InterviewInterview mit Richard Sennett „Ich hoffe auf den Kollaps des Systems“

Von Sebastian Moll 

Im „neuen Kapitalismus“, schreibt der Soziologe Richard Sennett in seinem neuen Buch, werde Arbeit zur Einbahnstraße: Während vom Arbeitnehmer totale Flexibilität gefordert wird, hat der Arbeitgeber über die Bezahlung hinaus keinerlei Verpflichtung mehr.

Demonstranten protestieren am Eröffnungstag  des EZB-Neubaus   in Frankfurt gegen die  europäische und globale Finanzpolitik. Foto: dpa
Demonstranten protestieren am Eröffnungstag des EZB-Neubaus in Frankfurt gegen die europäische und globale Finanzpolitik. Foto: dpa
New York - - Seine Themen sind der Wandel der Arbeitswelt und die „Kultur des neuen Kapitalismus“. In seinem neuen Buch plädiert der amerikanische Soziologe Richard Sennett für mehr „Zusammenarbeit“ als Möglichkeit, die Gesellschaft vor einem Auseinanderbrechen zu bewahren.
Mr. Sennett, Sie sind 72, publizieren unermüdlich, sind ständig auf Vortragsreisen unterwegs. Offenbar lieben Sie Ihre Arbeit.
Ja, ich möchte an meinem Schreibtisch sterben. Der einzige Grund, den ich mir vorstellen könnte, mich zur Ruhe zu setzen, wäre, mehr Zeit zum Cellospielen zu haben.
Wenn Sie einen Job in dem hätten, was Sie den „neuen Kapitalismus“ nennen – der globalen, neoliberalen Wirtschaftsordnung –, würden Sie aber wahrscheinlich nicht mehr so gern arbeiten?
Ich habe sehr viel Glück gehabt in meinem Leben, ich konnte beständig an einer Sache arbeiten und mich darin vertiefen. Das gibt es heute nicht mehr. Die neue Wirtschaftsordnung bietet nur noch serielle, kurzfristige Befriedigung. Das betrifft heute ja sogar die Universität. Lebenszeitprofessuren wie meine gibt es ja kaum mehr, sie werden durch immer mehr kurzfristige Lehrverträge ohne soziale Absicherung ersetzt. Das ist pure Ausbeutung.
Sie sprechen die Fragmentierung und den Mangel an Beständigkeit an. Was sind außerdem die sozialen Kosten unserer neuen Wirtschaftsordnung?
Die ständige Unsicherheit und damit verbunden die Unmöglichkeit der Mitsprache innerhalb von Institutionen. Um beim Beispiel der Universität zu bleiben: sagen wir, Sie unterrichten hier in New York Soziologie. Wenn Sie sich zu viel beschweren, sitzen Sie sofort auf der Straße, weil Hunderte anderer Soziologen nur auf Ihren Job warten. Und so ist das überall, egal ob wir von der Finanzwelt sprechen oder vom Technologiesektor. In der neuen Wirtschaftsordnung ist das Verhältnis von Arbeitgeber zu Angestelltem eine Einbahnstraße. Der Ar­beit­geber hat jenseits der Bezahlung keinerlei Verpflichtung mehr.
Das ist vor allem eine Folge der Dominanz kurzfristigen Denkens und Planens, das für Sie zum Paradigma dieser Wirtschaftsordnung geworden ist.
Sicher, das Short-Terming spielt eine riesige Rolle, es geht überall nur noch darum, Investoren kurzfristigen Profit zu gewährleisten und nirgendwo mehr darum, dauerhafte Wert zu schaffen. Aber das Problem ist auch, dass die Institutionen keine erkennbare Form mehr haben. Die Organisationen werden zunehmend chamäleonhaft, man passt sich ständig dem Geschmack des Konsumenten an und verliert dabei seine Identität. Die heutigen Wirtschaftsorganisationen sind bewusst instabil.
Was geht für den Arbeitnehmer ver­loren?
Es gibt im Deutschen den romantischen Begriff der Bildung. Ich verbinde damit den Gedanken, dass man seine Fähigkeit, einen Beruf oder eine Tätigkeit auszuüben, in sich selbst trägt und nicht ausschließlich im Verhältnis zu einer Institution. Das geht heute völlig verloren. Vom modernen Arbeitnehmer wird verlangt, dass er jederzeit alles machen kann, überall. Wir sind gefordert, vollkommen flexibel zu werden. Langfristig erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten, auf die man früher zu Recht stolz war – gleich ob das ein Handwerk war oder Erfahrung in anderen Bereichen – sind vollkommen entwertet.