Das Alter ist auch nicht mehr, was es mal war: stiller Rückzug, begleitet von körperlichem und geistigem Verfall. Heute gibt es für viele, freilich nicht für alle, ein neues Leben nach dem Beruf: selbstbestimmt, aktiv und mit viel Freiraum. Alter wird zur Ressource – ein historischer Wandel mit großen gesellschaftlichen Auswirkungen. Regina Lutz, die Leiterin des Kreissozialamts im Esslinger Landratsamt, und Stefan Glaser, der neue Altenhilfeplaner des Landkreises, haben sich über das „neue Alter“ Gedanken gemacht, ohne die alten Probleme aus dem Blick zu verlieren.
Ist am Euphemismus Best Ager doch mehr dran als Kommerz und Zynismus?
Regina Lutz: Ja. Unter Best Ager verstehe ich Menschen mit einer persönlichen und beruflichen Lebensleistung und viel Erfahrung, die auch noch viel zu erwarten haben. Da hat sich tatsächlich im Vergleich mit früheren Zeiten viel verändert. Es sind die ersten Generationen, die in Mitteleuropa alt werden konnten, ohne bisher selbst einen Krieg ertragen zu müssen. Und die finanziell meist gut dastehen und in der Generationenfolge geerbt haben. Vor allem sorgen weniger körperlich ruinöse Arbeit und bessere medizinische Versorgung dafür, dass viele das Alter von 80 Jahren in guter Verfassung erreichen. Man lebt heute gesünder, hält sich fit.
Stefan Glaser: Allerdings fehlt es bei manchen ab 60 noch etwas an Gesundheitsbewusstsein in eigener Sache. Wir bieten deshalb Bewegungstreffs unter dem Motto „Bewegen, Unterhalten, Spaß haben“ – kurz: BUS – an: Fitness, die auch soziale Isolation durchbricht. Mit 68 Gruppen zu jeweils rund 20 Teilnehmern erreichen wir damit recht viele Menschen. Es ist ein niederschwelliges, kostenfreies Angebot, geleitet von Ehrenamtlichen.
Wie verändern die aktiven Menschen im Ruhestand die Gesellschaft?
Lutz: Sie können viel einbringen. Wenn es gelingt, ohne Neid auf diesen Bevölkerungsanteil zu blicken, bieten sich mehr Chancen als Risiken. Es kommt darauf an, dass wir eine Win-win-Situation für die Generationen schaffen. Dazu braucht es Mut, Offenheit und gegenseitige Wertschätzung. Beispiele sind Mehrgenerationen-Projekte oder Sharing-Modelle. Die Älteren können etwa jüngere Familien unterstützen oder, wenn sie handwerklich geschult sind, ihr Know-How bei Reparaturdiensten oder anderem anbieten – davon profitieren alle, jung und alt. Und ein ganz großes Thema ist das Ehrenamt, das in Baden-Württemberg zum Glück noch etwas gilt. Man darf also die Gruppe der sogenannten jungen Alten nicht nur und vor allem nicht in erster Linie als Konsumenten sehen.
Glaser: Gebraucht zu werden, gibt ein gutes Gefühl. Bei der zentralen Frage, wie man vor Ort auf gute Weise alt werden kann, spielt die Suche nach einem neuen Lebenssinn eine große Rolle. Und da kommt die Gemeinschaft der Generationen und eine neue Aufgabenverteilung ins Spiel.
Wirkt sich das auch politisch aus?
Lutz: Absolut! Der Kreisseniorenrat und die Stadtseniorenräte leisten exzellente Arbeit. Verbände wie der VdK bewegen Mega-Themen wie Pflege, Gesundheit, Rente oder soziale Gerechtigkeit.
Und die Gerechtigkeit der Generationen? Kommen die Jüngeren zu kurz, wenn die Älteren dominieren?
Lutz: Das sehe ich nicht so. Demokratisch ist, wenn in den entscheidenden Gremien alle Bevölkerungs- und Altersgruppen vertreten sind und dadurch der Gesamtverantwortung gerecht werden. Da ist die Einführung des Wahlrechts ab 16 ein Beispiel, dass auch den Jungen Gehör verschafft wird.
Gesellschaftliche Leitbilder und Leitfiguren müssen aber nach wie vor irgendwie jung sein. Wird sich das ändern?
Glaser: Das hängt mit den negativen Stereotypen zusammen, die man dem Alter zuschreibt. Es braucht Zeit, bis sich das Bild des Alters kulturell ändert.
Lutz: Jugend ist in einer alternden Gesellschaft die Antwort auf die Frage nach der Zukunft. Zudem beschleunigen die Neuen Medien die Information, die Meinungsbildung, die modischen und die technologischen Zyklen. Das ist eine Zeitwende. Wir alle müssen lernen, das Beste miteinander daraus zu machen. Vielleicht fällt das jungen Menschen, die damit aufwachsen, etwas leichter.
Nicht alle Menschen erwartet im Ruhestand eine glückliche Lebensphase. Droht eine Zweiklassengesellschaft?
Lutz: Ein Blick in die USA zeigt, dass diese Entwicklung möglich ist. Das Sozialsystem und seine Akteure unternehmen alles, um auf der Basis von Zahlen, Daten und Fakten früh reagieren zu können – auf Kreisebene sind neben der Gesetzgebung für die entscheidenden Gremien die Sozialhilfeberichterstattung, die Sozialplanung wichtige Instrumente zur Identifikation von Handlungsbedarf. Zu danken ist den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich um ältere Menschen in prekären Lagen kümmern. Ohne sie würde das System nicht funktionieren.
Glaser: Hier haben die Pflegestützpunkte eine große Bedeutung. Sie bieten leicht zugängliche und verständliche Informationen, um den Dschungel der gesetzlichen Bestimmungen, der Ansprüche ans Renten- und Sozialsystem und der Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung zu lichten.
Lutz: Das Thema hat viele Facetten und nicht nur ökonomische Aspekte, aber vieles folgt daraus, dass man mit schmalem Geldbeutel etwa bei der Digitalisierung nicht mithalten kann. Es reicht von gesundheitlichen Einschränkungen bis zum unfreiwilligen Wegzug aus der vertrauten Wohnung, die nicht barrierefrei umgebaut werden kann. Oft geht es um Vereinsamung. Und: Unterschiedliche Gruppen sind unterschiedlich betroffen, von Altersarmut etwa überwiegend Frauen mit lückenhafter Erwerbsbiografie oder Menschen mit Migrationshintergrund.
Auch „junge Alte“ können pflegebedürftig werden. Wird sich der Pflegenotstand verschärfen?
Lutz: Ja, durch den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel. Die geburtenstarken Jahrgänge, die 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden ab 2045 in einem Alter sein, in dem eine Pflegebedürftigkeit wahrscheinlicher wird. Die eine Lösung für das Problem gibt es nicht, nur ein Bündel an Maßnahmen. Es reicht von einer engeren Vernetzung professioneller, familiärer und ehrenamtlicher Pflege bis zu Anpassungen der Gesetzgebung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ganz wichtig ist, pflegende Angehörige zu unterstützen und Arbeitsabläufe zu entbürokratisieren.
Hilfe und Beratung
Neuer Mann
Stefan Glaser ist seit dem 1. September dieses Jahres in der Altenhilfefachberatung und Altenhilfeplanung des Landkreises Esslingen tätig. Er folgt damit Franziska Hezinger nach. Glaser wurde 1991 in Nürtingen geboren. Er ist Sozialpädagoge, hat in Esslingen und Stuttgart studiert und war langjährig für den Landkreis Reutlingen in leitender und planerischer Funktion tätig. In Esslingen ist Glaser unter anderem für die Pflegestützpunkte des Landkreises zuständig, für die Quartiersarbeit im Rahmen von Quartier2030 sowie für die Entlastung pflegender Angehöriger. Im Zentrum stehe für ihn das Ziel, sagt er, „dass Menschen in ihren Kommunen auf gute Weise alt werden können“.
Angebote
Die Angebote im Landkreis Esslingen an Aktivitäten, Hilfe und Unterstützung für ältere Menschen und ihre Angehörigen finden sich in der Broschüre „Gepflegt leben“ und aktualisiert auf www.landkreis-esslingen.de/altenhilfe.