Jaguar-Prozess in Stuttgart Autovermieter gibt nach dem Unfall auf

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Am zweiten Prozesstag wird erörtert, wie sich der Jaguar-Raser nach dem tödlichen Unfall an der Rosensteinstraße verhielt. Weil er als suizidgefährdet galt, wurde er in eine Klinik gebracht.

Der  Unfallfahrer am Steuer des Jaguar blieb unverletzt. Foto: /SDMG / Kohls
Der Unfallfahrer am Steuer des Jaguar blieb unverletzt. Foto: /SDMG / Kohls

Stuttgart - Wer vermietet einen Wagen mit 550 PS an einen 20-Jährigen? Diese Frage hat nach dem tödlichen Unfall mit einem gemieteten Jaguar Anfang März viele beschäftigt. Am Freitag kam der Vermieter als Zeuge ans Landgericht, wo gegen den Unfallverursacher wegen Mordes verhandelt wird.

Ein ruhig wirkender Mann mit akkuratem Seitenscheitel im pechschwarzen Haar und einem gepflegten Bart betritt den Saal. Ein 25-Jähriger, der wohlabgewogene Worte findet für das schreckliche Geschehen und so gar nicht dem Vorurteil entspricht, das über ihn grassierte nach dem Unfall. Er war als skrupelloser Mittäter beschimpft worden, viele sahen eine moralische Verantwortung für den Tod des jungen Paares bei ihm.

In dem Verfahren muss sich ein 20-jähriger Auszubildender wegen Mordes verantworten. Er soll am Abend des 6. März mit mehr als Tempo 160 durch die Rosensteinstraße gerast sein. Wegen eines Ausweichmanövers verlor er die Kontrolle über den Wagen und krachte in einen Kleinwagen, in dem ein junges Paar saß. Beide waren sofort tot. Der Wagen stammte aus einem Nürtinger Verleih, der auf PS-starke Autos spezialisiert war.

Stimmen zum Prozess:

Der Unfall ist nicht spurlos an dem Verleiher vorbeigegangen. „Ich habe den Verleih aufgegeben. Sofort nach dem Unfall“, sagt er. Er habe diesen als Nebenjob betrieben. Im Hauptberuf ist der Nürtinger Packmitteltechnologe. Wenn er jemals wieder in das Geschäft einsteigen würde, dann nur mit Oldtimern für Hochzeiten, aber nie wieder mit Sportwagen. Dass so etwas mit einem von ihm verliehenen Wagen geschehen könne, das habe er sich nicht vorstellen können. Als er den Anruf bekam, es sei zu einem Unfall gekommen, habe er nicht an einen derart fatalen gedacht. „Ich dachte wenn der Fahrer unverletzt ist, und es ist in der Stadt, dann kann es so schlimm nicht sein“, sagt er. Der Fahrer habe ihn angerufen und gesagt, er müsse sofort kommen. Am Unfallort sei er dann erschrocken über das Ausmaß – und schockiert gewesen vom Tod des jungen Paares. Der 20-Jährige sei zum dritten Mal bei ihm Kunde gewesen, immer höflich und zurückhaltend aufgetreten. Er habe sogar abgelehnt, zum Bahnhof gefahren zu werden, als er einen der anderen Wagen zurückgab. Bei einem der drei kurzen Anrufe an jenem Abend habe der Mieter gefragt, ob der Schaden bezahlt werde.

In der Bar erfahren die Freunde, dass der Unfall passiert ist

Die Kammer ist darum bemüht, aus allen Winkeln das Verhalten des Fahrers zu beleuchten. Das ist mitunter schwer zu ertragen für die Angehörigen, die als Nebenkläger auftreten. Etwa dann, wenn ein Kumpel aus der Clique des 20-jährigen Azubis aus dem Nordbahnhofviertel spricht – und sich erleichtert darüber äußert, dass sein Freund am Steuer des Jaguar den Unfall unverletzt überstand. „Wir waren in der Shisha-Bar, da hieß es, es war ein Unfall beim Kino“, berichtet der Heranwachsende. Ein Aufreger in der recht gleichförmigen Freizeitroutine der Jungs. Karten spielen, Shisha rauchen, abhängen, Freunde treffen, so verbringen sie ihre Abende: „Das ist etwas traurig, wir sind leider sehr langweilig unterwegs.“ Als sie von dem Unfall hörten, hätten sie sofort dem 20-Jährigen geschrieben, der den Jaguar an jenem Abend auch vor der Shisha-Bar bewundern ließ. „Er soll aufpassen, da ist ein Unfall, da sind – Entschuldigung, das ist jetzt echt nicht bös gemeint – Bullen unterwegs“, so der Kumpel des Unfallfahrers. Weil die Polizei junge Männer in schnellen Autos oft kontrolliere, wollten sie ihn warnen, dass er das Gebiet meiden soll.

Dass ihr Kollege, wie man sich in der Clique nennt, darin verwickelt war, habe man kurz darauf gehört. „Wir sind dann hin und waren schon froh, dass es ihm gut geht“, sagt der Auszubildende. Die Wirkung seiner Worte auf die Nebenkläger, die Eltern der Getöteten, ist ihm wohl bewusst . „Es ist furchtbar, dass die anderen gestorben sind. Aber es hätten ja auch vier Tote sein können“, schiebt er entschuldigend hinterher.

Die Richterin will wissen, wie sehr der Angeklagte mit dem Wagen seinen Kumpels imponiert habe. Nur mit Mühe können die drei Richterinnen dem Zeugen entlocken, dass er die Bar verließ, um ein Handyvideo des Wagens zu machen. Es seien in Whatsapp-Gruppen Aufforderungen herumgegangen, solche Videos vom Handy zu löschen. „Weil das kommt nicht gut – nicht ihm gegenüber“, – gemeint ist der Angeklagte, „und erst recht nicht gegenüber den Toten“, fügt er leise hinzu.

Der Schock habe auch beim Unfallverursacher tief gesessen, berichtet eine Mitarbeiterin des Kriseninterventionsteams. „Er hat mich gefragt, wie alt ich bin“, schildert sie. Als er erfuhr, dass sie 64 Jahre alt ist, fand er das gut. „Dann haben Sie Erfahrung und können mir sagen: Wie kann man mit so einer großen Schuld weiterleben?“ Eine Antwort habe sie ihm nicht geben können. Da der 20-Jährige in der Folge mehrfach sagte, er wolle sich das Leben nehmen, sorgten die Frau vom Kriseninterventionsteam und die Polizei dafür, dass er zunächst in eine Klinik gebracht wurde und unter Aufsicht war. Später wurde er festgenommen.

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