Sich zurückziehen, mal durchatmen und auftanken - Zeit für sich ist für viele Menschen eine wichtige Energiequelle, um den stressigen Alltag zu bewältigen. Aber wann wird das Alleinsein zur Einsamkeit und können soziale Medien tatsächlich Ersatz für zwischenmenschlichen Austausch sein? Der Stuttgarter Diplompsychologe Oliviero Lombardi kennt die typischen Anzeichen einer sich anbahnenden Einsamkeit und ihre krankmachenden Nebenwirkungen.
Nicht jeder, der alleine ist, ist auch einsam. Wann wird alleine sein ungesund und entwickelt sich zur Einsamkeit?
Selbst gewählte Einsamkeit ist über einen gewissen Zeitraum sicherlich nicht ungesund, ganz im Gegenteil. Das Alleinsein kann uns dabei helfen, mit uns selber besser klar zu kommen. Viele Menschen vermeiden die Konfrontation mit dem Selbst und flüchten beispielsweise von einer Beziehung in die andere. Das Alleinsein ist also sinnvoll, um an sich selbst zu arbeiten. Zum Beispiel am Thema Selbstliebe oder der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Das macht uns beziehungsfähiger.
Aber Vorsicht: Auch selbst gewählte Einsamkeit kann eine Vermeidungsstrategie sein, um sich nicht einlassen zu müssen. Sie kann aus Angst „gewählt“ sein, – aus Angst nicht zu genügen oder aufgrund von schlechten Erfahrungen. Um nicht wieder verletzt zu werden, geht derjenige dann lieber in die Einsamkeit.
Langfristige Einsamkeit ist auf jeden Fall ungesund, da Menschen soziale Wesen sind. Das gilt besonders dann, wenn die Einsamkeit nicht selbst gewählt ist, wenn es zum Beispiel schwerfällt, gewisse Schwierigkeiten bei der Partnersuche zu überwinden.
In welcher Lebensphase leiden wir besonders häufig unter Einsamkeit und wie gelangen Menschen in die Isolation?
Bekanntermaßen vereinsamen ältere Menschen. Mit zunehmendem Alter wird es schwieriger, Freundschaften zu schließen oder auch neue Partner:innen kennenzulernen. Aber im Alter wird es auch immer schwerer, sich auf andere Menschen einzulassen. Die Flexibilität lässt also nach.
Jüngere Menschen meiden Kontakte eher aufgrund von Schüchternheit oder sind so unsicher, dass jede Beziehungsanbahnung schiefläuft. Außerdem sind auch Unsicherheiten bezüglich der eigenen Geschlechtsidentität oder Sexualität Gründe, die oft zum sozialen Rückzug führen. Menschen können aber auch gemeinsam einsam sein. Weil sie nicht gelernt haben, miteinander zu sprechen, oder sich eine Beziehung auseinandergelebt hat.
Welche ersten Steps empfehlen Sie Ihren Patient:innen, die einen Schritt aus der Einsamkeit wagen möchten?
Freundschaften pflegen und aufbauen. Das ist zwingend notwendig, sonst findet die Vereinsamung schleichend statt. Es ist wichtig, sich doch mal mit dem Arbeitskollegen auf ein Bier zu treffen oder ein längeres Gespräch mit der Nachbarin anzugehen. Es lohnt sich, die Anstrengung auf sich zu nehmen, andere Menschen einzuladen und abends doch noch raus zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Partnersuche. Also los, den inneren Schweinehund, Ängste und Faulheit überwinden und in die Aktivität gehen, Menschen ansprechen. Mit Übung fällt das immer leichter.
Können zwischenmenschliche Fähigkeiten verlernt werden?
Verlernt eher nicht. Aber man kann aus der Übung geraten. Oft besteht aber auch von Grund auf Schwierigkeit mit sozialen Kontakten. Denn Unsicherheiten und Schüchternheit sind relativ stark verbreitet.
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Welche körperlichen Symptome kann die Einsamkeit mit sich bringen?
Wie alle psychischen Phänomene oder Symptome kann auch Einsamkeit zu somatischen Beschwerden führen. Zum Beispiel macht Traurigkeit appetitlos oder wird mit übermäßigem Essen kompensiert. Wer wenig soziale Kontakte hat, vernachlässigt sich auch oft selber.
Was passiert im Gehirn, wenn wir langfristig keinen Kontakt zu unseren Liebsten haben?
Wenn man wenig Kontakt mit anderen Menschen hat, nimmt die geistige Flexibilität ab. Das wird wiederum als Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen angesehen, zum Beispiel für Demenz.
Was sind typische Anzeichen, die einem mitteilen, dass man zu einsam ist und dringend unter Menschen sollte?
Etwas sehr Typisches sind Selbstgespräche und die optische Verwahrlosung. Oft sind wir gewohnt, uns lediglich für andere heraus zu putzen. Wenn es an Selbstliebe fehlt, lassen einsame Menschen sich manchmal gehen. Man kann aber auch selbst überprüfen, inwiefern soziale Kontakte im Vergleich zur Vergangenheit abgenommen haben. Wenn man feststellt, dass man öfter allein ist, zum Beispiel auch im Urlaub, könnte das ein Indiz dafür sein, mehr unter Leute zu gehen!
In Zeiten der Pandemie waren soziale Kontakte oft nur digital möglich. Ist das ein würdiger Ersatz oder sind soziale Netzwerke nur eine „Illusion der Gemeinschaft“?
Nein, Menschen brauchen Nähe, auch auf körperlicher Ebene. Ein realer Kontakt bietet auf vielen Ebenen Interaktion und Befriedigung. Jemanden auch im Detail wahrzunehmen, zu riechen und gegebenenfalls auch Körperkontakt zu haben, ist unersetzlich. Viele Signale, die in der Kommunikation gesendet werden, nehmen wir zum Teil unbewusst wahr. Über soziale Medien ist das schwer zu transportieren.
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