Interview zum Richard-Wagner-Jubiläum „Als Mensch war er scheußlich“

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Warum Wagners Geburtstag in Israel auch für Fans seiner Musik kein Grund zum Feiern ist, erklärt Jonathan Livny vom dortigen Wagner-Verband im StZ-Interview.

In Israel besonders umstrittener Künstler: der Komponist Richard Wagner. Foto: dpa
In Israel besonders umstrittener Künstler: der Komponist Richard Wagner. Foto: dpa

Jerusalem - Warum Wagners Geburtstag in Israel auch für Fans seiner Musik kein Grund zum Feiern ist, erklärt Jonathan Livny vom dortigen Wagner-Verband.


Herr Livny, wann haben Sie zuletzt Wagner-Musik gehört?
Gestern Abend bei mir zu Hause, und zwar „Tristan und Isolde“. Aber auch Wagner-Aufführungen habe ich in diesem Jahr bereits erlebt, zuletzt den „Ring“ in der Berliner Staatsoper.

In Israel ist der Komponist nach wie vor verpönt. Wie gehen Sie denn mit dem 200. Geburtstag des Komponisten um?
Wir von der Wagner-Gesellschaft in Israel planen ein Konzert, aber gewiss nicht 2013, so wichtig es uns auch ist, dass man in Israel Wagner hören kann. Nur, als Person interessiert mich Wagner nicht. Ich finde seine Musik himmlisch, aber Wagner als Mensch finde ich scheußlich. Deshalb feiere ich seinen Geburtstag nicht. Er war ein großer Antisemit, der Juden gehasst und seine Gedanken dazu niedergeschrieben hat.

Haben Sie die Konzertpläne auch deshalb verschoben, um Ihre Landsleute nicht zusätzlich zu provozieren?
Ich will nicht, dass man mir sagt, ausgerechnet im Jahr seines 200. Geburtstags ehrt ihr ihn mit einem Konzert in Israel. Für die Welt ist es vielleicht nicht so wichtig, dass Wagner ein eingefleischter Antisemit war. In Israel ist das anders, und deshalb soll man hier auch nicht seinen Geburtstag feiern. Jonathan Livnyprivat

Sie lieben Wagner-Musik, aber verachten seine Person. Bringt Sie das selbst in einen Zwiespalt?
Ich glaube, man kann die Person von dem Komponisten, der herrliche Musik geschrieben hat, trennen. Eine solche Musik gehört der Welt. Ich sage immer, der liebe Gott hat diese außerordentliche Begabung einem Mann mit einem scheußlichen Charakter gegeben. Das würde ich gerne mal mit Gott diskutieren. Er hätte ja auch jemand anderen dafür finden können, der kein Judenhasser war. Aber die Frage stellt sich für mich anders: Weil Wagner ein Antisemit war, darf ich seine Werke, obwohl sie so gut und wichtig sind, um überhaupt moderne Musik zu verstehen, nicht hören? Man kann über Musik und Politik diskutieren, nicht nur anhand von Wagner. Chopin etwa hat gesagt, er spiele kein Klavier, wenn Juden im Saal sind. Manche meinen auch, es gebe in Wagner-Opern antisemitische Anspielungen. Aber ich glaube, dass sich eine moderne Inszenierung so gestalten lässt, dass davon nichts übrig bleibt. Die Musik selber kann nicht antisemitisch sein, so etwas existiert nicht.

Umstritten ist Wagner nicht zuletzt, weil seine bombastische Musik sich so gut vom Nationalsozialismus vereinnahmen ließ.
Viele Israelis verachten Wagner hauptsächlich deswegen, weil Hitler Wagner-Musik geliebt hat. Nur, Antisemitismus hat schon vor und auch nach Hitler noch existiert. Wagner ist gewiss nicht derjenige, der Antisemitismus erfunden hat. Trotzdem kann ich Leute verstehen, die diese Musik wegen seiner Haltung nicht hören wollen. Aber haben Holocaust-Überlebende deshalb das Recht, mir zu sagen, dass ich ein Wagner-Konzert, dargeboten in einem Saal vor Publikum, nicht hören darf? Das zu verbieten, hat keiner ein Recht.

Bricht nicht allmählich das Tabu auf? Auch im israelischen Radio wurde schon Wagner gespielt.
Das war mal, heute halten sich die israelischen Sendeanstalten strikt an den Wagner-Boykott.

Welche Reaktionen erfahren Sie und Ihre Wagner-Gesellschaft?
Sobald jemand in Israel etwas gegen Wagner schreibt, bekommen wir Zulauf. Inzwischen hat unser Verband 200 Mitglieder, mehr als manch anderes Land, das kein Problem mit Wagner hat.