Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei Helden, Märtyrer und Verdammte

Die Anhänger Erdogans jubelten, Soldaten wurden verhaftet: Nach dem Umsturzversuch stehen sich Erdogans Anhänger und seine Gegner erbittert gegenüber. Foto: dpa
Die Anhänger Erdogans jubelten, Soldaten wurden verhaftet: Nach dem Umsturzversuch stehen sich Erdogans Anhänger und seine Gegner erbittert gegenüber. Foto: dpa

Ein Jahr nach dem Putschversuch in der Türkei ist Staatschef Recep Tayyip Erdogan mächtiger denn je – und das Land ist tief gespalten. Rund 140 000 Staatsdiener wurden entlassen, mehr als 55 000 Menschen sitzen in Haft.

Korrespondenten: Gerd Höhler (öhl)

Ankara/Istanbul - Den Abend des 15. Juli 2016 wird Tijen Karas nie mehr vergessen. Die Journalistin des türkischen Staatsfernsehens TRT hatte gerade die 22-Uhr-Nachrichten moderiert, da stürmten schwer bewaffnete Soldaten ins Studio. „Sie schrien: auf den Boden, auf den Boden!“, erinnert sich Karas. „Der Kommandeur drohte uns: Wer sich bewegt, wird sofort erschossen.“ Nach langen Minuten der Todesangst musste Tijen Karas ihren Platz am Moderatorentisch einnehmen. Während Soldaten ihre schussbereiten Waffen auf die Moderatorin richteten, verlas sie eine Erklärung der Putschisten: Die Armee habe die Macht übernommen, um Verfassungsordnung und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen. Die blonde Frau im blauen Blazer wurde in dieser Nacht ungewollt zum Gesicht der Putschisten. Wieder und wieder musste Tijen Karas das Statement verlesen. „Es waren qualvolle Stunden, die schlimmste Nacht meines Lebens“, erinnert sich die Journalistin.

Die 42-Jährige erzählt die traumatische Geschichte in jenem Nachrichtenstudio in Ankara, in dem sich vor einem Jahr alles zutrug. Nach drei Stunden verschwanden die Soldaten damals genauso schnell, wie sie gekommen waren. Der Putsch war gescheitert. „Wir fielen uns in die Arme“, erzählt Karas. Am Tag danach machte in den sozialen Netzwerken unter #TijenKaras vor allem ein Satz die Runde: „Die ganze Nation wird das Zittern deiner Stimme, deine Verzweiflung nicht vergessen.“

Viele junge Leute verlassen die Türkei

Dass der Umsturz niedergeschlagen wurde, war der türkischen Bevölkerung zu verdanken. Zehntausende waren auf die Straßen geströmt, entwaffneten Soldaten, stellten sich den Panzern in den Weg. Die Bürger gelten als die Helden dieser Nacht. 171 Zivilisten, 63 Polizisten und vier Soldaten bezahlten den Widerstand mit ihrem Leben. Von ihnen spricht man im Land als den „Märtyrern“ des 15. Juli. Im Andenken an sie organisiert die Regierung diese Woche Kundgebungen, Mahnwachen und einen „Marsch der nationalen Einheit“.

Aber ein Jahr nach dem niedergeschlagenen Staatsstreich ist das Land tiefer denn je gespalten. „Dies ist nicht mehr meine Türkei“, sagt Gülse. Die Studentin aus Istanbul will ihren vollen Namen nicht nennen, aus „Angst vor Repressalien“, wie sie sagt. „Zwei meiner Professoren wurden entlassen, an der Uni herrscht ein Klima der Angst und der Einschüchterung“, berichtet die 24-Jährige. „Wir erleben, dass nach den Medien jetzt auch das Erziehungs- und Bildungswesen gleichgeschaltet wird“, so Gülse. Sie hat sich deshalb entschlossen, die Türkei zu verlassen – „solange ich das noch kann“, wie sie besorgt sagt. Im August will die junge Frau ihr Studium in Italien fortsetzen. Immer mehr Türkinnen und Türken fliehen aus Erdogans Reich. Nach Angaben der Oppositionspartei CHP verlassen jeden Monat etwa zehntausend gut ausgebildete Menschen das Land.

Erdogan ist mächtiger denn je

Die Verantwortung für die Polarisierung trägt vor allem der Staatspräsident. In den vergangenen zwölf Monaten erlebte die Türkei eine Welle von Verfolgungen, wie es sie bis dahin in keinem demokratischen Rechtsstaat gegeben hat. Nach Angaben der Internetseite „Turkey Purge“, die Erdogans Großreinemachen dokumentiert, wurden bisher 138 148 Staatsdiener entlassen. 55 425 Menschen sitzen in Untersuchungshaft. Den meisten der Gefeuerten und Verhafteten werden Verbindungen zu Fethullah Gülen vorgeworfen, der nach einem Zerwürfnis vor fünf Jahren vom Verbündeten Erdogans zu dessen Erzfeind wurde. Die Regierung sieht den Prediger, der im Exil in den USA lebt, als Drahtzieher des Putsches.

Ein Jahr nach dem Umsturzversuch ist Staatschef Erdogan mächtiger denn je. Unter dem Ausnahmezustand, der am Tag nach dem Putschversuch verhängt und seither dreimal verlängert wurde, hat er weitgehende Vollmachten. Per Dekret ließ er Dutzende regierungskritische Medien schließen. Rund 150 Journalisten sitzen in Haft, unter ihnen auch der Korrespondent der „Welt“, Deniz Yücel.

Solange er Präsident sei, werde Yücel niemals freikommen, erklärt Erdogan. Das zeigt: Der Präsident steuert die Justiz, die Gewaltenteilung ist ausgehebelt. Mit der Verfassungsreform, die im April per Volksabstimmung gebilligt wurde, erweitert Erdogan seine Macht noch einmal. In Zukunft kann er als Staats- und Regierungschef in einer Person im Alleingang regieren. Das Parlament spielt nur noch eine Statistenrolle. Der Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu, der für den Marsch der Gerechtigkeit Tausende gegen Erdogan mobilisieren konnte, nennt den Staatschef einen „Diktator“. Er sieht die Türkei auf dem Weg in eine „Tyrannei“. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Festnahmen.

Auch Heldinnen können in Ungnade fallen

Inzwischen geraten auch manche ins Visier, die bis vor Kurzem noch von den Anhängern Erdogans gefeiert wurden. Wie die Journalistin Hande Firat. Sie hatte am 15. Juli Dienst im Hauptstadtstudio des Privatsenders CNN-Türk. Die Nachrichten überschlugen sich in jener Nacht. Erdogan sei auf der Flucht, hieß es. 26 Minuten nach Mitternacht klingelte Firats Handy. Unversehens hatte sie den Präsidenten am Telefon. CNN-Türk unterbrach sein Programm und schaltete live zu Firat. Die hielt den Bildschirm ihres iPhone in die Kamera. Per Facetime appellierte Erdogan an die Bevölkerung, auf die Straßen zu gehen und sich den Putschisten entgegenzustellen. Die Videobotschaft brachte die Wende. Hande Firat wurde über Nacht zu einer der bekanntesten Journalistinnen der Türkei.

Als „Erdogans Retterin“ bezeichneten sie die Medien. Mitte Februar überreichte Ministerpräsident Binali Yildirim ihr sogar einen Preis. Firat war eine Heldin. Bis die Journalistin wenige Tage später in der Zeitung „Hürriyet“ einen Artikel unter der Überschrift „Unruhe im Militärhauptquartier“ veröffentlichte. Es ging um angebliche Unzufriedenheit der Militärführung mit Erdogan. Der tobte. Die Story sei „eine Unverschämtheit“, Firat versuche wohl, einen neuen Putsch herbeizuschreiben. „Hürriyet“ musste sich öffentlich entschuldigen, der Chefredakteur Sedat Ergin trat zurück. Und gegen Hande Firat leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Terrorverdachts ein. Aus der Heldin ist eine Verdammte geworden. So schnell kann man in der Türkei Erdogans in Ungnade fallen.




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