Interview „Über Rassismus muss man mehr reden“

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Der Stuttgarter Sozialarbeiter Gökay Sofuoglu ist an die Spitze der Türkischen Gemeinde Deutschlands gewählt worden. Im Interview spricht er über die NSU-Verbrechen, die doppelte Staatsbürgerschaft – und warum trotz neuen Amts nicht nach Berlin möchte.

Der Stuttgarter  Gökay Sofuoglu ist neuer Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands. Foto: dpa
Der Stuttgarter Gökay Sofuoglu ist neuer Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands. Foto: dpa
Stuttgart – - Der langjährige Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschlands (TGD), Kenan Kolat, hat sein Amt abgegeben. Seine Nachfolge tritt eine Doppelspitze an, der Berliner Safter Cinar und der Stuttgarter Gökay Sofuoglu. Der Sozialarbeiter hält eine Debatte über Rassismus auch hierzulande für notwendig.
Herr Sofuoglu, hat Sie die Wahl in den Bundesvorstand der TGD überrascht?
Es ist schon überraschend gewesen, dass Kenan Kolat, der die Arbeit der TGD lange geprägt hat, aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste. Kolat hat ja im Grunde über seine Möglichkeiten hinaus gearbeitet. Als die Mitgliederversammlung näher rückte, hat er dann gemerkt, dass er besser mal Pause macht. Deshalb mussten wir kurzfristig überlegen, wie wir weitermachen. Als einige Landesverbände mich vorgeschlagen haben für den Bundesvorsitz, war klar, dass man die Arbeit in Berlin nicht von Stuttgart aus organisieren kann, deshalb haben wir uns auf eine Doppelspitze geeinigt und die Satzung geändert.
Welche Rolle hat die Türkische Gemeinde für die hier lebenden türkischen Mitbürger?
Die Gemeinde besteht seit 20 Jahren und hat inzwischen einen sehr wichtigen Platz in der Integrationspolitik. Wir sind auf allen politischen Ebenen aktiv, wo das Thema Integration verhandelt wird, wir sind in der Islamkonferenz vertreten und beim Integrationsgipfel. Die etwa 2,5 Millionen in Deutschland lebenden Türken haben mit der Türkischen Gemeinde eine starke Interessenvertretung, wenn es um Themen wie Rassismus, Diskriminierung oder Gleichbehandlung geht.
Sind Sie von allen Gruppierungen anerkannt oder eher von den laizistisch orientierten?
Unsere Mitglieder sind hauptsächlich laizistisch orientierte Türken, die türkische Community ist bekanntlich sehr gespalten. Aber wir sind eine der wenigen Organisationen, in den Türken, Kurden, Aleviten, Sunniten – also Menschen unterschiedlicher Ausrichtung – zusammenarbeiten.
Wie viele Mitglieder haben Sie?
Die Bundesversammlung besteht aus den Landesverbänden. Die türkische Gemeinde Baden-Württemberg zum Beispiel hat selbst wieder 26 Mitgliedsverbände. Insgesamt sind etwa 9000 Mitglieder aktiv.
Was sind die Aktivitäten des Verbandes?
Wir erstellen zum Beispiel während des NSU-Prozesses einen Parallelbericht unabhängig von dem des Bundestages. Vor der Bundestagswahl haben wir einen Entwurf zum Migrationsgesetz gemacht, der von allen Parteien aufgenommen wurde.
Sind Sie zufrieden mit der Bundespolitik?
Beim Thema doppelte Staatsbürgerschaft ist viel versprochen, aber wenig eingehalten worden. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist Kompromissen bei anderen Themen geopfert worden. Aber wir sind zuversichtlich, dass die doppelte Staatsbürgerschaft bald kein Tabu mehr sein wird. Die Entwicklung ist eben sehr langsam.
Was sind Ihre vordringlichen Aufgaben?
Die Bekämpfung des Rassismus’, auch des institutionellen Rassismus’. Dass der Rassismus zunimmt, zeigen manche Parteikampagnen bei der Europawahl, die auch Zuspruch aus der Mitte der Gesellschaft bekommen. Über Rassismus muss man mehr reden. Und die NSU-Verbrechen müssen sauber aufgearbeitet werden.
Was heißt institutioneller Rassismus?
Bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen kam heraus, dass man davon ausgegangen war, dass die Taten nicht zu europäischen Normen passen. Nach diesen Vorstellungen mussten die Täter Südländer sein. Man muss sich fragen, nach welchen Maßstäben diese Behörden gearbeitet haben?
Welche Veränderungen müssen kommen?
Ein Beispiel sind die Kommunalwahlen. Viele Menschen arbeiten hier seit 50 Jahren und dürfen auf kommunaler Ebene immer noch nicht wählen.
Sie bleiben weiter in Stuttgart. Warum?
Stuttgart ist für mich weiter die schönste Stadt überhaupt. Das gilt auch für Fellbach, wo ich wohne. Ich müsste verrückt sein, von hier wegzugehen.




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