ExklusivInterview mit Theaterregisseur Frank Castorf Konsens ist nicht sein Ding

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Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, hat das Theater der vergangenen zwei Jahrzehnte geprägt wie kaum ein anderer. Am Donnerstag inszeniert er im Schauspielhaus zum ersten Mal in Stuttgart: „Tschewengur“ nach dem Roman von Andrei Platonow.

Jetzt gibt er sein Stuttgart-Debüt: der Regisseur Frank Castorf, noch bis 2017 auch Intendant der Berliner Volksbühne. Foto: Theater
Jetzt gibt er sein Stuttgart-Debüt: der Regisseur Frank Castorf, noch bis 2017 auch Intendant der Berliner Volksbühne. Foto: Theater

Stuttgart – Wenn er auf der Bühne inszeniert, schreckt er vor keinem Tabu zurück. Wild und wüst geht es zu in seinen Inszenierungen, in denen Theaterstücke – im gelungenen Fall – intelligent auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden. Frank Castorf ist der wichtigste Vertreter des enthemmt entfesselten „dekonstruktivistischen Theaters“. Um so überraschender die Begegnung mit ihm: im Gespräch erweist sich der 64-jährige Theatermann, der noch bis 2017 die Berliner Volksbühne leitet, als ruhiger und höflicher Mensch. An diesem Donnerstag gibt er sein Debüt in Stuttgart: Im Schauspielhaus von Armin Petras bringt er „Tschewengur“ auf die Bühne, einen Roman des russischen Revolutionsautors Andrei Platonow.

Herr Castorf, Sie haben schon viele Dostojewski-Romane inszeniert. Setzen Sie in Stuttgart mit Platonows „Tschewengur“ Ihre Reise in die russische Seele fort?
Ja. (Lange Pause.) Aber warum eigentlich? Das ist wahrscheinlich was Pathologisches bei mir. (Lange Pause.)  
Gibt es denn Gemeinsamkeiten zwischen Dostojewski und Platonow?
Sie haben viel miteinander zu tun. Dostojewski konnte die Welt, in der er lebte, nicht akzeptieren. Dort, wo ein Kind weint, konnte er die von ihm gewünschte Gerechtigkeit einer Gesellschaft nicht finden. Bei Platonow nun stirbt ein vierjähriger Junge, und jemand versucht, ganz wie Christus den Jungen wieder zum Leben zu erwecken und ins kommunistische Paradies zu bringen. Er scheitert kläglich. Ausgehend vom Philosophen Nikolai Fjodorow war für Platonow der Tod das Hundsgemeinste im Leben eines Menschen: Solange dieser Tod auf einen wartet, ist die Gesellschaft nicht gerecht. Also träumten Fjodorow und die von ihm beeinflussten Schriftsteller, zu denen auch Gorki gehört, von einer naturwissenschaftlichen Überwindung des Todes. Das klingt für uns heute utopisch. Wir denken zwar über genetische Veränderungen im Körper nach, aber im Tod lassen wir den Menschen doch allein. Das zu ändern, dafür fehlt uns völlig die Vorstellungskraft.
Ist der Skandal des Todes wirklich das Thema von „Tschewengur“? Ich dachte bei der Lektüre, es gehe – gemessen an den eigenen Idealen – um das Scheitern der bolschewistischen Revolution.
Das Scheitern der Revolution: jede gute bürgerliche Zeitung wartet darauf, dass ich das sage. Nach dem Motto: früher linksradikal, aber im Alter vernünftig geworden. Aber ich mag keine Renegaten, auch wenn meine jüdischen Freunde jetzt sagen würden: Wer im Alter noch sturer Kommunist ist, ist einfach nur dämlich . . .
Halten wir fest: Platonow thematisiert in seinem Roman nicht die Revolution, wie man meinen könnte, sondern den Tod.
Jedenfalls kenne ich keinen Roman, in dem ich dem Phänomen Tod so häufig begegnet wäre wie in „Tschewengur“. Der Autor beschreibt ihn mit einer Heftigkeit, die ihm unter Stalin den Vorwurf des Antikommunismus eingebracht hat. Er arbeitete sich, wie viele andere Russen auch, tatsächlich an der Überwindung des Todes ab, an der Unsterblichkeit des Menschen, der in den Kosmos eingehen sollte. Nietzsches Einfluss ist dabei unübersehbar, auch dort ist die Brücke vom Menschen zum Übermenschen vorhanden, also zu etwas, das man sich im politisch-korrekten Mainstream heute gar nicht mehr vorstellen kann. Was mich noch an Platonow interessiert, ist seine anthropomorphe Sprache  . . .
 . . . also die Tendenz, Tieren, Pflanzen und Gegenständen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.
Ja. Bei Platonow stehen Sätze wie: „Man hört das erregte Kratzen der Nägel auf der hartnäckigen Haut. – Die Blumen sind wie die Augen eines Kindes, das stirbt.– Die Bauersfrauen reißen den Blumen die Köpfe ab.“ Es ist eine beseelte Natur, die Platonow entwirft. Leben überall. Und man kann sich natürlich fragen, warum wir Tiere essen und uns dennoch für Humanisten halten. Ich selber esse ja gerne Fleisch und bin daher gerne in Süddeutschland . . . Um aber nochmals auf den Tod zu kommen: die Revolution ist für Platonow nur das Vehikel, um dieses Thema zu transportieren. Und es führt uns schnell in den Gulag, dieses sibirische Auschwitz ohne Öfen, wo Millionen von Menschen sterben mussten.