Dass Franz Fürst seine Pläne für das neue Viertel auf dem Killesberg immer wieder ändert, erregt Argwohn – unbegründet, sagt er im Interview und erklärt, warum.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)

Stuttgart - Der Österreicher Franz Fürst, sagt er, kennt inzwischen die Schwaben und schätzt ihre Kritik. Die Finanzierung seines „Scenario“ auf dem ehemaligen Messegelände auf dem Killesberg macht ihn trotz Bauverzugs auch nicht nervös. Das neue Stadtquartier hinter dem Hauptbahnhof wäre ein für sein Unternehmen typisches Projekt. Trotzdem hat der Bauentwickler kein Interesse.

Herr Fürst, über Ihre Projekte verrät das Internet vieles, über den Menschen Franz Fürst nichts. Hüten Sie Ihre Daten oder sind Sie öffentlichkeitsscheu?

Ich habe einen großen Bekanntenkreis in vielen Ländern und bewege mich gern in der Öffentlichkeit, aber ich will ja keine Wahl gewinnen und muss nicht preisgeben, wie viele Kinder ich habe oder wie meine Schuhgröße ist. Im Beruf lege ich größten Wert auf Transparenz. Darauf haben unsere Partner und die Menschen Anspruch.

Sie haben Ihr Unternehmen 1980 gegründet. Ist mal ein Projekt gescheitert?

Gott sei Dank nicht. Eine schwarze Null habe ich einmal geschrieben, aber gescheitert ist keines. Darauf bin ich sehr stolz.

Und die schwarze Null war?

In Salzburg, ein sehr hochpreisiges Wohnbauprojekt, wo wir ein tolles Grundstück gekauft, uns für hochwertige Architektur entschieden haben. Dann ist der Markt eingebrochen, auch waren wir mit dem Produkt der Zeit voraus. Das war um die Jahrtausendwende. Die Wohnungen zählen jetzt zu den begehrtesten der Stadt.

Der verspätete Baubeginn des Scenario hat auch Auswirkungen auf die Finanzen. Wie viel teurer wird es?

Wir tragen die Projektentwicklungskosten aus Eigenkapital. Das Grundstück ist gesichert durch Gemeinderatsbeschluss, aber wir mussten noch nicht kaufen und finanzieren. Wir bekommen vielleicht eine Erhöhung bei den Baupreisen, aber in den letzten Jahren haben die sich nicht so sehr nach oben bewegt.

Heißt, kein Betrag, der Sie nervös macht oder dessentwegen Sie bei einem Geldgeber nachfassen müssten?

Na ja. Die allgemeine Situation am Finanzmarkt ist ja bekannt. Wir brauchen natürlich eine Zwischenfinanzierung für das Projekt mit einem Volumen von über 60 Millionen Euro und werden geeignete Finanzierungspartner haben.

Wie finanzieren Sie das Scenario?

Wir beginnen einen Bau erst, wenn Projektsicherheit gegeben ist. Das bedeutet, die Genehmigung zu haben, einen Vorvermarktungsstand von 50 bis 60 Prozent und Sicherheit bei den Kosten. Wir beginnen, wenn alles ausfinanziert ist bis zur letzten Schraube. Nach der Fertigstellung geht das Gebäude in das Eigentum eines Immobilienfonds über oder ins Portfolio eines Versicherers. Wir bleiben aber Betreiber, als Ansprechpartner für alle Nutzer.

Können Sie sagen, wann der Termin des ersten Spatenstichs ist?

Wir sind dabei, die Planungen in einzelnen Punkten zu optimieren. Dann werden wir das Baugesuch einreichen. Danach ist die Stadt am Zug mit der Genehmigung. Wir rechnen damit, dass wir im Sommer, spätestens Herbst mit dem Bau beginnen.

Auf jeden Fall dieses Jahr noch?

Definitiv. Wir fangen dieses Jahr an.

„Kritik ist hier sehr qualifiziert“


Sie haben es schon gesagt: Sie feilen und feilen an den Plänen. Das hat Ihnen einige Kritik oder Misstrauen eingebracht.

Ja, wobei wir nicht ändern, weil es lustig ist, sondern alle Projekte bis zum Schluss optimieren. Ursprünglich haben wir ein Gebäude über einen Architektenwettbewerb bestellt, das primär für die Modebranche vorgesehen war und wollten 2009 eröffnen. Das war nicht realisierbar, weil wir und die Stadt die Verfahrensdauer für den Bebauungsplan unterschätzt haben. Weil der Termin sich verschoben hat, haben Mieter wieder abgesagt. So mussten wir andere Nutzungen kreieren als Mode, die im Gebäude funktionieren. Das Scenario hat eine Tiefe von 35 Metern, Standard für ein Bürohaus sind 14 Meter. Die Nutzung muss großflächig funktionieren, allein belichtungstechnisch, wie der Wellness-Club, das Möbel-Design-Center oder Kreativagenturen, die wenig Einzelbüros brauchen.

Aber warum tüfteln Sie an der Fassade?

Wir tüfteln auch nach wie vor an den Fassaden im Forum K, weil wir feste Vorstellungen zur Anmutung haben. Das Scenario ist wie eine Skulptur. Bei den derzeit gewählten Materialen gibt es eine starke Herausforderung an die Statik. Die Stahlfinnen sind 16 Meter hoch. Zwei Meter wiegen etwa eine Tonne. Das muss standsicher, aber auch künstlerisch anspruchsvoll sein. Wenn hinter den Finnen statt ursprünglich pavillonartigen Glasflächen Betonwände sind, wirkt das Haus ganz anders. Mir fehlt im Moment die Leichtigkeit. Für mich ist wichtig das Gefühl zu haben: es wird gut. Wenn ich das nicht hätte, wäre ich der Erste, der sagt, ich lasse es. Und ich sage ehrlich: Die Fassade möchte ich optimieren.

Haben Sie Verständnis dafür, dass bisher jede Änderung Argwohn geweckt hat?

Wir sind halt mit dem Scenario von Beginn an in einem starken öffentlichen Interesse. Aus dem heraus habe ich natürlich Verständnis, dass man genau beobachtet und auch kommentiert. Wir sind immer sehr offen für Anregungen, auch für Kritik. Wenn die Akzeptanz nicht hoch genug ist, muss man überlegen, ob man das Richtige macht oder was man ändert.

Ihre erklärte Unternehmensphilosophie beruht auf erstklassiger Architektur. Enttäuscht Sie, dass die Menschen nicht wenigstens im schwäbischen Sinne sagen: ned gschimpft ist genug gelobt?

Ich habe die Schwaben schätzen gelernt, auch zur Kenntnis genommen, dass hier Bürgerbeteiligung eine fast so traditionelle Bedeutung hat wie in der Schweiz. Kritik ist hier auch sehr qualifiziert. Das im Bau befindliche Stadtteilzentrum dürfte unumstritten sein. Die Architektur versteht man, da sie der Weißenhofsiedlung ähnlich ist. Das Scenario ist außergewöhnlich und bisher unbekannt. Eine Polarisierung gab es daher ab der ersten Präsentation.

Das heißt, Sie nehmen Kritik emotionslos zur Kenntnis?

Emotionslos nicht. Ohne Leidenschaft geht nichts im Leben, aber es gibt Leute, denen ich gefalle, anderen nicht. Deshalb nehme ich mir auch nicht das Leben.

Der Killesberg ist vom Investitionsvolumen Ihr bisher größtes Projekt. Wird das Ihr Maßstab für die Zukunft?

Es ist das größte Volumen, das wir in einem Einzelprojekt bisher realisiert haben. Vorgesehen habe ich das ursprünglich nicht, aber es hat sich so entwickelt. Ich muss bei der Dimension nicht bleiben, aber ich habe einen starken Ruf aus Salzburg, wichtige städtebauliche Areale zu übernehmen, die in ähnliche Dimensionen vorstoßen.

Salzburg wünscht sich einen Killesberg?

Nicht einen Killesberg, der ist einmalig, aber Konzepte mit Nachhaltigkeit für die Region. Wir schlagen oft Nutzungsmischung vor, das heißt verschiedene Interessen an einem Ort. Das ist schwierig zu organisieren, und Fehler in der Konzeption holt man nicht mehr zurück, aber sie ist notwendig für die weitere Entwicklung einer Stadt. In Stuttgart wird ja ein neuer größerer Stadtteil in Nutzungsmischung entwickelt, demnächst und hoffentlich sehr gut.

Sie sprechen von Stuttgart 21. Haben Sie Interesse?

Nein. Erst muss die Stadt die Grundlagen schaffen, gemeinsam mit den Bürgern, die gefragt werden müssen: Wie seht ihr eure Stadt? Dann müssen Experten geholt werden, die ein Programm entwickeln, das flexibel umsetzbar sein muss. Das ist nicht der Developer zur frühen Zeit. Sonst würden berechtigt Verdächtigungen laut. Denen wollen wir uns nicht aussetzen.

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