Ist schon ein Wendepunkt erkennbar?
In den RKH-Kliniken (Regionale Kliniken Holding) mit Standorten in Ludwigsburg, Bruchsal, Mühlacker, Bietigheim, Markgröningen, Neuenburg und Bretten rechnet man derzeit noch nicht, aber bald mit einer Entspannung der Lage: „Wir können aktuell leider noch nicht von einem Wendepunkt sprechen“, sagt der Sprecher Alexander Tsongas. „Wir rechnen eher Mitte bis Ende Mai mit rückläufigen Zahlen.“ Man sei „auf dem Höhepunkt der dritten Pandemiewelle angelangt“. Tsongas spricht von einem „hohen Plateau mit einer Seitwärtsbewegung, die sich durch geringe Schwankungen auszeichne“.
Wie ist die Lage in den Kliniken?
Es werde zu weiteren stationären Covid-19-Patienten und in der Folge zu einem steigenden Bedarf an Intensivbetten kommen, heißt es aus den RKH-Kliniken. „Die Lage ist zwar nach wie vor angespannt, aber dennoch zu bewältigen“, sagt der Geschäftsführer Jörg Martin. Am Montag seien 142 Patienten mit Covid-19 in den RKH-Kliniken gewesen. Vor einer Woche waren es mit 138 noch etwas weniger.
Warum ist die Inzidenz in Baden-Württemberg so hoch?
In der Landespressekonferenz am Dienstag hatte der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) drei Bereiche genannt, die für die steigende Anzahl an Neuinfektionen verantwortlich seien: der private Bereich bei den unter 40-Jährigen, Schulen und Kitas sowie Firmen. Dort gebe es nun Maßnahmen, die zur Senkung der Zahlen führen würden, erklärte er.
Warum haben andere Städte Inzidenzen unter 100?
Eine bemerkenswert niedrige Inzidenz hat die Stadt Heidelberg, am Dienstag lag sie bei 64. Dort gibt es keine nächtlichen Ausgangssperren, es dürfen sich zwei Haushalte mit bis zu fünf Personen treffen, Museen und Zoos sind geöffnet, dank „Click and Meet“ ist das Einkaufen in den Geschäften ohne Corona-Schnelltest wieder möglich.
Wie hat Heidelberg das geschafft? Der dortige Rathaussprecher Timm Herre nennt vier Gründe, warum Heidelberg besser da steht als Stuttgart. Zum einen herrsche in allen kleineren Universitätsstädten eine hohe Akzeptanz für die Maßnahmen: „Dort lebt eine Bürgerschaft, die wissenschaftlichen Erkenntnissen zumindest aufgeschlossen ist.“ Als zweiten Grund nennt Herre die „glückliche Situation“, dass die Stadt über zwei große Impfzentren sowie eine sehr hohe Ärztedichte verfüge: Insgesamt gibt es in Heidelberg 105 Arztpraxen, in denen geimpft werde. Dazu komme das große Klinikum. Und weil alle Menschen, die im medizinischen Bereich tätig seien, schon länger impfberechtigt sind, sinke die Inzidenz ganz automatisch. Zudem führt Timm Herre „soziodemografische Gründe“ an: In Heidelberg gebe es weniger große Industrieniederlassungen als in der Region Stuttgart und dafür mehr „wissensintensive“ Arbeitsplätze, wo Homeoffice möglich sei. Zudem gebe es in einer Universitätsstadt mehr Single- und Paarhaushalte und weniger Großfamilien – dadurch würden sich weniger Haushaltsmitglieder anstecken, wenn eine Person infiziert sei.
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Etwas Eigenwerbung will Timm Herre dann aber auch noch machen: Die Stadt Heidelberg habe schon im März 2020 in großem Ausmaß Masken und Schutzausrüstung beschafft – zu einem Zeitpunkt, als dies schier unmöglich war. Das sei durch die enge Beziehung gelungen, die die Stadt zu China unterhalte. Außerdem habe Heidelberg schon früh Schnelltests angeboten und sich finanziell daran beteiligt: „Als ein Schnelltest noch 30 Euro kostete, hat die Stadt 15 Euro übernommen.“ Zusätzlich habe man schnell auch auf Sprachen wie Russisch, Türkisch oder Arabisch Aufklärungsarbeit über Corona und die Schutzmaßnahmen geleistet.
Welche Rolle spielen Menschen mit Migrationsgeschichte?
In der dritten Coronawelle scheinen Menschen mit Migrationsgeschichte stärker betroffen zu sein von schweren Krankheitsverläufen als andere gesellschaftliche Gruppen. Das legt eine Umfrage bei neun der großen Krankenhausträger in der Region Stuttgart nahe. Laut Alexander Tsongas von den RKH-Kliniken gebe es in der dritten Welle einen Anteil von 60 bis 70 Prozent an „Patienten mit Migrationshintergrund vor allem aus den Ländern Türkei, Griechenland und den Balkanstaaten“. Auf den Covid-Intensivstationen des Klinikums Stuttgart liegen derzeit zu etwa 60 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Zur Einordnung: In Stuttgart haben etwa 45 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund.
Wie reagieren andere Städte auf hohe Inzidenzen?
Sowohl in Köln als auch in Mannheim sind seit Montag mobile Impfteams in Vierteln unterwegs, in denen die Inzidenz besonders hoch ist – und die tendenziell als eher weniger wohlhabend gelten. In Köln ist dies der mehr als 80 000 Einwohner zählende Bezirk Chorweiler, in Mannheim der etwa 3200 Einwohner zählende Stadtteil Hochstätt. Dort können sich nun alle Bewohnerinnen und Bewohner impfen lassen, auch wenn sie nicht zu den derzeit priorisierten Gruppen gehören. Der Mannheimer Bürgermeister Peter Kurz begründet dieses Modellprojekt damit, dass das Infektionsgeschehen in „Stadtteilen mit besonderen sozialen Herausforderungen“ überdurchschnittlich sei. Dies sei Sprachbarrieren sowie beengten Wohnverhältnissen geschuldet.
Impfungen in Brennpunktvierteln: Gibt es Pläne in Stuttgart?
Auch in Stuttgart haben Statistiker die Anzahl der Infektionen in den insgesamt 152 Stadtteilen untersucht. Am Mittwoch, 5. Mai, sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. „Falls ein erhöhter Bedarf in einzelnen Stadtvierteln besteht und es ein ‚Stuttgarter Chorweiler‘ gibt, müssen wir mit dem Land Baden-Württemberg besprechen, wie damit umgegangen wird“, sagt der Rathaussprecher Sven Matis. „Konkrete Pläne wie in Köln haben wir noch nicht.“ Die Untersuchung liefere Anhaltspunkte, wo man eventuell verstärkter impfen müsse. Stuttgart könne aber nicht einfach entscheiden, ein mobiles Impfteam in einen Stadtbezirk oder Stadtteil zu schicken, sondern das Land müsse Vorgaben machen, wo der vorhandene Impfstoff am besten wirke, erklärt Matis.
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