Interview mit Filmakademie-Student „Dass ein Film anstößig ist, kann passieren“

Von bbü 

Mercedes bremst nicht für den kleinen Adolf Hitler – Tobias Haases Spot hat Diskussionen ausgelöst – ein Interview mit dem Werbefilmer.

Vor den Mädchen bremst der Mercedes, Foto: dpa/Filmakademie
Vor den Mädchen bremst der Mercedes, Foto: dpa/Filmakademie

Ludwigsburg.– - Mit dem Spot „MCP“ hat Tobias Haase von der Filmakademie Baden-Württemberg den First Steps Award in der Kategorie Werbefilm gewonnen. Darin nimmt er die Werbung für ein intelligentes Bremssystem von Mercedes auf. Beim kleinen Adolf Hitler im 19. Jahrhundert greift es nicht ein, das Auto überrollt ihn. Der Slogan: „Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen.“ Als der Clip veröffentlicht wurde, kam es im Internet zu regen Diskussionen. Das ist in Ordnung für Haase, denn Provokationen verwenden er und sein Teams gerne als Stilmittel.

MCP from dath - Tobias Haase on Vimeo.

Herr Haase, in Ihrem Clip verweigert das automatische Bremssystem im Falle des kleinen Adolf Hitler die Funktion, in einem weiteren stellen sich spanische Küstenwächter mit zwei Bieren einer US-Marineflotte in den Weg – warum diese Provokation?
Ich glaube, dass Konflikte und wie wir Menschen mit ihnen umgehen für Filme ein sehr interessanter Stoff sind. Deshalb geht es darin oft um Konflikte.
Aber die Menschen kaufen ein Auto wegen der perfekten Technik und nicht, weil der Werbefilm dazu provoziert.
Das glaube ich nicht. Menschen kaufen Autos vor allem aus Imagegründen. Man darf aber eines nicht vergessen: Das sind Ausbildungsfilme, und wir sind Studenten. Wir machen keine Werbung für die Produkte, sondern hauptsächlich für uns. Für uns geht es darum zu zeigen, dass wir gute Filme machen können. Man hat mir schon prophezeit, dass mir Mercedes jetzt wahrscheinlich keine Aufträge mehr geben wird. Aber es gibt genug andere, die das hoffentlich tun werden.
Bei „MCP“ schlug die Provokation ein. War es zu mutig, den Tod eines Kindes zu zeigen?
Das weiß ich nicht. In erster Linie ist „MCP“ aber ein Film. Er polarisiert, er bewegt. Genau das ist es, was einen guten Film auszeichnet. Er muss die Zuschauer bewegen und mitreißen. Dass das vielleicht an der einen oder anderen Stelle anstößig ist, kann passieren.
Wie kam es zu der Idee, ein Bremssystem zu thematisieren, das für Hitler versagt?
Das ist gemeinsam mit der Agentur Jung von Matt entstanden, die den Originalfilm zum Mercedes Collision Prevention System gemacht hat. Wir hatten bei der Agentur ein Seminar, bei dem deren Kreativer Gun Aydemir die Idee ins Spiel brachte. Wir haben lange überlegt, ob wir das machen können. Dabei wird uns oft vorgeworfen, wir hätten vorher nicht nachgedacht.
Das Thema Drittes Reich löst immer Aufregung aus. Hat Sie der Wirbel überrascht?
Wir wussten, dass der Film Aufmerksamkeit erregen könnte. Dass es aber so extrem würde, haben wir nicht erwartet. Unser Team ist international. Der Kameramann Jan Mettler kommt aus der Schweiz. Er meinte: In Deutschland ist das ein riesiger Aufreger, in der Schweiz wäre es aber nur ein lustiger kleiner Film.
Mercedes hat ja, was die NS-Zeit angeht, durchaus eine dunkle Vergangenheit. Wurde die Marke absichtlich ausgewählt?
Mercedes hat dieses Bremssystem erfunden, und der Film ist auf Mercedes zugeschrieben. Uns war aber schon bewusst, dass die dunkle Vergangenheit des Konzerns in der NS-Zeit da ist.
Wie haben Sie die Reaktion des Autobauers wahrgenommen?
Mercedes hat sich mit mir und der Filmakademie in Verbindung gesetzt. Dann haben wir darüber geredet. Sie waren zwar bestimmt, aber sehr nett, freundlich und wirklich angenehm. Damit, den Film ganz zu verbieten, haben sie nie gedroht. Aber wir haben uns ja auch von Anfang an kooperationsbereit gezeigt.



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