Interview mit Hells Angel „Jeder Tote ist ein Toter zu viel“

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)
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Diese Gewalt schaukelt sich hoch, wie man am Streit mit den Bandidos sehen kann.
Das gibt es doch selbst in der Schule bei Jugendlichen, dass sich zwei Cliquen mal fetzen. Sie haben doch als Junge sicher auch mal Reibereien gehabt.

Wir sprechen über erwachsene Männer mit Waffen. Es gab mehrfach Tote bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Rockerclubs.
Das ist absolut scheiße, keine Frage. Juristisch gesehen gab es aber nur einen Mord, der an Robert in Ippenbüren, der von zwei Bandidos umgebracht wurde. Dann einen toten Bandido in Duisburg und den Fall in Kaiserslautern. Jeder Tote ist ein Toter zu viel. Aber es ist nicht so, dass Rocker mordend durchs Land ziehen, wie es Behörden und Teile der Medien suggerieren.

Aber es ist doch Irrsinn, dass Leute sterben, weil sie einem anderen Club angehören.
Die Gründe sind doch immer verschieden und haben nicht immer was mit dem Club zu tun. Suff, verletzter Stolz, Drogen, vielleicht Eifersucht. Wieso gibt es Morde außerhalb der Hells Angels? Es sind immer ähnliche Gründe. Warum macht bei uns daraus gleich organisierte Kriminalität?

Weil die Polizei genau diesen Verdacht hat und es zahllose Vorfälle gibt, die ein beängstigendes Gewaltpotenzial nahelegen. Nehmen Sie den Fall des toten SEK-Beamten, der von einem Hells Angel erschossen wurde.
Das war der Super-GAU, eine üble Geschichte, die wir alle bedauern. Aber das wird oft vergessen: der Mann wurde vom Bundesgerichtshof freigesprochen.

Weil er von Bandidos bedroht worden war und laut Gericht unter Notwehr gehandelt hatte. Das Urteil ist umstritten. Aber allein die Situation, dass da einer fürchtet, von anderen Rockern umgebracht zu werden, ist doch ein Beleg für die Gefahr.
Das können Sie nicht verallgemeinern. Ich sitze den ganzen Tag mit offenen Türen in meinem Atelier, ohne zu befürchten, umgebracht zu werden. Die Rivalitäten in der Szene haben sich irgendwann mal entwickelt, keiner weiß mehr so genau warum. Es ist schwer, das Rad in die andere Richtung zu drehen. Wobei in der Szene erkannt wurde, dass es so nicht weitergehen kann. Die meisten Leute auf beiden Seiten sind so vernünftig, dass sie dem Konflikt aus dem Weg gehen.

In Berlin scheinbar nicht. Dort fürchtet die Polizei eine weitere Eskalation.
Sie meinen wohl die Falschmeldung, die Berliner Hells Angels würden keine anderen Clubs neben sich dulden? Sie geisterte noch tagelang durch die Presse, obwohl sie von uns sofort dementiert wurde.

Die Hells Angels können ja schlecht sagen: Stimmt, wir dulden keinen Club neben uns.
Jetzt langt es aber! Sind denn nur wir in der Beweispflicht? Vor ein paar Wochen hieß es: „Die Hells Angels haben einen Türken umgebracht und einbetoniert.“ Es gab Razzien mit mehr als 1000 Polizisten, darunter die Elitetruppe GSG 9. Es wurde von einem angeblichen Folterkeller gesprochen, eine Lagerhalle wurde abgerissen – ein Millionenschaden. Wochenlang wurde eimerweise nur Scheiße über uns ausgegossen. Vergangene Woche wurde die Suche schließlich erfolglos eingestellt. Jetzt wird ermittelt, ob der Mann nicht doch noch lebt. Ende 2010 waren in Frankfurt 2500 Beamte im Einsatz. „Hells Angels haben Polizisten gekauft, den Staat untergraben“, hat es damals geheißen. Fünf Polizisten wurden festgenommen und – wie wir – vorverurteilt. Heute sind sie alle rehabilitiert und wieder im Dienst. So viel zu der Glaubwürdigkeit der Behörden.

Auch das Thema Drogen ist also nur eine böse Kampagne?
Wir hatten Leute bei uns, die mit Drogen gehandelt haben, einer in Berlin vor circa acht Jahren mit riesigen Mengen. Daraufhin haben wir gesagt, dass wir es uns nicht bieten lassen können, dass sich Einzelne auf Kosten des Clubs die Taschen voll machen und wir alle als Dealer dargestellt werden. Seitdem ist bei uns in Deutschland Drogenhandel verboten, und diese Leute fliegen sofort raus. In den letzten acht Jahren ist das siebenmal vorgekommen. Sicher, die Entwicklung der Rockerszene in den vergangenen zehn Jahren ist nicht förderlich gewesen. Auch wir sind zu stark gewachsen. Gerade im Umfeld der Clubs und in manchen Support Clubs hat sich eine Klientel angesiedelt, die wir zum Teil nicht haben wollen. Deshalb werden zurzeit reihenweise Support Clubs wieder aufgelöst.

Haben das die Chefs beschlossen?
Es gibt keine obskure Tafelrunde, in der die Chefs der Charter zusammensitzen und beschließen, wer wo abgemurkst wird. Aber natürlich treffen wir uns ab und zu wie letztens auf dem World Run in Graz.

Und an Ihren Clubabenden reden Sie über Gott und die Welt und Motorräder?
So ungefähr, natürlich weniger über Gott. Wir Stuttgarter treffen uns zweimal die Woche. Einmal ist Clubsitzung, da reden wir über alles, was es in einer Familie zu bereden gibt. Private Probleme etwa, oder wie die nächste Party aussehen soll oder ob das Clubheim gestrichen werden muss. Am Clubabend ist auch die „andere“ Familie dabei, also Frauen und Kinder, sowie jede Menge Freunde. Ansonsten verbringen wir viel Zeit mit Motorradfahren.

Klingt richtig idyllisch. Im Landtag klang es kürzlich anders, als es um die Hells Angels ging. Der SPD-Mann Nikolaos Sakellariou sprach von „Kriminellen der übelsten Sorte“ und der „Fratze der Rockerkriminalität“.
Zu dieser inkompetenten und populistischen Darstellung fällt mir nichts mehr ein.




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