InterviewInterview mit Stelian Moculescu „Im Sport geht es nicht nach dem Motto happy-go-lucky“

Von  
Es ist also komplizierter geworden?
Es ist anders geworden. Das merke ich an vielen Dingen. Der Drang sich zu quälen, ist nicht mehr übermäßig stark ausgeprägt. Es gibt diese Sportler noch, aber deren Zahl wird leider stetig kleiner. Wenn ich früher im Training gesagt habe, macht diese und jene Übung, haben die ausländischen Spieler gefragt: wie viele davon? Und die Deutschen: warum? Heute fragen alle: warum?
Und warum ist das so?
Die Leute haben alles. Sie sind satt, uns geht es zu gut. Als ich nach Deutschland kam, habe ich für 725 Mark im Monat geschichtet und bin danach fünfmal die Woche zum Training gegangen – ohne eine müde Mark zu bekommen. Es war Leidenschaft da. Und Leidenschaft beinhaltet das Wort „Leiden“, diese Bereitschaft vermisse ich heute. Im Sport geht es aber nicht nach dem Motto happy-go-lucky.
Nach dem Prinzip Bruder Leichtfuß also. Worauf achten Sie denn bei der Zusammenstellung einer Mannschaft? Gibt es eine Art Persönlichkeitsprofil?
Es gibt ein Können-Profil. Ich brauche Alphatiere, ein paar junge Spieler, ein paar Erfahrene, Führungskräfte und Auszubildende. Das ist wie in einer Firma: es gibt Capos und Arbeiter. Und du brauchst sie alle.
Wenn man Ihre vielen Erfolge sieht, scheinen Sie ein gutes Händchen zu haben.
Auch ich habe schon Mannschaften schlecht zusammengebaut, aber grundsätzlich habe ich schon ein gutes Gespür. Früher habe ich mir vor der Kaderzusammenstellung noch viel mehr Spieler angeschaut und mit ihnen gesprochen. Das wird heute immer schwieriger. Jeder, der unfallfrei einen Ball übers Netz spielen kann, hat einen Berater. Denen geht es meistens nicht um die sportliche Entwicklung, sondern um die schnelle Mark. Das ist im Volleyball schlimm, und das wird im Fußball mit dem vielen Geld noch viel schlimmer sein. Je größer der Misthaufen, desto mehr Fliegen. Es gibt auch gute Berater, aber ich finde: Wenn ein Spieler gut ist und ein bisschen Hirn hat, kann er sich dieses Zeugs sparen.
Die Fußballer und die Volleyballmänner haben dieses Jahr tolle Erfolge gefeiert. Grundsätzlich aber scheinen die großen Mannschaftssportarten auf Nationalmannschaftsebene Probleme zu haben, siehe etwa Handball oder auch Basketball.
Wie viele Volleyballer gibt es weltweit? Wie viele gute Nationalmannschaften gibt es im Volleyball oder Basketball? Und bei allem Respekt: wie viele Skispringer gibt es? Die Förderung würde sich grundlegend ändern, wenn es im Volleyball zwölf Goldmedaillen für den Olympiasieg geben würde. Im Schwimmen oder Kajak können sie bei Olympia 50 Medaillen holen, im Volleyball eine, und die ist sehr schwer zu erreichen. Im Fernsehen wird deshalb stundenlang Wintersport gezeigt, von der Volleyball-WM gab es keine einzige Minute live.
Oder es kommt Fußball, zumindest hört man diese Kritik oft aus dem Sport.
Der Fußball ist nicht das Problem. Das ist eine andere Dimension und nicht mehr Sport. Fußball ist heute das, was im alten Rom Brot und Spiele waren. Unterhaltung. Warum hat xy eine lange Unterhose an? Wer hat gelbe Schuhe? Und wie war der Rasen geschnitten? Das scheint ja heute in der Berichterstattung oft wichtiger zu sein als der Sport. Fußball ist nicht unser Maßstab, aber ich finde, dass andere Sportarten angesichts ihrer gesellschaftlichen Bedeutung auch eine Chance im Fernsehen bekommen sollten. Sonst ist es irgendwann vorbei. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, aber wir haben Sportler, die Hartz IV bekommen. Ich sage gerne: die DDR hat früher den Sport so betrieben wie die Bundesrepublik die Wirtschaft – und die BRD betreibt heute den Sport so wie früher die DDR die Wirtschaft. Mit ähnlichem Erfolg. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel zum Thema Sportförderung in Deutschland.
Bitte.
Als ich 1999 Bundestrainer wurde, wollten ein paar Koryphäen im Verband die Männer-Nationalmannschaft auflösen.
Das ist nicht Ihr Ernst?
Das ist kein Witz. Die bringt nichts, die holen bei Olympia nichts. Hat keinen Sinn. Interessiert keine Sau. Wir konzentrieren uns auf die Frauen. So war die Einstellung. Ich habe mich dagegen verkämpft und immer gesagt, dass eine Medaille möglich ist.
Wie das Team nun bewiesen hat.
Das ist ein toller Erfolg. Ich habe neun Jahre mit den Spielern gearbeitet und immer gesagt, dass diese Mannschaft das Zeug dazu hat. Wir wurden lange ausgelacht. Insofern freut es mich sehr für die Spieler. Leid tut mir nur, dass man nichts daraus macht.
Sie meinen PR-mäßig angesichts der Bedeutung dieses historischen Erfolges?
Welche Bedeutung? Haben Sie noch etwas über die WM gehört seitdem?
Wenig.
Sehen Sie. Jetzt kommt der Erfolg in den Jahresrückblicken nochmal kurz, und danach werden Sie wieder so viel hören wie zwischen der Medaille und jetzt: nichts.