Jan Ullrich, der einzige deutsche Tour-de-France-Sieger, möchte ein „Bike-Zentrum“ eröffnen. In Merdingen, einem Dorf bei Freiburg. Es soll 4,5 Millionen Euro kosten und alles Mögliche unter einen Hut bringen: ein Jan-Ullrich-Museum, einen Fahrradladen, ein Hotel, ein italienisches Restaurant, eine Spielhalle. Ein Geschäftsmodell, das am Ende scheitern wird. Ein vergeblicher Kampf.
Eine Spielhalle, findet die Frau im Publikum, passe so gut in den Weinort Merdingen wie die Reblaus. Überhaupt scheint ihr das Projekt nicht geheuer, so wie vielen im Dorf. Fast jeder dritte Bürger hat eine Petition dagegen unterschrieben.
Das Bianchi-Rad, mit dem er Lance Armstrong schlug
Ullrich hält den Kopf schief und blättert in seinen Unterlagen. Vor ihm steht das Pinarello-Rad, mit dem er 1997 die Tour gewann, daneben das Bianchi-Rad, mit dem er Lance Armstrong im Zeitfahren schlug. In der Mitte thront ein riesiger Pokal. An diesem Abend im Juni wird nicht bloß über ein Gebäude in Merdingen verhandelt. Es geht um den Umgang mit Jan Ullrich, der für seine Leistung vergöttert wurde und in Millionen Deutschen die Liebe zum Radsport entfachte. Als das Doping-System ans Licht kam, fühlten sich die Fans verraten, es folgt der Sturz des Helden.
Ullrich wollte es noch einmal allen zeigen und die Tour gewinnen, doch er durfte nicht. Nach dem abrupten Ende seiner Karriere kämpfte er mit Suchtproblemen, umgab sich mit den falschen Freunden und stürzte vor drei Jahren richtig ab.
Neben Ullrich sitzen an diesem Junitag Mike Baldinger und Dirk Baldinger, die nur namensverwandt sind. Seine Geschäftspartner aus dem Ort. Der eine war früher Motorrad-Profi, führte bis vor kurzem ein Bauunternehmen und tritt als Wortführer auf. Der andere war Radrennfahrer, leitet ein Frauen-Radsport-Team, er bleibt den Abend über stumm.
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Mike Baldinger wirkt genervt. Schon vor der Einwohnerversammlung hat er angekündigt, auf die Spielautomaten zu verzichten. Doch die Frau von der Bürgerinitiative lässt nicht locker: Braucht Merdingen ein Bike-Zentrum? Würden im Museum auch Doping und Drogenprobleme beleuchtet? Könne es in den Hotelzimmern zu zwielichtigen Aktivitäten kommen? Die Angst, dass Jan Ullrich ein schlechtes Licht auf das Dorf werfen könnte, liegt in der Merdinger Halle.
Nach der Trennung von seiner Frau soll er vor drei Jahren auf Til Schweiger losgegangen sein, später im Drogenrausch eine Prostituierte gewürgt haben. Videos tauchten auf, in denen er drei Zigaretten gleichzeitig raucht, mit nacktem Oberkörper Kickboxtritte macht. Als Reporter ihn in der Entzugsklinik besuchten, zogen sich tiefe Furchen über seine Stirn.
Jeder Mensch, sagt man, hat eine zweite Chance verdient. Bekommt Jan Ullrich sie in Merdingen? Mike Baldinger antwortet der Frau von der Bürgerinitiative: „Wir werden dort keinen Puff aufmachen.“ Der Abend steht auf der Kippe. Dann meldet sich Jan Ullrich zu Wort. Seine Haut ist gebräunt. Er sieht gesund und gut trainiert aus. „1994 habe ich mich in dieser Halle entschieden, Merdinger zu werden“, sagt er. Die Menschen hängen an seinen Lippen. Wenn Ullrich spricht, zieht er die Vokale lang, die Wörter verwaschen an ihren Enden. So spricht man in seiner Heimat Mecklenburg. Den südbadischen Dialekt hat er nie angenommen. Vielleicht macht gerade das ihn glaubhaft. Verstellen kann er sich nicht.
Der Silber-Ohrring von der ersten Freundin
„Die Vision des Bike-Zentrums ist vor einem Jahr auf dem Rad entstanden. Ich hatte eine schwere Phase hinter mir und war glücklich, dass meine Freunde mich aufgenommen haben“, sagt Ulrich. „In Merdingen ist meine Energie zurückgekommen. Ich konnte wieder atmen.“ Er macht eine Pause. Dann sagt er: „Hier ist die schönste Radgegend Deutschlands.“ Merdingen applaudiert. Journalisten laufen zur Bühne. Beginnt hier die Geschichte „Wie das kleine Merdingen dem gestürzten Helden wieder auf die Beine hilft?“
Merdingen liegt an der Kante des Tunibergs, auf dem seit mehr als tausend Jahren Wein angebaut wird. Der Frühling kommt hier einen Monat früher als im Rostocker Umland, wo Ullrich geboren ist. Es gibt kunstvolle Fachwerkhäuser und eine Barockkirche.
Es war Dirk Baldinger, sein Kollege beim Team Telekom, der Ullrich in den 90ern nach Merdingen holte. Sie wollten gemeinsam trainieren. Hier lernte Ulrich seine erste Freundin kennen. Den Silber-Ohrring, lange Zeit sein Markenzeichen, hat sie ihm geschenkt. Als er die Tour gewann, benannte die Winzergenossenschaft einen Rotwein-Jahrgang nach ihm.
Im Dorfkern, gleich gegenüber dem Weingut Kalkbödele, steht der Gasthof von Erich Keller. Blumenkästen, matte Fenster, kratziger Putz. Auf der Terrasse hängt ein Schild: Jan-Ullrich-Platz. An der Theke kann man hausgemachte Dosenwurst, Schnupftabak und Fernet Branca kaufen. Autogrammkarten von Radrennfahrern hängen an der Holzwand. Erich Keller, 69, steht in der Küche und brät Rumpsteaks groß wie Radkappen.
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Im Flur neben dem Gastraum erzählen Fotos die Karriere des Wunderkindes: Jan Ullrich mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Pyrenäen, Ullrich im gelben Trikot auf dem Siegerpodest, Ullrich zusammen mit Keller im Gasthof. Auf einem Bild sitzen Ullrich und Keller auf einem roten Cabrio. Im Hintergrund hat sich eine Menschentraube versammelt. Es ist der Empfang für den Toursieger in Merdingen. „Jan hat mich damals nur gefragt: ,Muss ich das jetzt wirklich machen?“
Schon 1996 gründete Erich Keller den Jan-Ullrich-Fanclub. Mit zwei Bussen fuhren sie zu den Etappen und feierten am Streckenrand mit Tuba und Akkordeon. Bei der Schlussetappe in Paris auf den Champs-Élysées hatte der Club seinen festen Platz, und Ullrich kam zum Schluss immer vorbei. „Der hat uns dann mit Champagner vollgespritzt. Das war ein Riesenerlebnis“, sagt Keller.
Der Wirt unterstützte Jan Ullrich von Anfang an. Er ließ ihn gratis bei sich wohnen. Vor den großen Rennen trainierten die beiden: Keller auf dem Motorrad, Ullrich auf dem Rad im Windschatten. Gemeinsam jagten sie mit bis zu 80 Sachen durch die Rheinebene. Vor dem Windschattentraining wuchtete Ullrich die Schwarzwaldberge hoch: Belchen, Feldberg, Kandel, Schauinsland, bis zu 250 Kilometer am Tag. „Jan war kein Mensch. Er war ein Tier“, sagt Erich Keller.
Probleme mit dem Bebauungsplan
Der Wirt könnte noch stundenlang von den alten Zeiten erzählen. Wortkarg wird er erst beim Thema Doping. „Das ist nicht schön“, sagt er. „Aber das hilft auch nur, wenn du richtig hart trainierst.“ Alle guten Rennfahrer hätten damals gedopt.
In Merdingen spielt das Thema keine große Rolle. Viel mehr ärgern sich viele darüber, wie Ullrich und die Baldingers das Projekt durchboxen wollten. Von Anfang an sei Druck gemacht worden, sagt Oswald Prucker, der für die SPD im Gemeinderat sitzt.
Ende 2020 kamen die Investoren mit ihrer Idee auf die Gemeindeverwaltung zu. Der Gemeinderat sprach in nichtöffentlicher Sitzung darüber, eine knappe Mehrheit dafür zeichnete sich ab. Doch es gab Probleme – etwa mit dem Bebauungsplan, der so eine Nutzung überhaupt nicht vorsieht.
Den Investoren ging es nicht schnell genug. Die CDU machte daraufhin Druck: Als der Gemeinderat einen Bebauungsplan beschließen wollte, forderte die CDU-Fraktion plötzlich, binnen kurzer Zeit das Grundstück an Ullrich und seine Geschäftspartner zu verkaufen und eine Klausel zu streichen, die Spielhallen auf dem Gelände verbot.
Viele Ratsmitglieder fühlten sich dadurch überrumpelt. „Der Antrag war in Juristendeutsch geschrieben und kam mit Sicherheit vom Anwalt der Investoren“, sagt Prucker. Er warf der CDU Erpressung vor, was die als unverschämt bezeichnete.
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Jürgen Escher von der Merdinger CDU empfängt im Büro seiner Firma für Etikettiermaschinen. Das Bike-Zentrum, sagt er, würde Touristen anziehen. Der Nachbarort Ihringen kommt auf 100 000 Übernachtungen im Jahr – Merdingen gerade mal auf 10 000. Da gebe es Potenzial. „Außerdem haben wir eine lange Radsporttradition“, sagt Escher. Überhaupt: „Ullrich war jahrelang der größte Steuerzahler im Ort. Er hat eine zweite Chance verdient.“
Nächste Etappe: Ein Besuch bei Dieter Schopp, einem alten Freund von Jan Ullrich. Der 80-Jährige hat ein Trikot von Ullrich zuhause aufgehängt. Darauf steht: „Vielen Dank für die gute Betreuung.“ In den Neunzigern ging Ullrich bei den Schopps ein und aus. Als er 2002 nach einer Partynacht in Freiburg am Steuer seines Porsche ein paar Fahrräder demolierte und anschließend Fahrerflucht beging, versteckte sich Ullrich am nächsten Tag bei Schopp vor den Reportern. „Jan saß hier am Wohnzimmertisch und hat mich gefragt, was er tun soll“, sagt Schopp. Der 80-Jährige zuckt mit den Schultern: „Jugendsünden.“
Jan Ullrich verließ Merdingen 2003, weil ihm der Lärm um seine Person zu groß wurde. In der Schweiz hoffte er auf Ruhe. Nun, so könnte man meinen, geht alles von vorne los – falls es denn losgeht mit dem Bike-Zentrum. Das Projekt scheint sehr gewagt: ein Museum für einen gefallenen Helden, ein Fahrradladen als Touristenmagnet für ein Weindorf. Ein Bike-Hotel im Gewerbegebiet, wo vielleicht kein Mensch übernachten möchte.
Das Aus für das Bike-Projekt
Im Oktober schreibt Martin Rupp, der Bürgermeister, was sich seitdem getan hat – wenig. Er bemüht sich, neutral zu bleiben, doch aus jeder Zeile tönt Skepsis: Vorschlag „fraglich“, Mehrwert „gering“, Subventionen „nicht angezeigt“.
Im Dezember kommt das Aus für das Bike-Zentrum in Merdingen. Die Investoren verlangten bis zuletzt von der Gemeinde, dass diese sich an den Kosten beteiligt – mit einer halben Million Euro. „Das war absolut unrealistisch“, sagt Bürgermeister Rupp. Doch das Projekt ist nicht begraben, sagt zumindest Mike Baldinger. Er kündigt an, dass er mit anderen Gemeinden im Gespräch sei. Ihringen, der Nachbarort, könne eine Option sein.
Und Jan Ullrich? Ende des vergangenen Jahres fliegt er mit seiner Freundin nach Kuba. Auf dem Rückflug bricht er zusammen. Gerüchte über einen Rückfall in die Drogensucht entkräftet er öffentlich: „Ich hatte eine Thrombose und eine schwere Blutvergiftung. Ich bin dem Tod mal wieder entronnen.“ Die große Tour des Lebens bleibt ein Kampf.