Interview mit Michael Krüger „Mir hat immer eine Stunde gefehlt“

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Exklusiv Der Autor und Chef des Hanser Verlags, Michael Krüger, ist seit fünfzig Jahren im Geschäft. Diese Buchmesse ist seine letzte. Der StZ-Redakteur Stefan Kister hat sich mit ihm unterhalten – und einiges über die frühen Jahre und das Warten beim Frackverleih verfahren.

Seit fünfzig Jahren ist der Hanser-Verleger Michael Krüger im Geschäft. Foto: Hanser Verlag
Seit fünfzig Jahren ist der Hanser-Verleger Michael Krüger im Geschäft. Foto: Hanser Verlag
München - - Im Büro des scheidenden Leiters des Hanser Verlags, Michael Krüger, steht eine schwere, schwarze Steintafel: „Extemporale Zone“ ist darauf eingraviert, ein Geschenk des Künstlers Bazon Brock. Doch die Zeit hat die mit Büchern, Manuskripten und Trouvaillen aller Art vollgestopfte Wirkungsstätte dieses Verlegerurgesteins eingeholt. Die Uhr tickt. In drei Monaten geht eine Ära zu Ende. Krüger ist im Stress und zündet sich erst einmal eine Zigarette an.
Herr Krüger, in Ihrem Büro deutet noch nichts auf einen baldigen Auszug.
Ich bin momentan in einem Zustand der Auflösung, ja der Verblödung. Ende des Jahres soll ich das hier besenrein übergeben. Dann sitzt ein neuer Mensch an diesem Platz, mein Nachfolger Jo Lendle. Jetzt kommt noch einmal alles zusammen. Ich habe vieles angenommen, was ich besser hätte bleiben lassen sollen. Im Dezember werde ich siebzig, danach wird niemand mehr etwas von mir wissen wollen. Das ist eine Gemengelage aus Eitelkeit und Panik.
Gehört nicht zu dem Phänomen Krüger seit je die Unmöglichkeit, die literarische und verlegerische Produktivität mit den Gegebenheiten eines Arbeits­tages zusammenzudenken?
In meinem Roman „Himmelfarb“ sagt die Hauptfigur, ein alter Mann, den Satz: „Mir hat im Leben immer eine Stunde gefehlt – eine Stunde für das Nachdenken, eine Stunde für die Liebe, eine Stunde für dies und für jenes.“ Das bezeichnet ziemlich genau meine Situation. Mir hat immer eine Stunde gefehlt.
Und wann lesen Sie? Allein die Herbst­neuerscheinungen von Hanser halten einen normalen Leser das Jahr über in Trab.
Das wird immer mehr zum Problem, der Verlag ist schließlich nicht kleiner geworden. Da kommen schnell zweihundert Titel zusammen. Deshalb fahre ich so gern mit der Deutschen Bahn, weil ich da einige Stunden konzentriert lesen kann. Von mir aus können die Leute mit ihren Telefonen quatschen – macht mir gar nichts. Hauptsächlich aber lese ich abends und nachts.