Interview zum Dopingskandal „Im Hochleistungssport wird flächendeckend gedopt“

Wie schmutzig ist der Spitzensport? Foto: Getty

Stefan Matschiner weiß, wovon er spricht. Der frühere Sportmanager und Blutdoping-Experte ist sicher, dass es ähnliche Dopingnester wie in Erfurt in jedem Land gibt. Weil nur so die Nachfrage der Athleten zu befriedigen sei. Ein Interview über die Abgründe im Spitzensport.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Stuttgart - Die nordische Ski-WM in Seefeld wurde überschattet von einer Dopingrazzia. Den früheren Dopingdealer Stefan Matschiner wundert nicht, dass nur Staatsanwaltschaften und Polizei Betrüger überführen: „Kein Athlet, der es richtig anstellt, wird je positiv getestet.“

 

Herr Matschiner, kamen bei Ihnen, als Sie von der Dopingrazzia bei der nordischen Ski-WM gehört haben, alte Erinnerungen hoch?

Zumindest kann ich mich ganz gut in die Leute reinversetzen, die involviert sind.

Auch in Mark Schmidt, den Sportmediziner aus Erfurt und mutmaßlichen Kopf des aufgeflogenen Dopingnetzwerkes?

Auch in ihn.

Sie beide hatten Berührungspunkte bei der Tour de France 2008, als Sie Ihren Klienten Bernhard Kohl fast zum Sieg gedopt hätten.

Stimmt, er war damals Arzt beim Gerolsteiner-Team, für das Kohl fuhr. Ich habe ihn als extrem netten Menschen kennengelernt, der stets sehr besonnen agiert. Ich wusste aber auch, dass er, was Doping angeht, bei Gerolsteiner ein bisschen aktiv war.

War Ihnen klar, was er in Erfurt aufgezogen hat?

Nein. Ich bin vor drei Wochen von Journalisten gefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, dass Schmidt Teil eines Dopingnetzwerkes sei. Ich habe dies verneint. Ich bin davon ausgegangen, dass er irgendwann mal an einem Punkt war, an dem er Schluss gemacht hat. Da habe ich mich geirrt.

Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Ja, ich habe Mark Schmidt angerufen und direkt gefragt. Er hat mir versichert, dass es kein Netzwerk gibt und er mit Doping nichts mehr zu tun hat.

Wie Matschiner seine Dopingausrüstung verkauft hat

Stimmt es, dass er mit Ihren Dopinggeräten gearbeitet hat?

Nachdem ich 2010 angeklagt worden bin, kam die Anfrage, ob ich mein Equipment nicht weitergeben könne. Ich habe die Gerätschaften direkt nach der Verhandlung an Mark Schmidt übergeben, und dass er damit auch gearbeitet hat, scheint ja mittlerweile amtlich zu sein.

Vor mehr als zehn Jahren tauchte der Name Mark Schmidt erstmals im Zusammenhang mit Doping auf, erst jetzt wurde er überführt. Was bedeutet das?

Dass der Leistungssport eine einzige Heuchelei ist. Kein Athlet, der es richtig anstellt, wird je positiv getestet, der Blutpass ist nur Augenwischerei. Zugleich zeigt der Fall Mark Schmidt, dass der Markt Leute wie ihn fordert. Als ich vor zehn Jahren aufgehört habe, Sportler beim Dopen zu unterstützen, habe ich gesagt, dass sich dieses Vakuum füllen wird. Und, so ehrlich muss man sein, auch das Vakuum, das Mark Schmidt hinterlässt, wird sich wieder füllen. Leider.

Obwohl sich das Risiko durch die Anti-Doping-Gesetze in Deutschland oder Österreich erheblich erhöht hat.

Das ist richtig, einerseits. Andererseits beweist der aktuelle Fall, dass sich durch die Gesetze nichts verändert hat – es wird munter weitergedopt. Was ja auch logisch ist: Eine drohende Strafe ist in unserer Gesellschaft noch nie ein Grund gewesen, eine Straftat nicht zu begehen. Nur eines verstehe ich in dem Zusammenhang nicht.

Was?

Wie dumm muss man angesichts der Gesetze sein, in Deutschland oder Österreich zu dopen? Ich hätte mich als Sportler ins Auto gesetzt und wäre in ein paar Stunden nach Slowenien gefahren. Dort hätte mir nichts passieren können.

Bei Dopingtests gibt es eine Erfolgsquote im Promillebereich. Wenn Sportler auffliegen, dann dank Kronzeugen, Staatsanwälten und der Polizei. Warum wird überhaupt getestet?

Der Sport ist nicht daran interessiert, Doper zu überführen, weil es sein Geschäftsmodell beschädigt. Und trotzdem wäre es das falsche Signal, nicht mehr zu kontrollieren. Es käme der Freigabe von Doping gleich, und das wäre natürlich ebenso fatal.

In Erfurt wurden rund 40 Blutbeutel gefunden. Was bedeutete diese Zahl?

Aus meiner Erfahrung spricht sie dafür, dass Mark Schmidt maximal zehn Athleten versorgt hat. Das ist eine andere Größenordnung, als es damals beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes der Fall war.

Die Blutbeutel sind mit Tarnnamen versehen.

Trotzdem wird es kein Problem sein, sie den Sportlern zuzuordnen. Wenn diese sich nicht ohnehin schon vorher freiwillig melden.

Warum Erfurt überall ist

Wie viele Dopingnetzwerke, die mit Erfurt vergleichbar sind, gibt es?

Ich bin mir sicher, dass jedes Land seinen Mark Schmidt hat, und in größeren Ländern gibt es sicher auch zwei von seiner Sorte.

Wie kommen sie zu dieser Einschätzung?

Ganz einfach: Der Bedarf ist da. Es gibt überall Sportler, die ihre Ziele nicht mit lauteren Methoden erreichen, also wählen sie die unlauteren – und sie suchen sich Leute, die ihnen dabei helfen.

Warum ist Blutdoping so beliebt?

Weil es so gut wie nicht nachweisbar ist. Weil es bei normaler Handhabung keine Nebenwirkungen hat. Und weil Langzeitschäden auszuschließen sind. Blutdoping ist von allem Schmutzigen noch das Sauberste.

Und dennoch effektiv.

Richtig. Es erhöht das Leistungsvermögen um ein bis zwei Prozent.

Hört sich nicht viel an.

Ist es aber. Ein Prozent bedeutet im 100-Meter-Lauf eine Verbesserung um eine Zehntelsekunde. Und bei einer sechsstündigen Tour-Etappe um dreieinhalb Minuten. Das sind Welten. Das ist Wahnsinn!

Müsste es folglich nicht jeder Trainer merken, wenn der bisher saubere Athlet plötzlich dopt?

Wenn der Sportler besonders kaltschnäuzig ist, kann er es vielleicht verschleiern. Grundsätzlich denke ich aber schon, dass ein Trainer Doping mitbekommt, wenn er nicht ohnehin schon vorher seine Zustimmung gegeben hat.

Auffallend war in Seefeld, dass unter den fünf überführten Langläufern keine Stars der Szene gewesen sind.

Darauf kann ich mir auch keinen wirklichen Reim machen.

Der österreichische Langläufer, Epo-Doper und Kronzeuge Johannes Dürr hat behauptet, Weltklasse-Leistungen seien ohne Doping nicht möglich. Stimmt das?

Ich habe einen Sohn, der Sport macht, und ich möchte natürlich, dass er an Wettkämpfen teilnimmt. Dass er Leistungssportler wird, will ich nicht. Trotzdem ist der Generalverdacht eine unangenehme Geschichte. Als ich vor zehn Jahren bei der Tour gewesen bin, waren mindestens 85 Prozent der Radprofis gedopt, und auch heute kann man im Hochleistungssport sicherlich von flächendeckendem Doping sprechen.

Aber?

Natürlich gibt es in manchen Sportarten biologische Ausreißer, etwa im alpinen Skisport, wenn ich als kleiner Athlet optimale Hebel habe. Bei dem einen oder anderen Weltklasse-Sportler kann ich mir schon vorstellen, dass es mit rechten Dingen zugeht.

Warum Peter Schröcksnadel gehen muss

Bei wem?

Die Namen behalte ich für mich. Ich bin in der Vergangenheit bei solchen Mutmaßungen zu oft vor den Kopf gestoßen worden.

Früher gehörte Langlauf-Olympiasieger und -Weltmeister Christian Hoffmann zu Ihren Klienten. Haben Sie sich die Rennen bei der WM in Seefeld angeschaut?

Nur eines, den 30-Kilometer-Wettbewerb bei den Frauen.

Dann haben Sie auch Therese Johaug gesehen, die mit großem Abstand Beste der Welt. Wie glaubwürdig ist sie?

Um das beurteilen zu können, bräuchte ich ihre genauen Leistungsdaten. Tatsache ist: Sie hat die Strafe für ihr Dopingvergehen abgesessen und dominiert ihren Sport mit Leichtigkeit. Aber deshalb zu behaupten, sie sei unglaubwürdig, das wäre nicht fair.

Aber vielleicht nachvollziehbar.

Ich will niemand an den Pranger stellen, auch weil ich der Meinung bin, dass der Konsument kein Vollidiot ist. Die Leute sind in der Lage, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Gibt es einen Weg aus der Dopingfalle?

Nur über präventive Arbeit im Jugendbereich. Dort aufzuklären, ist das wichtigste. Danach muss man hoffen, dass die jungen Athleten die richtige Entscheidung treffen.

Bleibt nur die Hoffnung?

Nein, zudem müssten sich alle outen und zurücktreten, die Dreck am Stecken haben. Trainer und Betreuer, aber natürlich auch die Funktionäre.

Wie viele würden übrig bleiben?

Das weiß ich nicht, aber es gäbe genug, die dann keinen Posten mehr hätten.

Wie Peter Schröcksnadel, der mächtige Boss des immer wieder in Dopingskandale verwickelten Österreichischen Ski-Verbandes?

Er ist ein Vorgesetzter, der seine Leute nicht im Griff hat, nie mitbekommt, wenn etwas falsch läuft, und nie etwas davon wissen will. In der Wirtschaft wäre es unvorstellbar, dass ein solcher Mann lange der Chef bleibt.

Müsste Schröcksnadel gehen?

Er hätte es schon längst tun müssen, und dass er dies selbst nicht begreift, ist für mich völlig unverständlich.

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