Marika Lulay, Vorstandsmitglied des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT, spricht über den spanischen Arbeitsmarkt und die Rolle der Politik.

Stuttgart - Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem in Europa. In Stuttgart wollen daher am Donnerstag (12.7.) Bundesbildungsministerin Annette Schavan und ihr spanischer Kollege José Ignacio Wert Ortega bei einer Ausbildungskonferenz ausloten, welche Hilfen möglich sind. Der Stuttgarter IT-Dienstleister GFT Technologies AG ist seit 2001 in Spanien aktiv und hat Anfang dieses Jahres ein Entwicklungszentrum im katalanischen Lleida eröffnet. Dort sollen in den kommenden drei Jahren 150 Arbeitsplätze entstehen, wie GFT-Vorstandsmitglied Marika Lulay berichtet.


Frau Lulay, wie sind Ihre Erfahrungen mit dem spanischen Arbeitsmarkt?
Im IT-Bereich gibt es dort viele gut qualifizierte Kräfte. Und dank attraktiver Personalkosten entwickelt sich das Land zum südeuropäischen Outsourcing-Standort. Die Spanier sind zwar etwas mobiler als die Deutschen, strömen aber, wenn sie ihre Heimatregion verlassen, vor allem in die Großstädte. In Barcelona und Madrid ist der IT-Arbeitsmarkt aber auch begrenzt. Wir sind mit Lleida daher in eine mittelgroße Stadt gegangen, um als mittelgroßer Arbeitgeber für ortsgebundene Kräfte präsent zu sein. Da wir dort der einzige IT-Dienstleister sind, hatten wir enorm viele Bewerbungen. Diese Strategie haben wir zuvor auch schon erfolgreich in Brasilien oder Indien verfolgt.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund den schon lange beklagten IT-Fachkräftemangel in Deutschland?
Es ist zu einfach zu sagen: es gibt einen IT-Fachkräftemangel. Weltweit gibt es genügend qualifizierte Menschen. Das Problem ist nur, dass wir die Spezialisten oft nicht dorthin bekommen, wo wir sie brauchen.

Was hindert denn zum Beispiel junge Spanier daran, nach Deutschland zu kommen, um etwa in der IT-Branche zu arbeiten?

Marika Lulay GFT AG

Rein rechtlich ist das dank der Freizügigkeit innerhalb der EU kein Problem. Die größte Barriere ist meiner Erfahrung nach schlicht die Sprache. In der IT-Branche wird zwar viel auf Englisch dokumentiert, Meetings oder Kundenkontakte finden hierzulande jedoch in deutscher Sprache statt. Und da hapert es bei vielen Südeuropäern. Die Sprachenvielfalt ist zwar eine Herausforderung für ganz Europa. In kleineren Ländern, etwa in Osteuropa, kommt man aber auch mit Englisch durch. In Deutschland geht das nicht. Für Unternehmen wiederum bedeuten intensive Sprachschulungen für ausländische Mitarbeiter nicht nur hohe Kosten, sondern vor allem auch eine zeitliche Investition. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis jemand lokal voll einsetzbar ist. Das ist eine wesentliche Barriere. Die oft angeführten hohen Kosten scheuen vermutlich vor allem die Leute selbst, weniger die Unternehmen.

Was kann man dagegen tun?
Auch wenn ich niemand bin, der sofort nach dem Staat ruft, meine ich, dass an Hochschulen, gerade in technischen Studiengängen, die sprachliche Kompetenz stärker gefördert werden sollte. Zudem könnte die Politik etwas tun, um die Mobilität der jungen Leute zu erleichtern.

Wie könnte das aussehen?
Viele Unternehmen helfen ihren Mitarbeitern etwa beim Umzug. Solch einen „Relocation Service“ könnte auch der Staat anbieten – etwa Anlaufstellen schaffen unter dem Motto „Mach mich fit für Deutschland“, wo junge Leute kostengünstig Informationen erhalten zu Ummeldung, Nachzug des Partners oder Kinderbetreuung. Praktische Lebenshilfe statt großer Verkündungen – das würde schon viel helfen.