James Blunt beim Zeltspektakel Winterbach Wohlfühlpop im Wolkenbruch

James Blunt hat seine Fans sofort in der Hand. Seine Melodien gehen ins Ohr Foto: /Gottfried Stoppel

Der britische Singer-Songwriter James Blunt war der erste Top-Act beim Winterbacher Zeltspektakel. Ein Sprecher der Kulturinitiative Rock erklärt, ob das riesige Zelt auch bei Gewitter ein sicherer Ort ist.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Gerade strömt die Menge ins riesige Zelt, da bricht das Gewitter los. So groß die Hitze war, die die Konzertgänger am Mittwoch tagsüber geplagt hatte, so gewaltig entlädt sich jetzt der Wolkenbruch und treibt die Menge unter das schützende Planendach. Nach der gesundheitsbedingten Absage von Alan Parsons ist James Blunt der erste Top-Künstler, der die Bühne des Zeltspektakels betritt. Als er dies um 21 Uhr tut, zuckt die Lichtshow drinnen mit den Blitzen draußen um die Wette. Viele Blicke gehen etwas besorgt nach oben: Hat das Zelt mit seinen riesigen Masten einen Blitzableiter?, fragt sich wohl mancher Besucher.

 

Aber der Musikprofi James Blunt versteht es, jede Sorge wegzusingen. Schnell hat das Publikum den Sturm vergessen und gibt sich der Musik des Briten hin. Blunt hat seine Fans sofort in der Hand. Seine Melodien gehen ins Ohr, bald wiegt sich das ganze Zelt zum melancholischen Wohlfühlpop. Ab und zu lässt die Band einen Hauch Rock ’n’ Roll aufblitzen. Und auch wenn Blunt andeutet, er habe im Corona-Lockdown seine Schwiegermutter ermordet und er in seine Ansagen das ein oder andere „fucking“ einfließen lässt: Blunt ist ein „nice guy“, daran lässt er keinen Zweifel. „Schmalzbacke“, nennt ihn die Lokalzeitung gar.

Blunt hatte nicht immer die Rolle eines Softies. Tatsächlich diente der heute 48-Jährige lange in der britischen Armee. Als Offizier war er im Kosovokrieg eingesetzt und stand 2002 als Ehrenwache bei der Beerdigung der Queen Mum. Noch heute kommen in Blunts Songs Leuchtspurgeschosse, Blendgranaten oder bis zum Tode loyale Soldaten vor. Und „Carry You Home“, einer seiner bekanntesten Songs, erzählt von einem Soldaten, der die Habseligkeiten eines gefallenen Freundes zu dessen Witwe bringt. Doch die militärischen Begriffe und Motive verpackt Blunt so geschickt als Allegorien und in bittersüße Melodien, dass sich das zivile und romantisch veranlagte Publikum in seinen Liedern wiederfinden kann.

james Blunt: Selbstironie und mehr als „You’re Beautiful“

Und das tut es, wie in Winterbach hörbar wird. Blunts Fans sind äußerst text- und – zumindest die vielen Frauen im Publikum – melodiesicher. Manchmal verlässt sich Blunt gerade bei den höchsten Parts seiner Lieder regelrecht auf Unterstützung aus der Menge. „Der nächste Song ist so hoch, den hören nur Mädchen und Hunde“, sagt Blunt grinsend.

Diese Selbstironie ist neben dem Falsettgesang ein weiteres Markenzeichen von James Blunt. Er versprüht sie auch in Winterbach. „Die nehme ich immer mit ins Schlafzimmer, damit ich größer aussehe“, sagt der 1,73-Meter-Brite über seine Ukulele. Ebenso augenzwinkernd ist seine Selbstbeschreibung in den sozialen Netzwerken: „Ich bin der Beweis, dass ein Song alles ist, was man braucht“, steht da. Den damit gemeinten Song, also „You’re Beautiful“, gibt Blunt im Zelt natürlich ebenfalls zum Besten.

Aber auch wenn der Song von 2005 nach wie vor die weltweit erfolgreichste Single des Singer-Songwriters ist, zeigt das Konzert: Blunt ist weit mehr als ein One-Hit-Wonder. „Bonfire Heart“, „Postcards“ oder „Stay The Night“ und viele andere Songs gehören fest zum Programm deutscher Mainstream-Radiosender. Wobei anzumerken ist: Auf einer Livebühne kommt Blunts Musik deutlich besser zur Geltung als im oft plattproduzierten Radioformat. Blunt springt über die Bühne, witzelt mit dem Publikum, singt quasi geradezu gegen den Sturm da draußen an, wagt – mit einer Gasmaske, vielleicht wegen Covid-19? – das Bad in der Menge und dirigiert seine Zuhörer. Bad Boys und Unwetter gibt es da draußen schließlich genug, der Abend gehört den konzerthungrigen Fans, dem sympathischen 48-Jährigen mit Band und den Ohrwürmern, die sie mitgebracht haben.

Was die Blitze angeht, versichert übrigens Christoph Goldschmidt vom Veranstalter, der Kulturinitiative Rock: „Das Zelt ist bei Blitz so ziemlich der sicherste Ort. Alle acht Zeltmasten sind mit langen Metallnägeln im Boden verankert und über das Zelt gehen noch metallene Spannseile.“ Glück gehabt.

Zeltspektakel Winterbach

Festival
Das Zeltspektakel wird in diesem Jahr zum 12. Mal veranstaltet. Der Verein Kulturinitiative Rock Winterbach organisiert die Konzerte in dem riesigen Zelt, bei dem auch ein Biergarten, Wein und Kulinarik und Vorprogramm fest dazugehört.

Konzerte
Am Donnerstag, 21. Juli, tritt in Winterbach Rag’n’Bone Man auf. Es folgen Gigs von Milow und Gregor Meyle (22. Juli), Gov’t Mule, Walter Trout und King King (23. Juli), Helge Schneider (24. Juli), Hubert von Goisern (25. Juli) und Gentleman (26. Juli).

Karten
gibt es mit Ausnahme des ausverkauften Konzerts von Hubert von Goisern an der Abendkasse und im Vorverkauf unter www.zeltspektakel.com. Bestellte Tickets werden nicht mehr versandt, sondern an der Abendkasse hinterlegt.

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