Frau Mihambo, am Dienstag wäre das Weitsprung-Finale bei den Olympischen Spielen in Tokio gewesen. Ein Datum, das für Sie mit Wehmut verbunden war?
Nein.
Nein?
Es war für mich ein ganz normaler Tag. Alles andere hätte auch nichts gebracht. Es war schon immer mein Weg, nach vorne zu schauen und mich nur auf die Dinge zu konzentrieren, die ich selbst verändern kann.
Sie haben 2019 jeden Weitsprung-Wettkampf gewonnen, wurden Weltmeisterin und waren die große Gold-Favoritin für die Sommerspiele. Ist 2020 ein verlorenes Jahr?
Das Leben ist mehr als nur Leistungssport, ich habe auch in der Corona-Krise jede Menge Erfahrungen gesammelt und enorm viel gelernt. Von daher ist es auf keinen Fall ein verlorenes Jahr für mich gewesen.
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Wie erleben Sie die Pandemie?
Erst der Lockdown im März, dann die Absage der Olympischen Spiele – da gab es schon viel zu verarbeiten. Das war hart, zumal ich gleichzeitig noch eine Rückenverletzung hatte, die ich auskurieren musste. Parallel habe ich mit meinem sozialen Projekt „Malaikas Herzsprung“ angefangen, ganz viele neue Dinge ausprobiert, mich weiterentwickelt. Und ich habe mir viel Zeit genommen, um nachzudenken.
Auch über die Olympia-Absage?
Eher nicht. Ich habe schon vorher versucht, mich mental damit abzufinden und zu akzeptieren, dass die Sommerspiele wohl nicht stattfinden werden – am Ende war es dann keine Überraschung mehr, die einem den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Zumal die Absage in der damaligen Situation die einzig richtige Entscheidung war.
Grundsatzgedanken zum Leistungssport
Die Verschiebung haben auch viele Athleten vehement gefordert.
Wir Athleten sind die Träger des Systems, deshalb müssen auch wir gehört werden – künftig sicher mehr als bisher. Noch wichtiger wäre aber, sich mehr Fragen nach Werten, Grundlagen, Standards zu stellen. Und danach, was eigentlich die Botschaft des Sports ist.
Was ist aus Ihrer Sicht die Botschaft?
Dass Sport vereint. Über Kulturen, Länder und Grenzen hinweg. Der Urgedanke des Olympismus bedeutet viel mehr als den reinen Leistungs- und Wettkampfsport. Er bedeutet auch Aufklärung, Bildung und Kultur.
Wie weit weg ist der Sport von diesem Ideal?
Weiter weg, als er sein sollte.
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Derzeit werden in Deutschland die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Politik lauter. Können Sie das verstehen?
Wir alle müssen uns bemühen, die Füße weiter still zu halten. Eine Pandemie darf nicht unterschätzt werden – wir dürfen nicht zu früh zu viel wollen, müssen achtsam sein. Es ist noch nicht der Zeitpunkt, um wieder zur gewohnten Normalität zurückzukehren. Deshalb habe ich auch wenig Verständnis für Demonstrationen wie zuletzt in Berlin.
Am Wochenende finden die Deutschen Meisterschaften statt – machen Sie sich Sorgen?
Nein. Ich habe Vertrauen in das Hygienekonzept der Organisatoren. Und zusätzlich kann man ja auch selbst noch darauf achten, genügend Abstand zu halten. Alle Athleten werden rücksichtsvoll sein und sich gegenseitig genug Raum geben. Ich freue mich darauf.
Wie es zum Wechsel in die USA kam
Welche Leistungen sind in Braunschweig zu erwarten?
Diese Frage stellen Sie am besten meinem Trainer (lacht).
Er sagt, dass Sie nach nur zwei Monaten Training noch nicht in Topform sein können und zudem Ihren Anlauf verkürzen werden. Ein Sieben-Meter-Sprung sei so nicht möglich.
Ich hoffe, dass ich trotzdem eine schöne Weite springen kann. Auch mit vier Schritten weniger Anlauf.
Eine Schlagzeile in der Corona-Krise war Ihr bevorstehender Wechsel in die USA zu Ihren neuen Trainern Carl Lewis und Leroy Burrell. Wie kam es dazu?
Es ist schon lange mein Traum, Sport im Ausland zu machen, zu reisen, die Welt zu sehen. Ich bin ein Mensch, der die Herausforderung sucht. Ich freue mich darauf, von so zwei herausragenden Athleten trainiert zu werden. In unseren Videokonferenzen hat sich gezeigt, dass es auf vielen Ebenen passt.
Auf welchen?
Erst mal von der Trainingsphilosophie her. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich noch viel lernen kann. Als Athletin von jemandem, der noch weitaus erfolgreicher war, als ich es bin. Aber auch neben dem Sport.
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Inwiefern?
Ich denke, dass wir uns viel zu sagen haben werden. Carl Lewis hat sich zum Beispiel vegan ernährt, er interessiert sich viel für Politik. Da gibt es zahlreiche Ebenen, auf denen wir uns austauschen können.
Und wenn die Zusammenarbeit trotzdem nicht klappen sollte?
Weiß ich, dass ich weiterhin gute Anlaufstellen in Deutschland habe und hier auch wieder gut aufgenommen werden würde. Es war ohnehin geplant, dass ich mehrere Monate im Jahr in Deutschland trainiere.
Weitsprung und Sprint ergänzen sich weiterhin
War Carl Lewis ein Idol von Ihnen?
Ich bin zu jung, um ihn live erlebt haben zu können. Natürlich habe ich auf Youtube gesehen, was für ein herausragender Athlet er war. Es ist unheimlich inspirierend, sich mit solchen Menschen auszutauschen und zu sehen, wie sie ihren Weg gegangen sind – egal ob im Sport, in der Musik oder in anderen Bereichen der Gesellschaft. Aber letztlich bin ich nicht der Typ Mensch, der sich mit Vorbildern beschäftigt. Ich versuche, mich an mir selbst zu orientieren, weil ich ja auch nur selbst die beste Version von mir sein kann und niemals von jemand anderem.
Carl Lewis hat die Verbindung von Weitsprung und Sprint perfektioniert. Ist das auch ein Ziel von Ihnen?
Klar. Weitsprung ist meine Stärke und wird meine Nummer eins bleiben. Aber Weitsprung lebt natürlich von der Schnelligkeit, deshalb werde ich definitiv auch weiterhin regelmäßig Wettkämpfe über 100 Meter bestreiten.
Mit dem Ziel, dies bei Großereignissen zu tun?
Das liegt in weiter Ferne, gerade in einem Jahr wie diesem, in dem alles anders läuft.
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Sie sind bei der Weltmeisterschaft 7,30 Meter gesprungen, waren haushoch überlegen. Gibt es trotzdem noch Verbesserungspotenzial?
Auf jeden Fall – auch wenn es 2019 in Doha schon eine herausragende Leistung war. In den 2000-er-Jahren gab es nur noch 2016 den Sprung von Brittney Reese auf 7,31 Meter. Ansonsten hat niemand die 7,30-Meter-Marke erreicht. Das zeigt, wie hoch das Ganze einzuschätzen ist. Doch wenn ich gesund bleibe, traue ich mir noch eine Steigerung zu.
Wann geht es nach Houston zu Carl Lewis?
Es gibt noch keinen Termin. Das hängt vor allem von den Corona-Umständen ab.
Keine Gedanken an womöglich gedopte Konkurrentinnen
Carl Lewis hat neun mal Olympia- und acht mal WM-Gold gewonnen, allerdings war seine Karriere nicht frei von Doping-Vorwürfen. Er selbst räumte ein, 1988 verbotene Substanzen über ein Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen zu haben, tat dies aber als Bagatelle ab. Welche Rolle spielt das Thema für Sie?
Wer sich genauer mit dem Fall von damals auseinandersetzt, der sieht, dass es nicht so schwerwiegend war. Der Verstoß lag unter den Grenzwerten, die heute gelten, das darf man nicht vergessen. Von daher konzentriere ich mich auf die positiven Dinge, die ich von ihm mitnehmen kann. Es gibt viel zu lernen.
Werden Sie mit Ihm über seinen Fall und das Thema Doping reden?
Bisher gab es noch nicht den richtigen Rahmen dafür. Aber letztendlich lebt eine Trainer-Athleten-Beziehung immer auch davon, dass es einen offenen Raum gibt, in dem man über alles sprechen kann.
Auch das Doping-Kontrollsystem hat unter dem Corona-Virus gelitten. Es gab wochenlang weltweit keine Kontrollen. Befürchten Sie nun unerwartete Leistungssprünge?
Jeder muss für sich entscheiden, welchen Weg er gehen will . . .
. . . da könnte es doch gut sein, dass manche die Zeit ohne Tests ausgenutzt haben.
Es gibt sicher Athleten, die das vielleicht getan haben. Aber auch daran kann ich nichts ändern.