Interview zur Energiewende „Jetzt sind Netzbetreiber sexy Unternehmen“

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Der grüne Strom soll reichlich fließen in Deutschland. Doch das klappt nicht nach Plan. Es fehlt an Offshorewindenergie.

Maritime Arbeiten in der Nordsee: die Team Omam (rechts) spult dicke Seeleitungen auf den Kabelverleger um. Foto: Tennet
Maritime Arbeiten in der Nordsee: die Team Omam (rechts) spult dicke Seeleitungen auf den Kabelverleger um. Foto: Tennet

Stuttgart - Die Windkraft könnte zur Achillesferse der Energiewende werden. Bei den Windparks im Meer gibt es jede Menge Verzögerungen. Und keiner will dafür verantwortlich sein. Lex Hartman, einer der Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, sieht sich alleingelassen mit einer Herkulesaufgabe.


Herr Hartman, Ihr Unternehmen erscheint ziemlich überfordert mit dem Netzausbau. Ist dadurch die Energiewende in Deutschland gefährdet?
Das System ist überfordert, unsere Firma nicht. Wir haben der Regierung konkrete Vorschläge gemacht, damit wir die Energiewende schaffen. Die Ziele sind ambitioniert – innerhalb von zehn Jahren sollen 13 Gigawatt Leistung in Nord- und Ostsee stehen. Zur Verkabelung der Windparks kommt der Ausbau des Netzes an Land dazu, da braucht es dringend neue Stromautobahnen von Nord- nach Süddeutschland. Die Herausforderungen sind gigantisch, deshalb gibt es Engpässe.

Sind nicht Sie der Engpass? Tennet schafft es nicht, die Offshoreanlagen planmäßig anzuschließen.
Die maritimen Technologien stecken in den Kinderschuhen. Normalerweise würde man mit einem Pilotprojekt starten und nicht mit neun Großprojekten. Wir hatten keine Wahl, die Energiewende ist beschlossen. Es gibt keine Testphase. Da ist es nur logisch, dass die Industrie in Schwierigkeiten gekommen ist. Die Produktionskapazitäten rund um den Globus sind beschränkt. Das fängt bei der Herstellung der Seekabel an und hört bei den Turbinen noch lange nicht auf. Außerdem sind die Offshorearbeiten sehr kompliziert. Wir können nur von Mai bis September aufs Meer, weil der Transport der Anlagen außerhalb dieser Zeit wegen der Stürme zu schwierig und auch nicht zu versichern wäre.

Der RWE-Konzern prüft eine Schadenersatzklage wegen des verzögerten Anschlusses für den Windpark Nordsee Ost. Da könnte einiges auf Sie zukommen?
Das sehe ich gelassen. Ich denke, wir haften da nicht, weil der zeitliche Verzug nicht unsere Schuld ist. Die Lieferanten und beauftragten Unternehmen kamen nicht nach, die weltweit größten Unternehmen in dieser Branche haben Schwierigkeiten. Andererseits ist auch der Bau der Windparks oft zeitverzögert. Nehmen Sie das Projekt Borwin 1 in der Nordsee. Der Anschluss ist fertig, aber von 80 Mühlen stehen nur 20. Wir brauchen insgesamt mehr Planung, einen verbindlichen, langfristigen Fahrplan für alle Beteiligten.

Die anstehenden Investitionen sind seit Jahren bekannt und somit absehbar. Warum haben Sie erst vor Kurzem nach Hilfe geschrien und einen Brandbrief an die Regierung geschrieben?
Wir sind von der Entwicklung in der Branche überrollt worden – das gigantische Volumen war so von niemandem erwartet worden. Früher wurde über Investitionen von einigen Milliarden über einen langen Zeitraum geredet. Wir sind jetzt bei fünfeineinhalb Milliarden in zwei Jahren, weitere 15 Milliarden kommen dazu. Eine Firma wie die unsere mit einem Wert von einer Milliarde kann das unmöglich im Alleingang stemmen. Daher unser Appell an die Berliner Regierung, dass wir den Ausbau mit den drei anderen Netzbetreibern gemeinsam angehen und eine Gleichstromgesellschaft gründen. Wir müssen da übrigens nicht die Mehrheit haben, das wollten wir nie.

Kann die vom Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler gegründete „AG Beschleunigung“ den Ausbau ankurbeln?
Auf jeden Fall, da sitzt die ganze Branche zusammen, alle an einem Tisch: Netzbetreiber, Windparkbetreiber, die Versicherer, die Behörden, die Bundesnetzagentur. Es geht auch um Haftungsfragen. Bei den vielen Seekabeln, die verlegt sind, fallen erfahrungsgemäß immer mal wieder Verbindungen aus. Es kann nicht angehen, dass ein Windpark oder ein Übertragungsnetzbetreiber alleine haftet. Wir brauchen klare Lösungen hierfür und darüber hinaus einen langfristigen Offshoreplan, da sind wir bereits auf einem gutem Wege. Zu Ostern sollen die ersten Ergebnisse der AG vorgelegt werden.

Es gab immer wieder brenzlige Situationen bei der Stromversorgung. Drohen uns in Deutschland Blackouts?
Die Versorgungssituation ist deutlich angespannter, es wurden schließlich acht Atommeiler abgeschaltet. Es gibt mehr Situationen, in denen wir Netzbetreiber eingreifen müssen. 2010 musste unsere Firma 290-mal aktiv werden, 2011 waren es 1024 Ereignisse. Das sind zum einen schalttechnische Eingriffe, um die Leitungen stabil zu halten. Zum anderen müssen konventionelle Kraftwerke hoch- oder runtergefahren werden, um die Leitungen zu entlasten. Die nicht unerheblichen Kosten fließen in die Netzentgelte mit ein. Letztlich war Deutschland nicht gefährdet, aber wir mussten einiges dafür tun.

Zum Beispiel Atomstrom aus Tschechien und Frankreich importieren.
Ja, so funktioniert der Markt. Aber wir exportieren ja auch Strom. Früher haben wir mehr exportiert, heute hält sich das etwa die Waage.

Die nächste Hürde ist die Erweiterung des Stromnetzes auf dem Festland, die Stromautobahnen nach Bayern und Baden-Württemberg. Das ist ein Kampf um jeden Kilometer wegen all der Einsprüche. Was lässt sich da machen?
Wir müssen die Strecken bauen, das ist sicher. Wir brauchen außerdem ein Overlay-Grid, eine elektrische Autobahn ohne Abfahrt, von Nord nach Süd, vom Produzenten zum Verbraucher. Aber man darf nicht wie in China planen und bauen und die Bürger links liegen lassen. Wir haben eine Höchstspannungstrasse zwischen Amsterdam und Rotterdam gebaut und haben in Deutschland mehrere Projekte am Laufen, da ist unser oberster Grundsatz: so viel Transparenz wie möglich. Das heißt mit den Bürgern reden. Und das kostet Zeit.

In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache. In den Niederlanden wird eine neuer Atommeiler geplant. Haben die Niederländer nichts aus Fukushima gelernt?
Wir sind ein Übertragungsnetzbetreiber mit klarem Auftrag und der heißt: Elektrizität transportieren. Jeden Stromerzeuger behandeln wir gleich. Als Niederländer macht man sich aber seine Gedanken über die Entscheidung der Nachbarn. Das ist etwa so, als ob man mit einem Flugzeug abgehoben ist, aber die Landebahn noch gebaut werden muss. Das ist eine Riesenaufgabe. Wenn es ein Land in der Welt gibt, das dieser Herausforderung gewachsen ist, dann Deutschland. Ob es kaufmännisch betrachtet vernünftig ist, das ist eine andere Frage. Auf jeden Fall sind wir gerne dabei bei all der Innovation. Im Stromsektor hat sich viel verändert: Früher war das mit den Leitungen ein langweiliges Geschäft, jetzt sind Netzbetreiber sexy Unternehmen.

Nutzen Sie zu Hause grünen Strom?
Ich habe mich schon jahrelang gewundert, warum mich das noch nie jemand gefragt hat. Ja, ich habe Ökostrom, das ist mir wichtig – übrigens von einem holländischen Anbieter, der zu einem deutschen Unternehmen gehört.
Das Gespräch führte Christine Keck.