InterviewInterview mit Jossi Wieler Die Staatsoper Stuttgart als Werkstatt

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Was fesselt Sie am Musiktheater?

Das sind verschiedene Aspekte. Zunächst das kollektive Kunstwerk, das erst möglich wird durch verschiedene Spezialisten. Jedes Chormitglied ist ein ausgebildeter Sänger, die Musiker im Graben und die Solisten natürlich auch, und was ein Inspizient können muss, um eine Vorstellung zu "fahren" - das beeindruckt mich und ist nochmals komplexer als im Schauspiel. Und dann: die Anforderungen des Materials sind in der Oper so konkret! Da geht es nicht wie im Schauspiel nur um eine Psychologie, bei der oft nicht klar ist, geht es noch um die Figur oder dreht es sich nur noch um die Befindlichkeit des Schauspielers. Mich begeistert, was Sänger mitbringen an Disziplin und Offenheit. Sie haben ihre Partie bis zur ersten szenischen Probe musikalisch bereits verinnerlicht, um voraussetzungslos und selbstvergessen gemeinsam mit der Regie zu spielen und zu experimentieren. Bei Schauspielern ist das manchmal umwegiger und verstellter.

Diese Offenheit der Sänger hat übrigens Sebastian Baumgarten, ebenfalls ein Regisseur, der Oper und Schauspiel inszeniert, genau wie Sie hervorgehoben.

Leider wird diese Offenheit oft ausgenutzt von Regisseuren und Dirigenten. Deshalb ist es wichtig, passende Teams, Ensembles zusammenzustellen. Man kann dann als Regisseur dem wachen Geist und der Intelligenz der Sänger Verantwortung übertragen. Viele unserer schönsten szenischen Findungen kann ein Regisseur gar nicht erfinden, er kann nur den Boden bereiten. Der Sänger "bringt" es dann sozusagen. Es freut einen viel mehr, wenn der szenische Prozess eine Eigendynamik gewinnt, als wenn man jede Bewegung vorgeben müsste.

Worin wird sich Stuttgart von Häusern wie München, Zürich, Frankfurt unterscheiden?

Dieses Haus wird sich von den genannten durch die beiden dominanten Regielinien unterscheiden, hier Andrea Moses, die gleich in der ersten Spielzeit drei Stücke inszenieren wird, dort das Team Wieler/Morabito mit zwei Neuinszenierungen. Ich hoffe, dass das einen gewissen Stil, die Arbeitsatmosphäre, und - um ein großes Wort zu verwenden - ein Arbeitsethos prägen wird. Wenn ich mich umschaue, dann sehe ich, dass diese Häuser in ihrer künstlerischen Ausprägung nicht so verschieden sind. Mehr oder weniger tauchen die gleichen Regienamen auf. Ich wünsche mir für Stuttgart eine Unverwechselbarkeit, und die hängt von Kontinuität und Verbindlichkeit ab. Die Stuttgarter Oper war immer schon vom Ensemblegedanken geprägt, bereits in den Zeiten von Walter Erich Schäfer und Wolfram Schwinger.

Geplant ist, dass pro Spielzeit mindestens je zwei Neuinszenierungen vom Duo Wieler/Morabito und von der Hausregisseurin Andrea Moses verantwortet werden, dazu eine Arbeit eines Gastregisseurs. Man könnte spontan ausrufen: ein Regiekloster! Entsteht dadurch nicht Monotonie? In fünf Jahren wird es insgesamt nur fünf zusätzliche Regiefarben geben.

Aber es sind doch nicht die Regisseure, die die Ästhetik einer musiktheatralischen Veranstaltung diktieren sollten - auch wenn das immer öfter so passiert! Nein, unsere Dialogfähigkeit mit den Werken ist doch entscheidend, sie ist es, die für ästhetischen Reichtum sorgt, nicht die beliebig anwendbare und austauschbare "Verpackung". Und vergessen Sie nicht: das, was wir vorhaben ist ja nicht neu, denken Sie an den Intendanten-Regisseur Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin oder im Schauspiel an die große Zeit der Schaubühne mit den Antipoden Michael Grüber und Peter Stein.

Ja, Felsenstein hatte aber acht, neun Premieren und nicht fünf oder sechs.

Das mag sein. Dennoch, worauf ich hinausmöchte: Regisseure wie Günther Rennert und Ernst Poettgen haben in Stuttgart an einem Ort gearbeitet und in ein Haus investiert. Aus meiner Erfahrung hier könnte mit dem Potenzial des ganzen Hauses, den Werkstätten, der Technik und nicht zuletzt auch dem Stuttgarter Publikum etwas entstehen, das woanders so nicht möglich ist. Ja, ich bin mit einem gewissen Maß an Arroganz oder Eitelkeit, wie immer man das nennen mag, überzeugt, dass hier bei unseren Inszenierungen oft etwas Besonderes entstanden ist, und deshalb werde ich exklusiv in Stuttgart Regie führen, auch in den nächsten Jahren kein Schauspiel inszenieren. Man könnte das auch als Selbstbeschränkung oder Bescheidenheit bezeichnen.

Dennoch, gehen wir mal vom Publikum aus, das wird nur drei Handschriften sehen...

Die Arbeiten von Moses und Wieler/Morabito unterscheiden sich ästhetisch, so wie auch meine Arbeiten mit Morabito immer wieder andere Theaterwirklichkeiten geschaffen haben: "Alcina" sieht ganz anders aus als "Siegfried" - obwohl beide Male Anna Viebrock die Bühne und die Kostüme gemacht hat. Im Moment schaffen wir es noch, nicht zuletzt auch uns selbst immer wieder zu überraschen. Das setzt allerdings voraus, dass die Inszenierungsarbeit ein offener, lebendiger Prozess bleibt, und das ist es auch, was wir an den Regisseuren lieben und bewundern, die wir einladen.

Sollte ein Opernhaus der Größe und des Ranges Stuttgarts nicht allein Originalinszenierungen zeigen? Der "Don Giovanni" von Andrea Moses zum Ende Ihrer ersten Spielzeit ist eine Bremer Produktion von 2010, in der Spielzeit 2013/14 wird Moses' Dessauer "Chowanschtschina" hier gezeigt.

Auch Peter Konwitschnys "Elektra" oder unser "Doktor Faust" hatten anderswo Premiere und waren dennoch wichtige Produktionen der Zehelein-Ära. Der "Don Giovanni" und die "Chowanschtschina" sind tolle Inszenierungen, auf die man sich freut, sie noch mal zu sehen, und die hier mit einem distanzierten Blick frisch erarbeitet werden. Die Staatsoper Stuttgart wird eine Werkstatt sein und überregionale Ausstrahlung haben.