Interview mit Utz Claassen "Politisierung des Wettbewerbs"

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Der Exkonzernchef Utz Claassen bewertet den Rückkauf der EnBW durch das Land nicht nur ordnungspolitisch skeptisch.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Seit seinem Abschied als EnBW-Chef hat er sich kaum noch zum Unternehmen geäußert. Nun aber sagt Utz Claassen deutlich seine Meinung - zum Wiedereinstieg des Landes, zum Einfluss der Politik, zu fehlender Professionalität und zur Perspektive der schwäbischen Hausfrau.

Herr Claassen, interessieren Sie sich eigentlich noch für die EnBW?


Ich verfolge nicht mehr gezielt jede Meldung, aber ich habe nach wie vor etliche gute Freunde - übrigens auch zwei Paten meiner Tochter - bei der EnBW, und ich freue mich immer sehr, wenn ich gute Nachrichten von der EnBW höre. Die EnBW ist ein tolles Unternehmen mit einer herausragenden Belegschaft, dem ich immer sehr loyal verbunden sein werde.

Haben Sie der Ausstieg der EdF und der Einstieg des Landes überrascht?


Wenn schon einzelne Vorstandsmitglieder angeblich erst am Vorabend der Bekanntgabe des Geschäftes über Dritte davon erfahren haben, muss es mich als inzwischen Außenstehenden doch erst recht überrascht haben. Die Geheimhaltung der Transaktion war beeindruckend. So etwas muss man erst einmal hinbekommen, noch dazu im regionalpolitischen Umfeld.

Die EdF hat sich in Baden-Württemberg offenbar nicht mehr erwünscht gefühlt. Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Franzosen?


Die EdF ist ohne Zweifel einer der führenden Energiekonzerne der Welt. Sie hat exzellent ausgebildete Spitzenmanager, die intellektuellen Diskurs auf höchstem Niveau pflegen. Auch wenn man einmal nicht einer Meinung war, war die Befassungsebene doch stets außerordentlich hoch. Ich respektiere die EdF zutiefst. Dabei war für mich die Gleichbehandlung der Aktionäre stets selbstverständlich.

Inwieweit hat EnBW von der EdF profitiert?


In vielfältiger Weise, auch durch konstruktiven Gedankenaustausch und Kompetenztransfer. Kontakt mit und unter den Besten bringt einen immer weiter.

Können Sie nachvollziehen, warum mehr als ein Jahr vor Auslaufen des Konsortialvertrages mit den OEW angeblich dringender Handlungsbedarf bestand?


Von außen betrachtet kann ich das naturgemäß nicht. Aber sollte angesichts des bevorstehenden Vertragsendes wirklich eine solche "Notsituation" bestanden haben, so hieße das im Umkehrschluss doch nur, dass der frühereOEW-Vorsitzende Dr. Schürle seinerzeit offenbar einen für die OEW und das Land genialen Vertrag verhandelt hätte. Man hätte seinen Nachfolgern vielleicht gewünscht, daran anknüpfen oder darauf aufbauen zu können.

Ist der Rückkauf gut für die EnBW, ihre Mitarbeiter und ihre Kunden?


Als Vorstand, Mitarbeiter oder Kunde kann und darf man sich seine Aktionäre nicht aussuchen. Und für Mitarbeiter und Kunden ist es letztlich nicht entscheidend, wem ein Unternehmen gehört, sondern wie es geführt wird und wie es sich entwickelt. Aus Aktionärssicht wird man erst dann wissen, ob der Rückkauf gut war oder nicht, wenn feststeht, wann, an wen und vor allem zu welchem Preis eines Tages weiterverkauft wird bzw. werden kann. Es geht schließlich um das Vermögen der Bürgerinnen und Bürger. Wichtig ist jetzt also vor allem eine starke Wertentwicklung des Unternehmens, auch um dann künftig über entsprechende Optionen zu verfügen. Die vielen Milliarden an Wertsteigerung, die das EnBW-Team während meiner Amtszeit durch die erfolgreiche Sanierung auch für die OEW-Landkreise und ihre Bürger erreicht hat, spiegeln sich schließlich auch im Kaufpreis der Landesregierung an die EdF wider.

Spielt die EnBW weiter im Konzert der großen vier mit, oder wird sie jetzt wieder zum Regionalversorger?


Lassen Sie uns das vielleicht einmal ganz generell und ohne Bezug zu konkreten Unternehmen oder Personen betrachten: Man würde sich konzeptionell wohl lieber mit einem internationalen Industriemanager darüber auseinandersetzen, in welchem Staat und für welche Geschäftsbereiche oder Technologien wann und wie viel investiert wird, als vielleicht mit einem Landrat zu diskutieren, wessen Verwandter, wessen Dezernent oder welcher abgewählte Bürgermeister auf welche Position eingestellt werden soll oder könnte und wer unter politischen Aspekten möglicherweise nicht erwünscht ist.

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