InterviewInterview mit Stuttgarter Museumsdirektor Thomas Schnabel: „Um die AfD-Wähler will ich weiter kämpfen!“

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Als Thomas Schnabel 2002 das Haus der Geschichte Baden Württemberg eröffnete, witterten manche darin eine platte Ländle-Leistungsschau. Doch dann kam alles ganz anders. Nun verabschiedet sich Schnabel vom Haus und ruft auf zur demokratischen Attacke: „Wer ist denn hier das Kaninchen, und wer die Schlange?“

Mitten im Haus der Geschichte: der scheidende Direktor Thomas Schnabel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Mitten im Haus der Geschichte: der scheidende Direktor Thomas Schnabel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Ein Geschichtsmuseum für Baden-Württemberg? Das fanden einst viele eine krude Idee. Heute ist das Haus der Geschichte von der Stuttgarter Kulturmeile nicht mehr wegzudenken. Wie ist das gelungen? Und haben sich die politischen Zeiten völlig geändert? Der Gründungsdirektor Thomas Schnabel zieht wenige Tage vor seinem Abschies Bilanz.

Herr Schnabel, als Sie nach 15 Jahren Vorbereitungszeit im Dezember 2002 endlich das Haus der Geschichte Baden-Württemberg dem Publikum vorstellen konnten, hatten Sie mit zwei schweren Handicaps zu kämpfen. Das erste war der über Jahre hinweg vielfach publizierte Vorwurf, die Ausstellung solle eine Propagandaschau der Südwest-CDU werden über das von ihr so lang regierte „Muster-Ländle“.

Das stimmt, dieser Ruf eilte uns unermüdlich voraus. Das lag sicher auch an Gerhard Mayer-Vorfelder, zu dessen Ministerium wir bei unserer Gründung gehörten und dem ja in kritischen Kreisen ein gewisser Ideologie-Verdacht anhaftete…

….was ihm ja Zeit seines Lebens auch durchaus gefiel…

Keine Frage. Als ich mich 1987 um die Stelle des Leiters dieses Museumsprojektes bewarb, bekam ich von Freunden und Kollegen die heftigsten Vorwürfe zu hören: Wie kannst Du nur freiwillig an dieser CDU-Heimathütte mitschaffen! Und deshalb muss ich zur Ehrenrettung festhalten: Wir waren niemals freier und ungehinderter in unseren Planungen und Projekten als in der Zeit, da das Kultusministerium für uns zuständig war. Ich hab mich selbst manchmal gewundert, was wir da alles machen konnten, bis ich mal von einem leitenden Beamten als Begründung hörte: „Herr Schnabel, Sie sind halt unsere Künstler“. Das bedeutete, wir waren an der ganz langen Leine.

Lange Zeit stand das Projekt auf der Kippe, obwohl es das persönliche Anliegen des Ministerpräsidenten Erwin Teufel war.

Das schmälerte natürlich nicht den Verdacht, wir könnten da in seinen Diensten Leistungspropaganda betreiben wollen. Dabei lag Erwin Teufel nichts ferner als das. Ich weiß noch, wie er mich bei einem persönlichen Gespräch ganz besorgt fragte, ich wolle doch wohl hoffentlich von ihm kein Bild in der Ausstellung aufhängen. Ich konnte ihn beruhigen.

Das war ja das Erstaunliche – sobald im Dezember 2002 Ihre Ausstellung zu sehen war, verstummte jede Grundsatzkritik. Ihre Schau präsentierte die Landesgeschichte breit aufgefächert und in vielen Einzelaspekten, so dass sich jeder Betrachter selbst sein Bild von Baden-Württemberg schaffen muss.

Es stimmt natürlich, ganz am Anfang mag es da den Wunsch gegeben haben unter politisch Verantwortlichen, unser Haus könne und müsse so etwas wie eine baden-württembergische Identität schaffen. Ich erinnere mich an einen hohen Beamten, der es so gesagt hat: Herr Schnabel, unten spazieren dann so lauter missmutige Regionalisten durch die Tür und am Ende der Ausstellung kommen sie oben als strahlende Baden-Württemberger wieder heraus. Aber das war nie unser Konzept und schon gar nicht unser Ziel, und als Historiker kann ich nur festhalten, das wäre ja auch mal ein schöner Quatsch gewesen.

Womit wir prompt bei Ihrem zweiten Handicap wären: Ihr Haus beanspruchte im Titel, die Geschichte Baden-Württembergs aufzuzeigen – eine Geschichte, die es so eigentlich gar nicht gibt.

Stimmt, es gibt sie nicht als lineares Konstrukt mit Wurzeln in tiefster Vergangenheit, die alle zielstrebig im ruhmreichen Hier und Jetzt münden. So schlicht gedacht gibt es übrigens noch nicht mal eine badische oder eine württembergische Geschichte, die man einfach nur im Raum mit der Jahresjahr 1953 zusammenkleben müsste. Es gibt eine Geschichte des Landes nur, und das aber dann sehr wohl, als Geschichte der Vielfalt und der regionalen Besonderheiten. Der deutsche Südwesten ist ein Flickenteppich der historischen Herrschaften, der Kulturen und Identitäten, und das ist keineswegs sein Makel, sondern sein Erfolgsrezept. Die grandiose Leistung dieses Landes ist seine Vielfalt.

Somit zeigt Ihr Haus schon seit 2002, dass kulturelle Vielfalt und Diversität kein Nachteil sind, sondern im Gegenteil ein Erfolgsrezept?

Aus Vielfalt entsteht Wettstreit, und wenn dieser Wettstreit produktiv ist, dann wächst daraus Erfolg. Gibt es in Baden-Württemberg eigentlich irgendwo einen Landkreis, der nicht mindestens einen Weltmarktführer hervorgebracht hat?

Das gesellschaftliche Konzept der Vielfalt erntet in jüngerer Zeit politischen Widerspruch. Erreichen Sie die Leute nicht mehr mit Ihrer Botschaft?

Historiker haben zunächst mal keine Botschaft, sondern ordnen ein und klären auf. Und mein Eindruck ist, dass die Leute sehr froh sind, wenn man all die Dinge und Probleme, die zu aktuellen Aufgeregtheiten führen, in einen größeren Zusammenhang stellt. Wenn man zum Beispiel daran erinnert, wie die Bürgermeister vor Ort nach dem Krieg die Probleme der Flüchtlinge aus dem Osten gemeistert haben, in ungleich härteren Zeiten als heute. Oder wenn man erklärt, wie unser Wohlstand hier im Südwesten gerade auch von Zuwanderern aus fernen Ländern mitgeschaffen wurde, die in den 60er und 70er Jahren meist nur deshalb zu uns kamen, weil sie sich ein wirtschaftlich besseres Leben hier erhofften. Oder wenn man noch weiter zurückgreift und erklärt, wie im 19. Jahrhundert Hunderttausende württembergischer und badischer Wirtschaftsflüchtlinge vor allem in Nordamerika eine neue, sichere Heimat suchten.

Erreichen Sie mit diesen Einordnungen des Historikers noch jene rund 15 Prozent der Wähler, auf die die AfD derzeit spekulieren kann?

Ein harter Kern ist resistent gegen Aufklärung jedweder Art, das sind so wie in allen Ländern der Welt rund 5 Prozent der Wähler. Um die restlichen 10 Prozent aber will ich gern weiter kämpfen.

Die Spaltung unserer Gesellschaft in Meinungslager nimmt zu.

Ich kann Ihnen die Gründe auch nicht erklären. Ich spüre eher die Gegenbewegung: Das Interesse an Geschichte nimmt zu, gerade auch bei jüngeren Leuten. Ich kann nur immer sagen: Mehr Optimismus! Wir reden alle zu viel von Krise. Die Weimarer Republik steckte in der Krise. Verglichen mit den Bedingungen damals kann heute von einer politischen Krise in Deutschland nicht ernsthaft die Rede sein. Die Demokraten sind nicht das Kaninchen, das auf die rechte Schlange blickt. Eigentlich sollte es gerade umgekehrt sein.

Zu den Markenzeichen Ihres Hauses zählen die großen Sonderausstellungen und Veranstaltungen. Gibt es ein Projekt, an das Sie sich am Ende einer fast 30-jährigen Amtszeit besonders gern erinnern?

Was für eine furchtbare Frage, es gibt so viele tolle Erinnerungen. Aber wenn Sie mich zur Antwort zwingen, dann wähle ich die „Symphony of the Names“, die Florian Käppler vier Tage lang Anfang Dezember 2011 bei uns aufgeführt hat. 959 Württemberger Juden wurden 1941 von Stuttgart aus nach Riga deportiert, vier Tage lang dauerte die Eisenbahnfahrt. Wir haben vier Tage lang rund um die Uhr an diese Fahrt erinnert; jeder einzelne der 959 Namen erklang in einer individuellen Tonfolge. Wenn man so etwas macht, strömen natürlich keine Massen ins Haus. Aber es waren immer Leute im Haus und im Publikum, mal länger, mal kürzer, meist zu zweit. Die gemeinsame Erinnerung an Geschichte wurde so fühlbar, erlebbar. Das hat mich sehr bewegt.