Interview mit Markus Babbel Seite 3: "Mentalität schlägt Qualität"

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Dann stimmt es also, wenn es immer heißt, den Hoffenheimern gehe es zu gut, sie seien zu schnell zufrieden und nicht bereit, sich zu quälen, wenn es mal nicht läuft?
Nein, so wie Sie es sagen, würde ich es nicht stehen lassen. Aber die Mentalität ist sicher ein Bereich, in dem wir etwas mehr arbeiten müssen. Die Jungs können alle gut kicken – aber ich sage immer: Mentalität schlägt Qualität. Es darf daher nicht diesen Hang zur Gleichgültigkeit geben, diese Einstellung: dann versiebe ich halt die Chance, dann verliere ich halt das Trainingsspiel. Das kann nicht sein.

Wie sehr hat Sie am vergangenen Samstag die 1:7-Niederlage gegen den FC Bayern erschreckt?
Das Spiel tat brutal weh, und zwar von der ersten bis zur letzten Minute. Ich war am Ende froh, als es vorbei war, denn zwischenzeitlich hatte ich befürchtet, dass wir zweistellig unter die Räder geraten.

Haben Sie so ein Debakel jemals zuvor miterlebt?
Ich habe sogar schon einmal 0:7 verloren, in einem Freundschaftsspiel mit den Bayern gegen La Coruña. Ich weiß also, wie es ist, wenn so eine Maschinerie Fahrt aufnimmt und man aus dieser Mühle nicht mehr rauskommt. Deshalb konnte ich neulich die 1:7-Niederlage von Leverkusen in Barcelona nachvollziehen, genau wie unsere Klatsche in München. Das ändert aber nichts daran, dass ich bitter enttäuscht bin und mich noch in 15 Jahren an dieses Spiel erinnern werde. Wir sind auseinandergefallen. Das darf uns nicht mehr passieren.

Inwieweit könnte Ihr viel beschworenes Bayern-Gen dabei helfen, der Mannschaft die nötige Einstellung zu vermitteln?
Ich versuche, das weiterzugeben, was ich bei den Bayern von klein auf gelernt habe: dass ich jedes Spiel gewinnen will. Von meinen Spielern verlange ich, dass auch sie die Überzeugung haben, unbedingt gewinnen zu wollen. Dafür brauche ich Leute, die bereit sind mitzuziehen. Jeder Einzelne muss sich klarmachen: ich bin wichtig, ich muss Vollgas geben, damit wir den Weg weitergehen können.

Wohin soll es denn gehen?
Ich bin kein Trainer, der im Mittelfeld rumdümpeln will. Ich habe den Anspruch, die internationalen Plätze zu erreichen.

Das wollen viele.
Es gibt mit dem FC Bayern, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen drei Mannschaften, die den anderen qualitativ überlegen sind. Hinzu kommt der VfL Wolfsburg, der in der neuen Saison sicher noch einmal brutal investieren wird, wie ich gehört habe. Aber beim Rest entscheidet die Tagesform – ob das Schalke, der VfB, Hannover oder Gladbach ist. Da müssen wir mit dabei sein. Jedem unserer Spieler muss klar sein: wenn wir unsere Leistung abrufen, sind wir besser als die. Wenn wir das schaffen, sind wir oben dabei.

Das heißt, Sie zählen den VfB Stuttgart eher in die Kategorie Hannover als in die Kategorie Leverkusen?
Ich meine damit auch die finanziellen Möglichkeiten. Beim VfB sind die fetten Jahre vorbei. Wie man hört, müssen teure Spieler abgegeben werden, und große Transfers sind nicht mehr möglich. Trotzdem kann auch der VfB vorne mitspielen – aber nur dann, wenn alles passt. Das gilt für viele Mannschaften – auch für uns.

Hoffenheim wird aber neben Leverkusen und Wolfsburg auch zu jenen Clubs gezählt, bei denen Geld keine Rolle spielt.
Ohne Dietmar Hopp zu nahe treten zu wollen: der VW-Konzern hat doch noch mal ganz andere Möglichkeiten als Dietmar Hopp. Wenn die sagen, jetzt wollen wir mal richtig Gas geben, dann tun sie das auch. Und wenn in Wolfsburg 50 oder 100 Millionen Euro ausgegeben werden, interessiert das doch keinen angesichts der 15 Milliarden, die VW im vergangenen Jahr erwirtschaftet hat. Außerdem sind wir kein Werksclub, sondern ein Traditionsclub . . .

. . . der sich über fehlende finanzielle Zuwendungen ebenfalls nicht beklagen muss. Wie sehr werden Sie zur neuen Saison die Mannschaft aufrüsten?
Es ist nicht so entscheidend, ob man viel oder wenig Geld ausgibt. Wir haben uns hier auch an interne Regeln zu halten. Wichtiger ist, fleißig zu sein und frühzeitig zu schauen, wo etwas machbar ist. Es kann auch sein, dass ich zu dem Schluss komme, wir müssen gar nichts machen, weil die Mannschaft klasse ist. Wenn wir aber auf der einen oder anderen Position Handlungsbedarf sehen, werden wir auch etwas Geld in die Hand nehmen. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen.
Das Gespräch führten Marko Schumacher und Carlos Ubina.




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