Interview zur Raumfahrt Der neue Esa-Chef akzeptiert keine Kostensteigerung

Johann-Dietrich Wörner (60) leitet derzeit das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Im Juli 2015 wird er Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa). Foto: DLR
Johann-Dietrich Wörner (60) leitet derzeit das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Im Juli 2015 wird er Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa). Foto: DLR

Projekte, die immer teurer werden, soll es nicht mehr geben, sagt der designierte Chef der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa), Johann-Dietrich Wörner, im StZ-Interview. Auch die kürzlich beschlossene Rakete Ariane 6 werde man notfalls stoppen.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
Stuttgart - Am 1. Juli 2015 gibt es einen Wechsel an der Spitze der Europäischen Raumfahrtorganisation (Esa): Der Franzose Jean-Jacques Dordain geht nach zwölf Jahren im Amt, auf ihn folgt der Deutsche Johann-Dietrich Wörner. Er ist bisher für die deutsche Raumfahrt zuständig und hat spannende Wochen hinter sich: die Mission des deutschen Astronauten Alexander Gerst, die Landung des Roboters Philae auf dem Kometen unter deutscher Leitung und die harten Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich über die Zukunft der Trägerrakete Ariane.
Herr Wörner, Glückwunsch zu Ihrem neuen Job.
Warten wir’s ab. Erst einmal muss ich den Sprung vom DLR zur Esa schaffen.
Freuen Sie sich auf die neue Aufgabe?
Mehr als ein weinendes Auge habe ich schon. Ich bin dankbar für die Zeit beim DLR. Die neue Aufgabe ist eine Herausforderung, denn die Raumfahrt ändert sich und auch die Agenturen wie die Esa müssen sich ändern. Ich bin aber bereit, diese Herausforderungen anzunehmen.
Was ändert sich?
Zum einen wird die Raumfahrt kommerzialisierter, zum anderen muss sich die Esa zur Gesellschaft öffnen. In den 50er und 60er-Jahren war die Raumfahrt getrieben vom Prestigedenken der Nationen. Dann kam eine Zeit, in der sich die Raumfahrtagenturen ihre Projekte überlegt und sie anschließend der Öffentlichkeit vorgestellt und begründet haben. Ich glaube, dass wir nun in eine dritte Phase kommen, in der die Bedürfnisse der Gesellschaft am Anfang stehen.
Geht es Ihnen um Fragen wie die, ob man Astronauten zur Internationalen Raumstation schicken sollte?
So eng würde ich die Fragen nicht stellen. Mich interessiert vielmehr, was die Menschen erwarten und welchen Beitrag die Raumfahrt leisten kann. Nehmen Sie als Beispiel den Klimawandel, der viele beschäftigt. Oder denken Sie an die Bedrohung durch Meteoriten aus dem All. Sehen die Menschen das als Thema, das wir angehen sollten? Auch bei den wissenschaftlichen Missionen möchte ich wissen, was die Menschen interessiert. Bei der Kometenmission Rosetta haben wir festgestellt, dass es viel mehr Begeisterung gibt, als mancher gedacht hat.
Denken Sie also an Bürgerbefragungen?
Ich habe noch nicht das richtige Instrument gefunden, aber im Prinzip: Ja.
Das wäre ein neues Element in den Verhandlungen der Esa-Mitgliedsstaaten. Bisher haben sich die Minister getroffen und ihre nationalen industriepolitischen Interessen eingebracht.
Ich glaube, dass wir einen Paradigmenwechsel vor uns haben. Es kann übrigens auch sein, dass die Industriepolitik ein zentrales Thema für die Bevölkerung ist, weil es um Arbeitsplätze geht.
Sie waren Anfang 2011 gewissermaßen als Nachfolger von Heiner Geißler für die Schlichtung bei Stuttgart 21 vorgesehen. Was ist daraus geworden?
Ich wollte das annehmen und hatte auch einige Gespräche geführt, weil ich glaube, dass die Konflikte um Stuttgart 21 eine Moderation über eine längere Zeit benötigen. Das mache ich ja am Frankfurter Flughafen heute noch: Es gibt weiterhin offene Fragen, die man auch lösen kann. Aber die neue Regierung hatte nach der Wahl meine Dienste nicht weiter angefragt, und das ist auch nicht schlimm. Ich habe genug zu tun.
Was steckt hinter dem anderen Punkt, der Kommerzialisierung der Raumfahrt?
Schon die Saturn-V-Rakete, mit der die Amerikaner zum Mond gestartet sind, hat die Industrie gebaut und nicht die Nasa. Was ich mit Kommerzialisierung meine, ist, dass die Industrie die Aufträge aus der Raumfahrtagentur in größerer Verantwortung umsetzt. Das ist auch ein Paradigmenwechsel, wenn wir künftig ein Projekt mit den Preisen abrechnen, zu denen es angeboten worden ist. Das ist in der Raumfahrt manchmal schwierig, vor allem bei Forschungsthemen, weil man nicht immer alle Schwierigkeiten abschätzen kann, die auftreten können. Bei den Standards, also den Satellitenstarts, kann man das aber erwarten, und deshalb werden wir das bei der neuen Ariane 6 nun auch so machen. Also mehr Verantwortung für die Industrie und mehr Sicherheit für die öffentliche Hand. Wir wollen nicht beim alten Paradigma bleiben, in dem die Industrie nach zwei Jahren sagt: Hoppla, es kostet leider 20 Prozent mehr. In diesem Fall würden wir das Projekt stoppen. Das wäre dann der erste Beweis, dass wir es mit dem Paradigmenwechsel ernst meinen. Wir können nicht wichtige andere Projekte kaputt gehen lassen, weil die Ariane 6 zu viel kostet.
Wäre es für die Esa wirklich eine Option zu sagen: Wir bleiben bei der Ariane 5?
Ja, aber nicht bei der alten Ariane, sondern bei der Ariane 5ME oder der Ariane 5ECA.
Bleibt es in der Esa beim Prinzip, dass jedes Land an Industrieaufträgen so viel bekommt, wie es in die Projekte investiert?
Das ist eines der fundamentalen Prinzipien der Esa und soll erhalten bleiben, solange die Länder innerhalb der EU autonom sind und die Esa als ihre gemeinsame Raumfahrtagentur betreiben.
Wird es Ihnen leicht fallen, in einem halben Jahr die deutsche Brille abzulegen und europäisch zu denken?
Das kann ich nicht abschätzen. Ich bin Deutscher, vertrete aber ein europäisches Amt, in dem ich die Interessen der Länder gleichzeitig berücksichtigen soll. Die Balance zu finden zwischen nationalen und europäischen Interessen wird spannend.
Im Februar soll zum Beispiel der Raumgleiter IXV starten, um Hitzeschilde für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu testen. Deutschland favorisiert ein anderes Konzept. Wie stehen Sie dazu?
Das Wichtigste ist aus deutscher Sicht, dass wir eine Wiedereintrittstechnologie bekommen. Es geht dabei auch um die Frage, ob wir die Experimente auf der Raumstation wieder zur Erde zurückbringen können. Das IXV ist tatsächlich stark von den Italienern getrieben. Jetzt müssen wir schauen, wie wir da europäisch weitergehen. Es kann sich auch zeigen, dass die Bevölkerung gar nicht daran interessiert ist – ich will da nicht vorgreifen. Erstens bin ich noch beim DLR und zweitens möchte ich den Paradigmenwechsel ernst nehmen und nicht behaupten, dass ich schon weiß, was die Menschen denken.
Eine der nächsten großen Forschungsmissionen könnte zum Roten Planeten führen. Sind Sie optimistisch, dass ExoMars noch in diesem Jahrzehnt startet?
In diesem Projekt ist Deutschland nur der Juniorpartner. Daher müssten Sie das die Engländer oder die Italiener fragen. Tatsache ist, dass ExoMars finanziell noch nicht in trockenen Tüchern ist. Es ist schon sehr viel teurer geworden als ursprünglich geplant. Es wäre schade, wenn am Ende etwas fehlt, aber wir Europäer können nicht beliebig viele Mittel in das Projekt stecken.
Sie haben im November den Astronauten Alexander Gerst am Flughafen begrüßt. Hätte es Sie gereizt, ins All zu fliegen?
Ja, aber ich hab’s damals verpeilt und mich nicht beworben. Ich weiß natürlich nicht, ob ich es geworden wäre, aber ich habe die Missionen verfolgt und bewundert – und bin einfach nicht auf die Idee gekommen, mich selbst zu bewerben.

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