Iron Maiden auf dem Wasen Monarchen des Metal auf Triumphzug
Iron Maiden haben auf dem Cannstatter Wasen geliefert, was ihre Anhänger sich von ihnen wünschen: Sie sind in einer bunten Rockshow durch ihre Hits galoppiert.
Iron Maiden haben auf dem Cannstatter Wasen geliefert, was ihre Anhänger sich von ihnen wünschen: Sie sind in einer bunten Rockshow durch ihre Hits galoppiert.
Es ist ein ikonisches Bild: Bruce Dickinson (63) singt sich die Seele aus dem Leib, die drei Gitarristen Dave Murray, Adrian Smith und Janick Gers (alle 65) türmen Riffgebirge und mehrstimmige Melodielinien auf, der Drummer Nicko McBrain (70) trommelt, als ginge es um sein Leben, der Bassist Steve Harris hat einen Fuß auf der Monitorbox und hält alles zusammen. Iron Maiden, Monarchen des Metal, machen auf ihrem Triumphzug um die Welt Station auf dem Cannstatter Wasen.
Experimente sind dabei nicht vorgesehen. Die Fans wollen ihre Band so puristisch wie möglich erleben, und die 45 000 in Stuttgart bekommen, was sie sich wünschen: Iron Maiden in der Besetzung von 1982 plus Gers, viele Song-Klassiker und eine Rock-Show alter Schule.
Im ersten Block mit Stücken vom erfolgreichen aktuellen Album „Senjutsu“ kommt bei „The Writing on the Wall“ erstmals Stimmung auf. Bei „Blood Brothers“ (2000) – Dickinson hat in seiner Vorrede die große „Maiden-Family“ beschworen – geht die Metal-Party richtig los. „Fear of the Dark“ (1992) singen die 45 000 in ohrenbetäubender Lautstärke mit.
Endgültig zu einer Art Gottesdienst wird das Konzert bei „Hallowed be thy Name“ (1982) , dem Zeugnis eines Mannes in der Todeszelle. Die Menge wogt und die Band spielt ihre mehrstimmige Gitarrenmacht aus, die Murray und Smith in den 80ern als Markenzeichen perfektioniert haben. Nach Smiths Abgang 1990 kam Janick Gers in die Band, seit Smiths Rückkehr 1999 sind sie zu dritt. Jeder darf mal, und Smith ist ein traumhafter Melodiker – im Zentrum aber steht das Ur-Mitglied Murray mit seinen flirrenden Soli.
Bei „Number of the Beast“ (1982), wie auf dem gleichnamigen Album eingeleitet durch biblische Verse aus der Offenbarung, gibt es kein Halten mehr: „666!“ tönt es aus tausenden Kehlen, von denen kaum eine satanisch gestimmt sein dürfte – der Songwriter Harris hat damals nur einen Albtraum vertont. Dickinson dirigiert die Menge mit den Gesten eines Magiers. „Scream for me Stuttgart!“, brüllt er und bekommt Gebrüll zurück.
Der Sänger erwischt nicht mehr jeden hohen Ton, kein Helden-Tenor strahlt 40 Jahre später noch gleich hell. Doch er stellt sich, mogelt sich nicht durch, schlägt sich tapfer. Nur bei „Run to the Hills“ (1982), einem Maiden-Klassiker über die Ermordung der amerikanischen Ureinwohner durch die europäischen Eindringlinge, kapituliert er und geht eine Lage tiefer.
Parallel bietet er eine Musiktheater-Performance. Beim progressiven „Sign of the Cross“ (1995) wirbelt er im pechschwarzem Vampir-Umhang als Derwisch über die Bühne und reckt ein leuchtendes Kreuz. Zu „Fear of the Dark“ trägt er eine venezianische Halbmaske, Zylinder und Mantel und schwenkt eine grün glimmende Laterne. Bei „Flight of Icarus“ (1983) über die griechische Sagengestalt, die zu hoch flog und der Sonne zu nahe kam, hantiert Dickinson gar mit einem Flammenwerfer.
Der Sänger sieht aus wie ein Mann in den besten Jahren; seine Kollegen dagegen wirken in der entlarvend hohen Auflösung der großen Monitore links und rechts der Bühne ziemlich verwittert. Fast scheint es so, als wollten sie ihr Alter offensiv zeigen, während sie sich als Musiker keine Blöße geben. Nur McBrain wirkt zwischendurch gehetzt inmitten der besonderen körperlichen Strapaze, der Drummer ausgesetzt sind.
Für kollektives Jauchzen sorgt ein weiteres ikonisches Iron Maiden-Motiv: Der Frontmann schwenkt in roter Uniform einen Union Jack, während der Rest der Band den Klassiker „The Trooper“ (1983) anstimmt. Das Stück erzählt vom Krimkrieg von 1854 und ist eine Paradebeispiel für den Maiden-typischen Galopprhythmus – man sieht die Kavallerie förmlich vor sich.
Hier taucht zum zweiten Mal das Band-Maskottchen Eddie auf, dessen Zombie-artiges Konterfei auf dem Wasen allgegenwärtig ist auf T-Shirts, Jacken und sogar Sneakers. Ein Besucher posiert mit einer Eddie-Ganzkopfmaske und bietet sich für Selfies an. Auf der Bühne fordert das gigantische Monster den Fecht-Profi Dickinson zum Duell. Er hält es mit einem Säbel in Schach, schlüpft ihm durch die Beine und vertreibt es schließlich mit einem Böller.
Die Geisterbahn-Folklore ist Teil jeder Maiden-Show. Die analoge Kulisse wird zwischendurch umgebaut vom Samurai-Dorf zur gotischen Kathedrale. Feuersäulen steigen auf, Feuerwerk illuminiert die Bühne. Und bei der letzten Zugabe „Aces High“ (1984), erzählt aus der Perspektive eines britischen Kampfpiloten im Zweiten Weltkrieg und eingeleitet durch Worte des damaligen Premierministers Winston Churchill, senkt sich – auch das ein Klassiker – ein Spitfire-Kampfjet an Seilen von der Bühnendecke.
Pünktlich zum Abpfiff setzt ein kurzer Sommerregen ein. Er begleitet die Besucher zum Ausgang, manche schwanken ein wenig. Glücklich scheinen sie alle zu sein: Iron Maiden haben geliefert wie gewünscht.