Interview mit Harry und Meghan Eine echte Seifenoper

Mehr als 100 Millionen Zuschauer hatte das groß angekündigte Interview mit Harry und Meghan. Foto: dpa/Rick Rycroft

Das royale Interview mit Prinz Harry und seiner Frau Meghan war inszeniert – und dennoch denkwürdig: weil es den Blick für Rassismus schärft, schreibt unsere Autorin Bettina Hartmann.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Stuttgart - Das Ereignis des Jahres. Die finale Abrechnung mit dem Königshaus. Vielleicht sogar der Todesstoß für die britische Monarchie? Das Interview von Prinz Harry und seiner Ehefrau Meghan mit der US-Talkkönigin Oprah Winfrey war mit aller Kunst für Dramatik angekündigt worden. Herausgekommen ist allerdings kein Spektakel, sondern eher eine Seifenoper mit Momenten zum Fremdschämen. Große Neuigkeiten? Fehlanzeige! Stattdessen ging es viel um Sticheleien und Eifersüchteleien in einer weitverzweigten Familie, um enormen Druck in „der Firma“, wie das Königshaus gern bezeichnet wird, um das Leben in einem goldenen Käfig und ja, auch um Rassismusvorwürfe gegen die Royals. „Schockierend“, wie Winfrey atemlos kommentierte, war daran allerdings höchstens, dass irgendjemand etwas anderes geglaubt haben könnte.

 

Wie in einer Durchschnittsfamilie

Dass der Buckingham-Palast einer mit harter Hand geführten Behörde gleicht, dass er ein festgefahrenes, erzkonservatives „System“ ist, kann man sich denken. Meghans Vorwurf, sie habe von dort trotz Selbstmordgedanken keine Hilfe erhalten, überrascht nicht. Auch dass es gegenüber der geschiedenen, US-amerikanischen, schwarzen, ehemaligen Schauspielerin Vorurteile gab, ist gut vorstellbar – so erschütternd und traurig das auch ist. Denn wieso sollte es bei den Royals anders, offener, aufgeklärter, politisch korrekter zugehen als in so mancher Durchschnittsfamilie?

Paar stellt sich als Opfer dar

Obwohl Depressionen zu den Volkskrankheiten zählen, sind sie noch immer ein Tabuthema, nicht nur bei den als steif, ja sogar gefühlskalt geltenden Royals. Eine Erfahrung, die wohl auch Prinzessin Diana machte, Harrys jung verstorbene Mutter. Sie ist es auch, die der Prinz als mahnendes Beispiel angibt: Er habe nicht gewollt, dass sich mit seiner kleinen Familie „Geschichte wiederholt“. Daher der Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Dass seine Großmutter, die Queen, daraufhin die finanzielle Unterstützung einstellte, beklagt der Prinz im Interview bitterlich – und rechtfertigt so auch den Abschluss von millionenschweren Verträgen mit Netflix und Spotify. Er konnte ja gar nicht anders. Überhaupt stellen sich die beiden fast zwei Stunden lang, unterbrochen durch lange, gut bezahlte Werbeblöcke, als bedauernswerte Opfer dar. Womit sie Sympathien verspielen. Wer weiß, möglicherweise folgt gar Harrys Ausschluss von der Thronfolge, nachdem ihm kürzlich bereits sämtliche Ämter, Schirmherrschaften und Ehrentitel entzogen wurden.

Alles nur Kalkül?

Dabei wären er und Meghan gern so vieles gleichzeitig: Klimaschützer, Filmproduzenten, Wohltäter, Teil des Jetsets, Influencer, Unternehmer. Am liebsten aber ganz einfache Privatpersonen. Das ist nachvollziehbar. Doch es mutet befremdlich an, wenn zwei Menschen, die von der Öffentlichkeit leben, plötzlich auf Privatsphäre pochen. Wer ungestört sein will, zieht zudem nicht in einen Luxusort, in dem es vor Promis und Paparazzi wimmelt. Er gibt auch kein TV-Interview vor mehr als 100 Millionen Zuschauern. Und er nutzt die royale Abstammung nicht zur Eigenvermarktung. Die zugegeben gut funktioniert.

Also alles nur Kalkül? In einem Punkt zumindest nimmt man dem Paar echte Bestürzung ab – beim Thema Rassismus. Wie verletzend muss es sein, wenn über die „mögliche dunkle Hautfarbe“ des eigenen, ungeborenen Kindes spekuliert wird? Das führt einmal mehr vor Augen: Diskriminierungen sind allgegenwärtig. Und das ist der eigentliche Skandal, das wahrhaft Beschämende, das dieses Interview offenlegt. Dem Königshaus, so überholt es als Institution auch sein mag, wird durch das Interview trotz einiger schwerwiegender Vorwürfe kaum dauerhafter Schaden entstehen. Fast 70 Prozent der Briten stehen laut Umfragen fest zur Monarchie. Es ist nicht mal zu erwarten, dass der Palast öffentlich Stellung beziehen wird. Denkwürdig und wichtig war der Auftritt trotzdem: Er könnte dazu beigetragen, den Blick für Rassismus zu schärfen. Im Königshaus wie in der Gesellschaft.

bettina.hartmann@stzn.de

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