Jahresrückblick Rems-Murr-Kreis Wie Fellbach im Sommer das Flanieren neu erfand

Wiegeschritt statt hupender Autos: Acht Wochen lang gab es eine Flaniermeile beim alten Friedhof in Fellbach. Foto: /Peter Hartung

Erstmals gab es 2023 im Rems-Murr-Kreis eine weithin beachtete Sommerstraße: Autos mussten draußen bleiben, Parkplätze wurden entfernt, stattdessen gab’s Sitzmöbel, Flohmärkte, Tanzkurse, Kunstaktionen und einen Radkulturtag. Fortsetzung folgt – eventuell.

Es gab durchaus ein imposantes Echo und neugierige Nachfragen zumindest aus der Region Stuttgart, als die für Fellbach entwickelten Pläne erst bekannt und dann umgesetzt wurden: Als erste Kommune im Rems-Murr-Kreis richtete die Stadt am Fuße des Kappelbergs eine sogenannte Sommerstraße ein. Auserkoren dafür wurde die westliche Kirchhofstraße im Stadtkern, die sich vom 2. Juli bis 27. August in eine autofreie Flaniermeile verwandelte.

 

Vorbilder in Berlin, München und vor allem Hamburg-Altona

Somit gab es in den acht Wochen so etwas wie Großstadtfeeling in Fellbach: Denn in einigen Stadtvierteln zahlreicher deutscher Metropolen gab es bereits ähnliche Probierstrecken. In Berlin wurde ein 30 Meter langer Bereich im Steinmetzkietz in Schöneberg-Tempelhof begrünt und „von Autos befreit“, wie es hieß. In München sollten derartige Straßen ohne Verkehr zu „konsum- und eventfreien Räumen in Wohnortnähe“ werden. Und auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart wurde die Augustenstraße im Rahmen einer Mobilitätswoche in den autofreien „Superblock-West“ verwandelt.

Das Referenzobjekt für Fellbach befand sich allerdings in Hamburg: Unter dem Titel „Ottensen macht Platz“ wurde in jenem Bezirk im Stadtteil Altona ein „Flanierquartier auf Zeit“ eingerichtet – mit dem Fernziel, nach der Projektphase „ein autoarmes Quartier entstehen zu lassen“.

Autoarm wurde es denn auch ab Anfang Juli auf der Südseite von Rathaus und altem Friedhof in Fellbach. Also in jenem Straßenbereich zwischen dem Fellbacher Kulturamt im Osten – die dortigen Mitarbeiterinnen waren auch für die Organisation des kulturellen Programms der Sommerstraße zuständig – und dem Park der Schwabenlandhalle im Westen. Vorgesehen sei eine „temporäre Flaniermeile“, hieß es kurz vor dem Start – zugegebenermaßen eine kleine Übertreibung, denn de facto war die Sommerstraße nur allenfalls 120 Meter lang. Allerdings mussten elf Parkplätze geopfert werden – was aber nicht so schlimm gewesen sei, wie die Cheforganisatorin Birgit Orner, ansonsten Leiterin der Stabstelle Radmobilität im Fellbacher Rathaus, jetzt im Rückblick befindet. Habe es doch in der Nähe oder in der Rathaus-Tiefgarage hinreichend Ausweichmöglichkeiten gegeben.

Innerstädtischer Frei- und Kreativraum

Ziel war nach ihren Angaben, „einen ansprechend gestalteten innerstädtischen Frei- und Kreativraum zu schaffen, der Platz bietet für Austausch und Begegnung, für entspanntes Flanieren und Verweilen, für kreative und neue Nutzungen, für ein neues Erleben im öffentlichen Raum und neue Perspektiven der Mobilität.“ Zugleich sei die mit dem Projekt die Verkehrssicherheit erhöht worden in der von vielen Fußgängern frequentierten Kirchhofstraße oder auch für die Kinder der direkt dort gelegenen Wichernschule. Von den „attraktiven Aufenthaltsflächen“ der Flaniermeile hätten zudem die Einzelhändler im Rathaus-Carrée profitiert.

Bestückt wurde die kurze Meile mit Sitzgelegenheiten, grünen Liegen, Baum- und Sandkästen, zur Verfügung gestellt von der Servicestelle „Verkehrsberuhigte Ortsmitten“ des Landes. Beteiligt an diesem Testlauf waren im Übrigen der Rems-Murr-Kreis und für die wissenschaftliche Auswertung die Bundesanstalt für Straßenwesen.

Topografien aus Sand: Kappelberg oder Disneyland?

An vielen Tagen und Abenden gab es dann kleine und größere Events. Kinder konnten mit der Fellbacher Kunstschule Schwimmobjekte bauen, das Stadtmuseum organisierte die Herstellung von Kräutersalz, es gab ein Stadtquiz des Jugendgemeinderats sowie die Umsetzung von „Topgrafien aus Sand“ unter dem Motto „Kappelberg oder Disneyland?“

Die größte Resonanz an aktiven Tänzerinnen und Tänzern wie auch unter Neugierigen gab es aber auf die vier Tangoabende – eins, zwei, Wiegeschritt. Alles in allem waren es nach Orners Einschätzung acht erfolgreiche Wochen, zu denen sie nur positive Reaktionen und keine Kritik erhalten habe. „Das war eine runde Sache, es hat sich gelohnt.“ Ende Februar 2024 werde die Fellbacher Flaniermeile auch in der Runde der Klimabeauftragten der Kommunen im Rems-Murr-Kreis vorgestellt.

Ob es für die Sommerstraße eine Wiederauflage und womöglich gleich dieses Jahr gibt, ist allerdings noch offen. „Aktuell sind wir noch an der Auswertung“, so Orner, aus dieser Bilanz folge dann „die Entscheidungsfindung“, welche Projekte man in Zukunft in welchem Ausmaß anpacke. Getanzt wurde im Rems-Murr-Kreis übrigens auch auf anderen öffentlichen Plätzen. So in Schorndorf: Auf dem oberen Marktplatz wurden 90 Tonnen Sand für ein bisschen „Copacabana-Feeling“ am vorübergehenden Stadtstrand aufgeschüttet. Öfter wurden bei Salsaabenden die Hüften geschwungen. Autos mussten allerdings nicht entfernt werden, die Schorndorfer Innenstadt ist ohnehin eine Fußgängerzone.

Anders war es hingegen in Winnenden: Für den „Statt-Strand“ auf dem Viehmarktplatz wurde der Autoverkehr mehrere Monate lang ausgesperrt, 20 Parkplätze wurden geopfert, was den Organisatoren wohl einige kritische Stimmen einbrachte.

Für den Winnender „Statt-Strand“ wurden 20 Parkplätze geopfert

Sitzplätze statt Parkplätze? Womöglich ist dies die Parole irgendwann auch in Waiblingen. Zumindest sollen drei sogenannte Parklets, also mobile Sitzmöbel, angeschafft werden, um mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum zu schaffen. „Die Standorte ersetzen dabei einen oder mehrere Parkplätze und können in Wohn- und Sammelstraßen, aber auch in Hauptverkehrsstraßen aufgestellt werden“, so der kürzlich gestellte Antrag einer Fraktion. Die Parklets, so hingegen die Antwort der Verwaltung, seien rein gestalterische Elemente und nicht als Instrumente der Verkehrsberuhigung gedacht.

Aber wer weiß, vielleicht hat auch bald die Kreishauptstadt in absehbarer Zeit eine echte Flaniermeile wie die Landes- oder Bundeshauptstadt.

Schlagzeilen im Mai 2023

Wer ist der Mann mit Pferd?
Gerhard Knauer und sein Pferd Sancho Pancho haben mit ihrem kleinen Ausflug in einen Wagen der Stadtbahn für Aufsehen gesorgt. Der Fellbacher mit dem Cowboyhut ist regelmäßig in der Stadt unterwegs – auch in der Markthalle schauen beide vorbei.

Neue Mieter für den Remspark Es tut sich etwas hinter den Kulissen des Remsparks. Außer an der Renovierung wird offenkundig auch an einem Belegungskonzept für das Waiblinger Einkaufszentrum gearbeitet. Mehrere Mieter stehen wohl fest.

Ein wahr gewordener Mädchentraum Andrea Sigle hat vor drei Jahren das Café Wundervoll in Fellbach eröffnet. Die 53-Jährige setzt bei Kuchen, Snacks und Getränken auf Selbstgemachtes aus regionalen Produkten.

Die Nähnadel steht fast nie still Rebecca Faust verkauft in einem Laden im Wohnhaus selbst gefertigte und gebrauchte Kinderkleidung. Daneben bietet sie Trageberatung und Barfußschuhe an. Mit dem Namen des Ladens hat es etwas Besonderes auf sich.

Frau rettet sich schwimmend aus dem eigenen Auto
Weil es teilweise bis zu 50 Liter pro Quadratmeter geregnet hat, versank eine Unterführung in Murrhardt unter Wasser – samt dem Mini einer wagemutigen Autofahrerin.

Fellbach freut sich auf neue Flaniermeile Der Auftakt des Projekts „Sommerstraßen 2023“ des Rems-Murr-Kreises findet in Fellbach statt. Die Kirchhofstraße wird vom 2. Juli an für zwei Monate zur autofreien Zone, die von diversen Akteuren „kulturell bespielt“ wird.

Weitere Themen