InterviewMissbrauchsfälle in Stuttgart „Ich dachte, mich schockt nichts mehr“

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Claudia Willger, Anhörungsbeauftragte der Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch, hat mit mehr als 100 Opfern aus drei Bundes­ländern gesprochen.

Die Folgen von Kindesmissbrauch prägen oft das ganze Leben für die Opfer. Foto: dpa
Die Folgen von Kindesmissbrauch prägen oft das ganze Leben für die Opfer. Foto: dpa

Stuttgart - Claudia Willger hat mit mehr als 100 Opfern von Kindesmissbrauch gesprochen und dabei schockierende Einblicke gewonnen. Am Dienstag ist die Expertin zu Gast im Stuttgarter Rathaus, wir haben mit ihr gesprochen.

Frau Willger, Sie haben mit mehr als 100 Missbrauchsopfern gesprochen. Was waren das für Menschen?

Die meisten waren Frauen, aber ich habe auch mit Männern gesprochen, die sexuelle Gewalt erlebt haben – alle Schichten waren vertreten. Das jüngste Opfer war 21, die ­älteste Frau 79 Jahre alt.

Missbrauch ist eigentlich ein Tabuthema. War es schwierig, Menschen zu finden, die ihre Geschichte teilen?

Überhaupt nicht. Bei der Kommission haben sich über 2000 Menschen gemeldet. Das ­Interesse ist enorm groß. Die Anhörungen haben einen hohen Stellenwert für die ­Betroffenen. Sie sind sehr dankbar, endlich ernst genommen zu werden. Es ist für sie oft die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen. Sehr viele haben mir erzählt, dass sie abgewürgt werden, wenn sie sich anderen gegenüber öffnen, gerade in der Familie. Andere schweigen lieber aus Angst vor Stigmatisierung. Sie fürchten Nachteile im Berufsleben, wenn der Missbrauch bekannt würde.

Inwiefern?

Das hat sehr viel mit Vorurteilen zu tun: Man hält sie für bestimmte Aufgaben nicht mehr geeignet, insbesondere wird an ihrer Belastbarkeit gezweifelt. Aber auch fachliche Kompetenzen werden wegen vermeintlicher Befangenheit abgesprochen. „Opfer“ ist ein bekanntes Schimpfwort.

Mit so viel Leid konfrontiert zu sein– was hat das mit Ihnen persönlich gemacht?

Das verändert. Ich bin hellhöriger geworden. Es macht mich wütend, wie gnadenlos Behörden und die Gerichtsbarkeit mit den Opfern umgehen. Ich vertrete schon seit vielen Jahren als Rechtsanwältin Missbrauchsopfer – immer nur die Opfer, nie die Beschuldigten. Ich habe schon zuvor in Abgründe geblickt.

Sie waren auch Anwältin im Fall Pascal, der bundesweit Aufsehen erregte, vertraten einen minderjährigen Zeugen in der Nebenklage.

Die Anklage damals war so ungeheuerlich, dass man es nicht glauben wollte: Ein Kind verschwindet, vier Frauen und acht Männer, Hartz IV-Empfänger und Alkoholiker, waren angeklagt, den Jungen im Hinterzimmer einer Kneipe vergewaltigt und getötet zu haben. Alle wurden freigesprochen. Ich dachte, mich kann nichts mehr schocken. Aber was ich in den Anhörungen gehört ­habe, das hätte ich so zum Teil nicht für möglich gehalten.

Zum Beispiel?

Ich will und darf nicht ins Detail gehen. Es gibt jedoch einige Veröffentlichungen von Betroffenen über ihre Geschichte – wie „Wenn die Blätter grün werden“ von Mia Mai. Geschildert wird ein Missbrauch im Raum Stuttgart vom dritten bis zum 17. Lebensjahr durch den Pflegevater. Erschreckend ist dabei, dass das Jugendamt regelmäßig in der Familie war, aber man hat sich von der gebügelten Tischdecke beeindrucken lassen. Gerade hinter perfekten Fassaden vermutet man keinen Missbrauch und übersieht das Leid, manchmal unglaubliche Brutalität. Gerade, wenn es um die sogenannten „besten Familien“ geht, wird gerne weggesehen. Weil man es nicht glauben kann oder nicht glauben will, dass ein Jurist, ein Pfarrer oder ein Wissenschaftler so etwas tut. Auch Mütter oder Tanten werden Täterinnen. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Und deswegen ist es so wichtig, dass man Betroffenen genau zuhört.

Haben Sie auch Überraschendes über die ­Opfer gelernt?

Ich habe sehr viel Überraschendes gelernt. Es ist zum Teil sehr beeindruckend, wie Menschen ihre Verletzungen überwunden haben. Aber auch wie Betroffene als Kinder reagiert haben, entspricht oft nicht den herrschenden Vorstellungen. Eine Betroffene hat berichtet, sie sei nach außen das fröhliche Kind gewesen. ‚Ihr müsst alle in den Blick nehmen‘, hat sie appelliert. Auch die, die Papa in den Arm springen, können Opfer sein. Viele Kinder verstehen gar nicht, was ihnen da passiert. Es kommt auch nicht immer zu Gewalt. Die Täter nutzen die kindliche Naivität aus und erklären ihrem Sohn oder ihrer Tochter, dass diese Erfahrungen zu einer ordentlichen Erziehung eben dazu gehören. Bei den Betroffenen ist dann die Scham unglaublich groß. Die Anhörungen helfen ­ihnen, endlich aufzuhören sich zu schämen.

Was hat der Missbrauch für Folgen für die Opfer?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die einen erstaunlich guten Weg finden und die Verletzungen überwinden. Die beschreiben sich aber auch als zusammengeflickt. Andere funktionieren eine Zeit lang, bis der Zusammenbruch kommt. Dann geht gar nichts mehr. Weitere haben ihr Leben lang unter massiven Folgeschäden zu leiden. Sie haben das Gefühl, völlig zerbrochen und zerstört zu sein und Selbstmordgedanken. Es gibt Menschen, die nie Sexualität genießen können. Und es gibt die, die leider ihr Leben lang immer wieder Opfer werden.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Arbeit der Kommission wurde vom Bundestag bis Ende 2023 verlängert, was ich sehr wichtig finde. Die Kommission ­entscheidet nun, wie es weitergeht. Es gibt weiterhin sehr viel Aufarbeitungsbedarf. Gerade Menschen mit Behinderung, die sehr oft Opfer werden, sollten noch mehr in den Blick genommen werden. Mein Vertrag läuft erst mal bis März 2019, aber ich bin bereit, weiterzumachen, gerade auch in Stuttgart. Die Zusammenarbeit mit Wildwasser ist wirklich ein Segen.

„Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter“ heißt die Veranstaltung der Fachberatungsstelle Wildwasser am Dienstag, 20. November, von 17 bis 19.30 Uhr im Stuttgarter Rathaus. Nach einem Vortrag von Claudia Willger gibt es eine Podiumsdiskussion, an der auch zwei Betroffene teilnehmen. Anmeldungen zu den Anhörungen der Aufarbeitungskommission sind weiterhin möglich.
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