ExklusivInterview mit Reese Witherspoon Abschied von der braven Blondine

Die Schauspielerin Reese Witherspoon kommt mit einem neuen Film in die Kinos. Foto: dpa
Die Schauspielerin Reese Witherspoon kommt mit einem neuen Film in die Kinos. Foto: dpa

Lange spielte Reese Witherspoon das nette Mädchen von nebenan. In ihrem neuen Film zeigt sich die Schauspielerin in expliziten Sexszenen. Im Interview erzählt sie, warum sie darauf nicht verzichten wollte.

Stuttgart – - Reese Witherspoon ist eine Frau der Widersprüche. Bekannt wurde sie in ihrer Rolle als Countrysängerin June Carter in der Johnny-Cash-Filmbiografie „Walk the Line“. Andererseits klebt das Image romantischer Komödien wie „Natürlich blond“ oder „Sweet Home Alabama“ an ihr. Nun steckt die Mutter dreier Kinder diese Gegensätze in ihre neue Rolle. In der Bestsellerverfilmung „Der große Trip – Wild“ spielt sie die wahre Geschichte von Cheryl Strayed, einer Frau, die ihre Dämonen bekämpft, in dem sie alleine den Pacific Crest Trail entlang wandert. Wir trafen die 38-Jährige in London.
Miss Witherspoon, wie sind Sie denn auf die Geschichte von Cheryl Strayed gestoßen?
Ich hatte das große Glück, dass Cheryl mir eines der ersten Exemplare schickte, sicherlich vier Monate, bevor es in den Handel kam. Einfach auf Verdacht; sie hatte irgendwie das Gefühl, dass ihre Geschichte etwas für mich sein könnte. Es landete bei meinem Agenten auf dem Tisch, der erst einmal skeptisch war. Eine junge Frau auf Wanderung? Er war sich nicht sicher, ob mich so etwas interessierte. Aber für mich klang das nach einer coolen Sache.
Ihr Instinkt trog Sie nicht...
Mehr als das. Denn ich hatte ja keine Ahnung, wie gut diese Geschichte wirklich war. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Und das ist etwas, was mir nicht allzu oft passiert. Damals musste ich gerade für ein Wochenende nach New York. Die erste Hälfte las ich auf dem Hin-, die andere auf dem Rückflug. Beide Male heulte ich wie ein Schlosshund. Nach der Landung in Los Angeles rief ich meinen Agenten an, damit er umgehend ein Treffen mit dieser Frau vereinbaren konnte. Nur vom Lesen hatte ich das Gefühl sie zu kennen.
Sie haben sich dann auch tatsächlich sehr gut kennengelernt. Ist das nicht seltsam, wenn man diese Frau dann auch noch darstellen muss?
Ich habe Cheryl nicht nur gut kennen gelernt, sondern sie war sogar fast jeden Tag bei den Dreharbeiten mit dabei. Das machte mich am Anfang durchaus ein wenig nervös, so gerne ich sie mag. Das Gefühl, ausgerechnet von ihr gemustert zu werden, war mir irgendwie unbehaglich. Doch es dauerte wirklich nicht lange bis ich merkte, dass sie vor allem da war, um mich zu ermutigen und zu bestärken. Schon in der Vorbereitungsphase war sie immer für mich da gewesen – und so ging es dann einfach weiter.
Das Unbehagen legte sich also?
Am Ende war es sogar so, dass ihre Anwesenheit mich enorm beruhigte und fast eine Art Sicherheitsnetz darstellte. Nur dass sie ausgerechnet auch an dem Tag da war, als wir die Szene drehten, in der ich Sex mit zwei Typen zwischen lauter Restaurantmülltonnen habe, hätte vielleicht nicht sein müssen.
Was Sex und auch Drogen angeht, beschönigt der Film die Geschichte kein bisschen.
Das war mir auch sehr wichtig, selbst wenn nicht alles davon ganz leicht zu spielen war. Als Produzentin musste ich mich entscheiden, wie weit wir diesbezüglich gehen, und als ich zum Beispiel meiner 15-jährigen Tochter davon erzählte, fragte sie mich, warum ich freiwillig so etwas drehe. Aber diese Facetten gehören nun einmal zu Cheryls Geschichte, und sie war als Autorin auch so mutig, sie mit der Öffentlichkeit zu teilen. Obwohl sie selbst ebenfalls Mutter ist. Sie hat sich nicht damit begnügt, nur die angenehmen Seiten ihrer Biografie zu erzählen.
Da wollten Sie nicht hintanstehen?
Genau. Und das wäre auch nicht klug gewesen. Denn gerade weil Cheryl in ihrem Buch die ganze Wahrheit erzählt und deutlich macht, dass sie sich nicht für ihren Lebensweg schämt, sondern sich selbst verziehen hat, baut man als Leser diese starke Bindung zu ihr auf. Ich konnte es mir nicht erlauben weniger mutig zu sein als sie es war. Sonst hätte die Geschichte nicht funktioniert; man hätte Cheryl als Person gar nicht verstanden. Das war für mich Motivation genug, vor der Kamera Dinge auszuprobieren und Grenzen zu überschreiten wie nie zuvor.
Als Produzentin konnten Sie doch ohnehin selbst entscheiden, was im Film zu sehen ist und was nicht...
Stimmt, und tatsächlich hatte ich diese Möglichkeit immer im Hinterkopf, dass ich als Produzentin unangenehme Szenen ja jederzeit herausschneiden könnte. Doch als ich den Film dann sah, war mir klar, dass sie alle unbedingt drin bleiben müssen. Selbst wenn meine Tochter sich nun für mich schämt.
Von außen betrachtet könnte man „Der große Trip“ auch als ganz bewussten Versuch sehen, auszubrechen aus dem Image der lieben, netten Romantikerin, das Ihnen nach vielen Komödien anhaftet.
So simpel und kalkuliert ist die Sache aber nicht. Ich würde sagen, dass dieser Film das Ergebnis eines ganz normalen Reifeprozesses ist. Ich bin einfach nicht mehr die gleiche, die ich noch vor fünf oder zehn Jahren war. Damals wäre ich vielleicht für eine Herausforderung wie diese noch nicht bereit gewesen. Aber heute bin ich es. Wenn man sich als Künstler nicht immer weiter entwickelt und Neues ausprobiert, dann kommt das doch einem Scheitern gleich.
In dem Zusammenhang fällt auf, dass Sie den Film komplett auf eigene Faust produziert haben. Ist eine solche Weiterentwicklung mit den üblichen Hollywood-Studios nicht möglich gewesen?
Ehrlich gesagt habe ich es gar nicht erst versucht. Denn in der Vergangenheit gab es schon hin und wieder Fälle, wo die Produzenten bei den Studios partout nicht wollten, dass ich auf der Leinwand Sex habe, Drogen nehme oder auch nur fluche. Da kann man manchmal schon Kompromisse eingehen. Im Falle dieses Filmprojekts war ich nicht bereit dazu, der emotionalen Wucht dieser Geschichte Grenzen zu setzen.
Was haben Sie selbst aus Cheryls Geschichte mitgenommen und gelernt?
Einige wirklich große Lebenslektionen würde ich sagen. Nicht zuletzt wie wichtig es ist, sich selbst zu verzeihen. Und direkt damit zusammenhängend: wie unnötig es ist, sich zu schämen oder Komplexe zu haben. Gerade im Bezug auf Sexualität. Aber auch was Verlust und Trauer angeht, stecken in ihrer Autobiografie unglaublich viele Weisheiten. Wie immer bei den besten Geschichten ist auch die von Cheryl eine, aus der vermutlich jeder Zuschauer oder Leser etwas anderes mitnimmt.




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