Interview mit Erwin Teufel „Die Vielfalt ist unsere Stärke“

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Er ist der Meister der Fusionen: Im Rundfunk, im Bankenwesen und im Energiebereich hat Erwin Teufel den Zusammenschluss vollendet.

Erwin Teufel glaubt an die segensreiche Wirkung des Interessenausgleichs. Foto: Steinert
Erwin Teufel glaubt an die segensreiche Wirkung des Interessenausgleichs. Foto: Steinert

Stuttgart - Erwin Teufel stammt aus der Gegend von Rottweil – das liegt zwischen Freiburg und Stuttgart, zwischen Südbaden und der Landeshauptstadt am Neckar. Der frühere Ministerpräsident, der von 1991 bis 2005 im Amt war, kennt sich aus mit den Landsmannschaften, mit den erbitterten Verteilungskämpfen der Regionen in Baden-Württemberg – schließlich hat er selbst drei Zusammenschlüsse gezimmert: im Bankenwesen, im Rundfunk und im Energie­bereich. An diesen Fusionen waren seine Amtsvorgänger spektakulär gescheitert. Sein Erfolgsrezept verrät er im Gespräch.


Herr Teufel, Sie waren dreizehn Jahre alt, als vor 60 Jahren Baden-Württemberg gegründet wurde. Erinnern Sie sich?
Ich kann mich nur an die Abstimmung selbst erinnern. Aber an die Diskussion um den neuen Südweststaat habe ich keine Erinnerung.

Alles vergessen?
Nein, ich weiß, dass ich mit meiner Mutter am Radio die großen Debatten im Bundestag verfolgt habe. Und ich habe auch detaillierte Erinnerungen an die Ereignisse davor: die schwierige Zeit der französischen Besatzung, die Währungsreform, als ich an der Hand meines Vaters aufs Rathaus ging und wir die 40 Mark Kopfgeld abgeholt haben. Später habe ich mich intensiv mit der Debatte um den Zusammenschluss beschäftigt. Ich habe die Kabinettsprotokolle der Regierung Gebhard Müllers in Tübingen und der Regierung Leo Wohlebs in Freiburg gelesen – und ich bin nach meinem Eintritt in die Junge Union mit 16 Jahren vielen Gründerpersönlichkeiten unmittelbar begegnet.

Wie war die Stimmung in diesem ersten Jahrzehnt des Landes?
In meinem Elternhaus und in der CDU Württemberg-Hohenzollern gab es ein ganz klares Bekenntnis zum Südweststaat. In Südbaden waren die Vorbehalte über Jahre hinweg größer.

In Ihrem politischen Leben ist der Südweststaat trotz der Gegensätze zwischen Schwaben und Badenern zusammengewachsen. Warum gelang dies?
Ich glaube, so wie Sie es sagen, ist es mit den Gegensätzen zu kurz gedacht. Der Süden unseres Landes war früher vorderösterreichisch. Spaichingen, wo ich wohne, und viele Nachbarstädte haben noch die österreichischen Farben im Stadtwappen – und diese Städte sind alle von Freiburg aus regiert worden. Ich unterscheide sehr zwischen der landsmannschaftlichen Herkunft, und da gibt es nicht nur Badener und Württemberger. Es gibt die Alemannen und Schwarzwälder, die Oberschwaben und Allgäuer, die Menschen von der Schwäbischen Alb und vom Odenwald, die Franken und Hohenloher, die Kurpfälzer und Remstäler und natürlich die Kerngebiete Badens und Württembergs. Württemberg hat sich durch Napoleon verzehnfacht, und Baden hat sich vervierzehnfacht. Es entstand nur langsam ein Staatsbewusstsein, ohne dass die landsmannschaftliche Herkunft aufgegeben wurde. So hört man in Oberschwaben noch heute: Was ist das Beste von Oberschwaben? Das ist die Schwäbische Alb, die uns von Stuttgart trennt.

Der kleinste Nenner ist also die Ablehnung der Stuttgarter und der Schwaben?
Es besteht eine landsmannschaftliche Identität zwischen den Alemannen und den Schwaben. Und ich sehe das alles nicht so eng. Durch Napoleon ist meine Heimat württembergisch geworden, damit habe ich gar kein Problem. Ich habe weder gegen Württemberg noch Baden Aversionen. ­Zumal ich, und das war noch Anfang der 1970er Jahre fast sensationell, als Schwabe, als Württemberger zum südbadischen CDU-Vorsitzenden gewählt wurde.

Noch immer bestehen die Gegensätze?
Es gibt heute keine grundlegenden Aversionen. Wenn man noch zwischen Badenern und Württembergern Witze macht, übrigens in Baden mehr als in Württemberg, dann ist das mehr ein gegenseitiges Foppen. Ganz überzeugt badisch ist man vielleicht noch in der Stadt Karlsruhe, aber auch dort hat man eingesehen, dass das Land viel für Karlsruhe gebracht hat . . .

Widerspruch: gerade die Karlsruher beäugen überaus kritisch, was das Land andernorts investiert, vor allem in Stuttgart.
Dann nenne ich Ihnen mal Beispiele. Erstens: was kaum einer weiß und kaum einer glaubt, es gibt in Karlsruhe mehr Landesbeamte als in der Landeshauptstadt Stuttgart. Und zweitens: in Baden-Württemberg gibt es sieben Typen von Universitäten und Hochschulen, die einzige Stadt, in der es alle gibt, heißt Karlsruhe. Karlsruhe ist vom Land sehr gut bedient worden – und meine Anstrengung war immer, dass Mannheim, das nicht so auf der Matte stand wie Karlsruhe, nicht zu kurz kommt.