Interview mit Thomas Berthold „Die VfB-Uhren gehen langsam“

Für Thomas Berthold gehört eine gewisse Härte zum  Fußball dazu. Foto: Baumann
Für Thomas Berthold gehört eine gewisse Härte zum Fußball dazu. Foto: Baumann

Stuttgart - Thomas Berthold hält beim VfB Stuttgart noch immer einen besonderen Rekord: kein Spieler wurde öfter des Feldes verwiesen als er – fünf Mal. Zu der Debatte um die aggressive Spielweise der Stuttgarter gegen Borussia Dortmund am vergangenen Samstag kann der 48-Jährige daher einiges beitragen. Aber auch zu der Führungskrise beim VfB.

Im Brustringer-Interview spricht der ehemalige Verteidiger über jammernde Trainer, fehlende Visionäre und die große Bedeutung des Pokalspiels gegen Freiburg.


Herr Berthold, spielt der VfB zu hart?
Ich empfinde diese Diskussion als vollkommen übertrieben und unangebracht. Ich verstehe einfach nicht, warum Jürgen Klopp das gesagt hat. Es wurde doch kein Spieler schwer verletzt. All das Herumjammern kann ich eh nicht mehr hören.

Dann müssen die Stuttgarter als Letzter der Fairnesstabelle ihre Spielweise nicht ändern?
Nein, eine gewisse Härte gehört doch dazu. Und wenn man beim Tackling mal zu spät reinrutscht, kann das passieren. Fußball ist eben ein Zweikampfsport. Überhaupt sollten den VfB derzeit wichtigere Themen beschäftigen als Klopps Sprüche.

Wo sehen Sie die größten Baustellen?
Der VfB muss jetzt endlich die Fragen angehen: Wie wollen wir die Zukunft gestalten? Sind wir im Vorstand richtig aufgestellt, um erfolgreich zu sein? Besonders auf dieser Ebene fehlt dem Verein ein Gesicht. Mäuser oder Ruf erfüllen diese Anforderung jedenfalls nicht. Das alte Establishment muss sich hinterfragen. Entscheidend ist doch: Geht da noch mal ein Ruck durch den Laden? Gelingt es dem VfB, sich ein Lifting zu verpassen? Und wer könnte Mäusers Nachfolger werden? Einen zweiten Mäuser kann danach doch keiner wollen.

Dann beurteilen Sie die Situation also wenig optimistisch?
Der VfB ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Club mehr kompetente Leute braucht. Menschen mit Visionen, keine Grüß-Gott-Augusts. Die Marke VfB muss doch für etwas stehen. Der Verein hat eigentlich einen guten Standort und gute Entwicklungsmöglichkeiten, aber das alles kann man nur nutzen, wenn man einen Plan hat. Wenn die Posten nicht auf Provinzniveau hin- und hergeschoben werden. Ich habe oft das Gefühl, der VfB geht zwei Schritte vor, aber drei zurück. Die Uhren bei diesem Verein gehen langsam. Doch wenn sich nichts tut, wird es mittelfristig schwer. Und die Fans sind anspruchsvoll in Stuttgart.

Wie können Mannschaft und Clubführung die Anhänger noch versöhnen?
Entscheidend ist das Pokalspiel gegen Freiburg – auch für die Stimmung. Allerdings bin ich kein Freund davon, wenn eine Saison nur von einem Spiel abhängt. So muss auch der Trainer Bruno Labbadia ein besseres Bild abgeben. Wenn er ständig nur über seinen Kader jammert, schneidet er sich doch ins eigene Fleisch. Wenn man das als Spieler hört, kann man nicht wie ein Löwe auf dem Platz stehen.