Interview Arbeit als Quelle von Zuwendung

Von StZ/StN 

Wer nicht in seiner Mitte lebt, ist verrückt. Nach diesem Grundsatz berät Dr. Baldur Kirchner Berufstätige in Lebens- und Führungsfragen.

Stuttgart - Wer nicht in seiner Mitte lebt, ist verrückt. Nach diesem Grundsatz berät Dr. Baldur Kirchner Berufstätige in Lebens- und Führungsfragen. Wir haben mit dem 69-jährigen Theologen und Psychotherapeuten gesprochen.

Frage: Herr Kirchner, warum ist das Thema Führung so wichtig?

Herr Kirchner: Weil Führende, ob Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte, Einflussnehmende sind. Der Geführte hat hohe Erwartungen an den Führenden, die nicht enttäuscht werden dürfen. Deshalb geht es um mehr als Führungstechniken, die oft nur aufgesetzt, antrainiert und deshalb unecht wirken. Gefordert ist Authentizität.

Frage: Das heißt?

Herr Kirchner: Es geht um persönlich-menschliche Reife, die Ethik des Führens oder auch die integrierte Persönlichkeit, neudeutsch Work-Life-Balance. Aber ehrlich gesagt kotzt mich der Begriff an, weil er zwischen gutem Leben und schlechter Arbeit wertet, die man irgendwie in Einklang bringen müsse. Das ist doch Quatsch. Arbeit ist nichts Negatives, sondern die Quelle von Zuwendung.

Frage: Wie entwickeln Sie diese persönlich-menschliche Reife?

Herr Kirchner: Durch Erleben. Wenn ich das Ausprobierte reflektiere, wird es zu Erfahrung. Dazu brauche ich aber Zeit und einen gewissen Intellekt, den man schulen kann. In dem Wort erfahren steckt drin, dass man seine vier Wände verlassen und sich auf Neues einlassen muss. Und nur Erlebnisse, die durch Reflexion zur Erfahrung werden, kann man an andere Menschen weitergeben. Erfahrung hat auch viel mit Seele zu tun.

Frage: Was zeichnet eine gute Führungskraft aus?

Herr Kirchner: Der Führende reflektiert, wie er wirkt und wahrgenommen wird. Nur wer sich selbst beobachtet, kann auf andere eingehen. Arroganz ist oft ein Signal für fehlende persönliche Souveränität und Angst vor Emotion. Souverän ist, wer sicher ist im Umgang mit eigenen und fremden Gefühlen. Zudem hat das Wort verstehen zwei Bedeutungen, nämlich die vordergründig rationale Dimension, aber auch die emotionale, die wir Empathie nennen.

Frage: Was heißt das bezogen auf die Arbeitswelt?

Herr Kirchner: Ein wirklich Führender will nicht nur über den Mitarbeiter reden, sondern auch über sich. Er will vom Mitarbeiter hören, wie er ihn sieht und wie er sich geführt fühlt. Er wird den Mitarbeiter deshalb einladen, sich auf das Gespräch vorzubereiten, sich eventuell Notizen zu machen, um auf seine Fragen vorbereitet zu sein und sich zu überlegen, was er den Vorgesetzten fragen will. Der Grad seiner Gesprächsfähigkeit zeichnet die Reife eines Menschen aus. Kann er zuhören, verständlich sprechen, sich kurz fassen, Gefühle empfinden und zeigen?

Frage: Eines Ihrer Kolloquien heißt "die zentrierte Persönlichkeit". Was verstehen Sie darunter?

Herr Kirchner: Die zentrierte Persönlichkeit ruht in sich. Sie bewahrt auch in der Hektik Kontinuität. Sie ist in der eigenen Mitte, ist also nicht ver-rückt. Das lateinische Wort ex-zentrisch heißt ja "außer sich". Wer außer sich ist, ist losgelöst von seiner inneren Mitte, ihm fehlt die Bindung. Leben in der Mitte heißt aber Leben mit Substanz. Aristoteles nennt als zentrale Tugenden Besonnenheit und Wohlwollen. Ich ergänze Geduld und Gelassenheit. Geduld wiederum ist die Voraussetzung für ein ernsthaftes Gespräch. Denn nur, wenn ich dem anderen Zeit lasse, sich zu artikulieren, kann ich ihn auch verstehen.