InterviewForschungsverbund SED-Staat „Es gab eine fremdenfeindliche Grundstimmung“

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Offiziell hatten sich Honecker und Co. den Internationalismus auf die Fahnen geschrieben. Tatsächlich sei die Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland aber eine Erblast der DDR, sagt Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat.

Im sächsischen Heidenau kesselte die Polizei Rechtsextreme ein, die trotz eines Versammlungsverbots gegen Flüchtlinge demonstrierten. Foto: dpa-Zentralbild
Im sächsischen Heidenau kesselte die Polizei Rechtsextreme ein, die trotz eines Versammlungsverbots gegen Flüchtlinge demonstrierten. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Offiziell hatten sich die DDR Internationalismus auf die Fahnen geschrieben. Tatsächlich sei Ostdeutschland „deutschnational geprägt“ gewesen, sagt der 65-jährige Projektleiter des Forschungsverbunds SED-Staat.

Herr Staadt, sind die Deutschen im Osten fremdenfeindlicher als im Westen?
Es sieht so aus, nach allem, was sich aus Statistiken herauslesen lässt. Dafür spricht auch die Vorgeschichte.
Ist die Fremdenfeindlichkeit ein DDR-Erbe?
Es gibt sicher nicht nur historische Gründe, aber eine starke historische Grundierung. Das hat mit der stark deutschnational geprägten Phraseologie der SED zu tun und mit dem Umstand, dass die DDR abgeschottet war. Da lebten nicht viele Ausländer. Und die wenigen waren vor allem der ländlichen Bevölkerung fremd. Es kam zu Auseinandersetzungen. Viele waren der Meinung, schon die 190.000 Ausländer, die es damals in der DDR gab, seien zu viel.
Wie verträgt sich das mit dem propagierten „Internationalismus“ und dem zur Staatsideologie erklärten Antifaschismus?
Jochen Staadt ist Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin. Foto: Zentralbild
Das war die Oberfläche, unter der alles zugedeckt wurde, was an der Basis passierte. Es gab über die ganze Geschichte der DDR hinweg fremdenfeindliche Grundstimmungen, vor allem unter Jugendlichen. Oft waren das auch Reaktionen auf Vorgänge in der Bundesrepublik. Als zum Beispiel 1959 in Köln die Synagoge mit antisemitischen Sprüchen beschmiert wurde, kam es zu Folgetaten in der DDR. Allein in Ost-Berlin hat die Polizei zwischen Januar und Mitte Februar 1960 über 200 Hakenkreuzschmierereien registriert. 56 Personen wurden damals festgenommen. Das wurde geheim gehalten. Darüber wurde weder in den Schulen gesprochen noch öffentlich berichtet. Das hielt man unter dem Deckel der gleichgeschalteten Medien. Man hat so getan, als gäbe es das einfach nicht.
Wie gingen DDR-Bürger mit Fremden um?
Es gab Vietnamesen. In den achtziger Jahren kamen auch Vertragsarbeiter aus Mozambique, Angola und Kuba. Die Vietnamesen waren praktisch gettoisiert. Sie führten ein Eigenleben, wurden aber schon damals als „Fidschis“ beschimpft. Es kam oft zu Auseinandersetzungen, weil die Vietnamesen schneller arbeiteten als die DDR-Kollegen. Das führte sogar zu Schlägereien. Auf dem Land gab es häufig Zusammenstöße mit Schwarzafrikanern oder Kubanern. Da waren zum Teil größere Gruppen beteiligt. Es zogen 30, 50, 60 Leute vor die Wohnheime und randalierten. Die Volkspolizei konnte das kaum in den Griff bekommen. Es ist ein großer Unterschied im Vergleich mit dem Westen, dass es solche Massenaufläufe gab.
Wie haben Volkspolizei und Stasi reagiert?
Die sind eingeschritten. Es kam auch zu Zwischenfällen, bei denen sogar Warnschüsse abgegeben wurden. Es wurden Leute festgenommen und angeklagt wegen Rowdytums. Häufig findet man in den Protokollen allerdings Schuldzuweisungen an die Fremden. Die Urteile gegen die beteiligten Deutschen fielen meist sehr milde aus. Die Stasi hat das alles registriert und versucht zu analysieren. Sie haben festgestellt, dass das zunimmt. Man wollte das mit „erzieherischen Maßnahmen“ in den Griff bekommen. Aber das blieben hohle Phrasen.
Wie wurde das bemäntelt?
Die Stasi hat immer von „rechten Jugendlichen“ geschrieben. Sie haben stets protokolliert, wenn etwa nach einem Fußballspiel Leute durch Ostberlin zogen und „Juden raus“ schrien – obwohl in der ganzen DDR damals nur noch 400 bekennende Juden lebten. Aber SED und Stasi haben den Kern nicht erfasst. Sie vertraten die Ansicht, das sei vom Westen importiert. Es habe mit der DDR nichts zu tun.
Offiziell gab es in der DDR keine alten Nazis mehr. Wie war es tatsächlich?
Die Nazis waren in Deutschland am Ende des Dritten Reichs ziemlich gleich verteilt. Aus dem Osten sind manche geflohen, weil sie befürchten mussten, von der Roten Armee härter angefasst zu werden als von den Westalliierten. Aber es blieben 1,5 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder in der DDR zurück. Die sowjetische Besatzungsmacht hat die Entnazifizierung 1947 offiziell für beendet erklärt. Von da an war es erlaubt, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder in die SED eintreten konnten. Das ging dann recht zügig. In Thüringen, wo die Nazis eine Hochburg hatten, gab es bald mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder in der SED als ehemalige Mitglieder der Kommunistischen Partei aus den zwanziger Jahren.
Die Kanzlerin sagt, es führe uns nicht weiter darüber zu streiten. Was denken Sie?
Wer die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit bekämpfen will, muss wissen, woher das kommt. Wichtig ist schon, dass die großen Auseinandersetzungen, die im Westen über NS-Täter im eigenen Land geführt wurden, in der DDR nicht stattfanden. Sie wurden unter dem offiziellen Antifaschismus glattgebügelt. Offiziell gab es Nazis nur im Westen. Die im eigenen Land durfte es gar nicht geben. Wenn darüber SED-intern diskutiert wurde, hieß es, das sei dem Einfluss westlicher Medien geschuldet.