mitarbeiter haben die Dateien jedes Mal auf externe Festplatten kopiert und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum HLRS und wieder zurück gebracht.“

In der vergangenen Woche hat die Bundesregierung derweil ihre „Digitale Agenda“ vorgestellt – eine Art Pflichtenheft für die digitale Gesellschaft. Es geht darin unter anderem um den Breitbandausbau, der Politik und Wirtschaft seit Jahren beschäftigt. Wie aus einem Bericht des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hervorgeht, konnten Ende 2013 im ländlichen Raum gerade einmal 15,2 Prozent aller Haushalte auf eine Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde oder mehr zurückgreifen. Dem gegenüber stehen immerhin 80 Prozent in Ballungsräumen. Bis 2018 sollen es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land 100 Prozent werden.

Für den Privatnutzer schnell genug

In Großstädten wie Stuttgart ist man breitbandtechnisch also schon heute auf der Höhe der Zeit – sollte man meinen. Doch das Beispiel von M.A.R.K.13 und Biene Maja zeigt die Realität. Der S-Bahn-Transfer hört sich umständlich an, ist aber deutlich schneller, als mehrere Monate zu warten – so lange hätte es gedauert, die Daten nur ein einziges Mal über die derzeitige Internetanbindung von M.A.R.K.13 zu verschicken. Was viele nicht wissen: die angegebenen 50 Megabit pro Sekunde beziehen sich nur auf das Empfangen von Daten, den Downstream. Verschickt man Daten (Upstream), kommt man oft nicht über ein bis fünf Megabit pro Sekunde hinaus. Für Privatnutzer stellt das in der Regel kein Problem dar, für Medien- und Kommunikationsunternehmen hingegen werden Datenübertragungsraten von mindestens einem Gigabit pro Sekunde im Down- und Upstream mehr und mehr zum entscheidenden Standortfaktor.

Erreichen lassen sich solche Geschwindigkeiten nur durch Glasfaseranbindungen, die in Stuttgart aber vielerorts nicht vorhanden sind. In der Innenstadt besitzen zwar einige Strom- und Kabelnetzbetreiber Glasfasertrassen, allerdings müssen diese von den Firmen über einen entsprechenden Telekommunikationsanbieter eigens angemietet werden. Hinzu kommt, dass die Glasfaserkabel von der Trasse aus in die jeweiligen Büroräume verlegt werden müssen. Befinden sich diese in einer Nebenstraße, werden schnell fünf- bis sechsstellige Beträge für die notwendigen Baumaßnahmen fällig. Rund 800 Euro pro Meter Glasfaser müssen derzeit kalkuliert werden. Gerade für kleinere Unternehmen ist das in der Regel zu kostspielig.

Das Rathaus klärt die Zuständigkeiten

Martin Körner, Vorsitzender der SPD-Gemeinderatsfraktion, fordert deshalb nun in einem Antrag einen digitalen Masterplan für Stuttgart: „Wenn Stuttgart hier nicht Gas gibt, fällt es bei zukunftsträchtigen Branchen und Technologien zurück und verliert Arbeitsplätze.“ Das Strategiepapier sieht unter anderem die Einrichtung einer zentralen Stelle vor, an der detaillierte Informationen zu dem bereits vorhandenen Glasfasernetz sowie zu nutzbaren Leerrohren der Stadt zusammenlaufen. Im Rathaus will man sich nun zunächst Gedanken machen, wer eigentlich zuständig ist. „Ich finde den Vorstoß der SPD richtig und wichtig. Die Kreativwirtschaft ist für den Wirtschaftsstandort Stuttgart von großer Bedeutung – und auf eine leistungsstarke digitale Infrastruktur angewiesen“, so Ines Aufrecht, Leiterin der Wirtschaftsförderung. „Zunächst müssen nun aber Verwaltung und Gemeinderat klären, wer bei diesem Projekt federführend sein wird. Die technische Kompetenz etwa hat bei diesem Thema das Tiefbauamt und nicht die Wirtschaftsförderung.“

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Stuttgart Martin Körner