Interview zur Pisa-Studie „Wir sollten Pisa nicht überbewerten“

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Exklusiv Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, warnt vor einer Überbewertung der Pisa-Studien. „Pisa ist kein Totalbild des Bildungsgeschehens. Man sollte Pisa nicht überbewerten“, sagt der Buchautor von „Der Pisa-Schwindel“ (2005) und „Die Helikopter-Eltern“ (2013) im Interview mit der StZ.

Der Lehrer und Buchautor Josef Kraus will weg von der Testerei. Foto: dpa
Der Lehrer und Buchautor Josef Kraus will weg von der Testerei. Foto: dpa

Stuttgart - Der Autor Josef Kraus (64) ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Der Schulleiter eines Gymnasiums in Bayern hat 2005 das Buch „Der Pisa-Schwindel“ veröffentlicht. 2013 erschien sein Buch „Die Helikopter-Eltern“.

Herr Kraus, Sie halten wenig von der Pisa-Testeritis, wie Sie es bezeichnen. Freuen Sie sich trotzdem über das bessere Abschneiden der deutschen Schüler?
Natürlich freue ich mich. Wir wurden ja seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 als die letzten Hinterwäldler dargestellt. Vor allem hoffe ich, dass nun die hysterischen Debatten abebben – neben dem schlechten Pisa-Abschneiden hat die Wirtschaftsorganisation OECD uns ja immer eine zu geringe Akademiker-Quote nachgesagt. Es hat sich offenbar noch nicht bis zur OECD herumgesprochen, dass wir damit ganz gut leben können und wir eines der Länder mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit sind.
Also haben die Reformen der vergangenen Jahre im deutschen Bildungssystem etwas gebracht?
Ich weiß nicht, ob es wirklich pädagogische oder strukturelle Reformen waren, die etwas gebracht haben. Ich glaube, ein maßgeblicher Grund für das bessere Abschneiden ist, dass unsere Schüler mit dem abgefragten Aufgabentypus besser umgehen können. Das war im Jahr 2000 nicht der Fall. Inzwischen ist der Unterricht stärker auf anwendungsbezogene Aufgaben ausgerichtet. Die Kompetenz- oder Output-Orientierung ist stärker, kurz: die Messbarkeit.
Hat sich unser Schulsystem also nur den Testverfahren angepasst, nach dem Motto: teaching the test?
Das könnte man sagen. Das ist problematisch, denn es gibt viele Bereiche in der Entwicklung von jungen Menschen, die nicht messbar sind. Pisa erfasst nicht das sprachliche Ausdrucksvermögen oder das literarische Verständnis. Es erfasst nicht den Bereich der politischen, historischen, geografischen, ethischen, religiösen oder ästhetischen Grundbildung. Je mehr man schulische Ausbildung auf das Nützliche und Verwertbare ausrichtet, desto mehr kommen andere Dinge unter die Räder. Mein Eindruck ist, dass das sprachliche Ausdrucksvermögen dramatisch gelitten hat. Übrigens ist Pisa einem Intelligenztest näher als einem Schulleistungstest.
Deckt sich das mit Ihrem Bildungsverständnis?
Nein, meine Sorge ist, dass sich hier ein Bildungsverständnis breitgemacht hat, das man so zusammenfassen könnte: Bildung ist das, was Pisa misst.
Lautet das Motto hierzulande nun: Pisa gut, alles gut?
Nein, es sind noch einige Hausaufgaben zu machen. Wir müssen wieder ein umfassenderes Verständnis von Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung gewinnen und wegkommen von dieser einseitigen Fixierung auf die Testerei. Und wir sollten in Deutschland alles daran setzen, dass wir noch mehr individuelle Förderung betreiben – an beiden Enden des Leistungsspektrums, für die schwachen Schüler, aber auch für die Spitzenschüler. Wir haben hierzulande viel zu lange Probleme gehabt mit der Förderung von Hochbegabten und Eliten.
Besonders positiv ist doch, dass leistungsschwächere Schüler aufgeholt haben. Wie bewerten Sie das?
Klar ist es positiv, dass sich der Abstand zwischen deutschen Schülern und Schülern mit Migrationshintergrund oder aus einem sozial schwächeren Umfeld stark verkleinert hat. Aber immer unter der Einschränkung: Wir sollten Pisa nicht überbewerten. Es ist kein Totalbild des Bildungsgeschehens.
Sind die asiatischen Spitzenreiter für Sie Maßstab?
Nein, die Spitzenpositionen haben ja ihre Gründe. Dort gibt es eine ausgesprochene Drillschule. Die will in Europa keiner. Wir haben vielleicht in Richtung Spaßpädagogik etwas übertrieben und vergessen, dass Bildung ohne Disziplin nicht geht. Wir müssten den Mittelweg einschlagen. Der zweite Grund für die Spitzenposition ist: Diese Länder nehmen die Tests unglaublich ernst. In Südkorea wird vor einem Test sogar die Nationalhymne gesungen!



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