InterviewInterview „Tatorte sind oft die Wohnheime“

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Junge Zuwanderer fallen in der Kriminalitätsstatistik besonders auf, aber nicht nur als Gewalttäter, sondern auch als Opfer, so der Kriminologe Jörg Kinzig.

Seit 2011 ist der 54-jährige  ­Jörg Kinzig Direktor des Instituts für Kriminologie der Univer­sität Tübingen. Foto: dpa
Seit 2011 ist der 54-jährige ­Jörg Kinzig Direktor des Instituts für Kriminologie der Univer­sität Tübingen. Foto: dpa

Stuttgart - Herr Kinzig, welche Zahlen aus der aktuellen Kriminalstatistik sind am auffälligsten?

Vorneweg ist mir wichtig zu betonen, dass die Statistik immer nur das Hellfeld, also die der Polizei bekannt gewordenen Straftaten abbildet. Es verbleibt ein Dunkelfeld, über das wir keine Aussagen treffen können. Bei den statistisch erfassten Zahlen ist bemerkenswert, dass diese relativ stabil bleiben. Wir haben in jüngerer Zeit immer etwa sechs Millionen Straftaten in Deutschland und diesmal einen geringen Anstieg von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die ausländerrechtlichen Verstöße herausgerechnet, gibt es sogar einen Rückgang von 0,7 Prozent.
Die Zahl der deutschen Tatverdächtigen ist zurückgegangen, die der nichtdeutschen gestiegen. Müssen Sie also Ihre Aussage revidieren, dass die Kriminalität bei Flüchtlingen nicht höher ist als bei Deutschen?
Ich bin etwas unglücklich und verkürzt wiedergegeben worden. Grundsätzlich bleibe ich dabei: Kriminalität hat nichts mit der Nationalität zu tun, sondern mit der Lebenslage. Darin sind sich alle Kriminologen weitgehend einig. In der Öffentlichkeit und auch unter Kriminologen werden die Straftaten durch Ausländer derzeit besonders beachtet. Aber da muss man genau hinschauen, quasi das Kleingedruckte lesen. Die jetzt vorgelegten Zahlen beziehen sich nicht auf die anerkannten Flüchtlinge, sondern auf die Gruppe der sogenannten Zuwanderer.
Inwiefern ist die Unterscheidung relevant?
Diese Gruppe der Zuwanderer, wie sie vom Bundeskriminalamt definiert wird, ist sehr inhomogen. Dazu werden illegale Zuwanderer ebenso gezählt wie Asylbewerber, deren Status noch nicht geklärt ist. Das erschwert die Interpretation. Mit absoluten Zahlen kommt man nicht weit, wenn die Zahl der Zuwanderer insgesamt so deutlich gestiegen ist wie zuletzt. Wir vergleichen sonst Äpfel mit Birnen. Um wirklich gültige Aussagen zu treffen, bräuchten wir deutlich differenzierteres Zahlenmaterial. Im nächsten Jahr soll es meines Wissens eine Statistik geben, in der dann die Gruppe der anerkannten Asylbewerber gesondert erfasst wird. Bisher vorliegende Auswertungen deuten darauf hin, dass Menschen aus typischen Asylländern wie Syrien, Afghanistan und Irak weniger in den Kriminalstatistiken auftauchen als zum Beispiel die Maghreb-Staaten.
Wie interpretieren Sie die Zahlen – trotz der mangelnden Differenzierung?
Man kann trotzdem festhalten: Im Bereich der Gewaltkriminalität hat es einen deutlichen Anstieg um 6,7 Prozent gegeben, insbesondere im Bereich der gefährlichen und schweren Körperverletzung. Dieser Anstieg fällt keineswegs dramatisch aus, aber er ist schon auffällig. Und in diesem Bereich der Kriminalität ist die Gruppe der Zuwanderer überproportional vertreten.
Welche Erklärung haben Sie dafür?
Ein Erklärungsansatz dafür ist, dass zu dieser Gruppe überproportional viele junge Männer gehören. Und wenn viele junge Männer auf engem Raum leben, ohne ihre Familie, mit unsicherer Bleibeperspektive und vielleicht auch niedrigem Bildungsstandard, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie gewalttätig werden. Das ist überall auf der Welt so. Interessanterweise ist die Gruppe der Zuwanderer auch bei den Opfern überproportional vertreten. Die Tatorte sind oft die Wohnheime, wo die Männer offenbar gegenseitig aufeinander losgehen. Hier gäbe es also durchaus Handlungsbedarf bei der Prävention.