Janine Wissler vor dem Linken-Parteitag Chefin mit Sitzfleisch

Wissler ist noch nicht fertig mit der Politik, will weitermachen. Foto: IMAGO/Rainer Unkel/IMAGO/RAINER UNKEL

Das grausame Politik-Geschäft hat Janine Wissler gebeutelt wie kaum eine andere. Trotzdem tritt die Vorsitzende der Linken beim Parteitag in Erfurt einmal mehr an – und will ihre Partei aus der tiefsten Krise ihrer Geschichte führen.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“ Bertolt Brecht, noch immer eine Ikone im linken Kosmos, schrieb das Ende der 1930er Jahre.

 

Am Freitag beginnt in Erfurt der Bundesparteitag der Linken, und an irgendeinem Stand in der Kongresshalle werden bestimmt wieder seine Bücher ausgelegt. Was den Umgangston anbetrifft, steht die Partei in der von Brecht beschriebenen Tradition. Es geht rau zu – und diesmal besonders. Die Partei steht nach dem Sturz unter die Fünfprozentmarke bei der Bundestagswahl und anschließenden desaströsen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und NRW an einem Scheideweg.

Jetzt ist viel von Erneuerung und Neuanfang die Rede. Aber zur Wahl steht mit Janine Wissler eine Amtsinhaberin. Anders als ihre Co-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow ist Wissler nach der Bundestagswahl nicht zurückgetreten. Sie will weitermachen. Das ist erklärungsbedürftig, denn es gäbe gute Gründe für einen Rücktritt: die Wahlergebnisse, die notorische Zerstrittenheit der Partei, die Sehnsucht in der Linkspartei, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Vor allem aber die vehementen Debatten über Sexismus in der Partei, in denen Wissler selbst zur Zielscheibe massiver Vorwürfe geworden ist.

Manchmal scheint deutlich auf, wie grausam das Spiel sein kann

Politiker in herausgehobenen Funktionen wissen, worauf sie sich einlassen. Sie stehen in der Öffentlichkeit, sind immer erreichbar, müssen stets sprechfähig sein, sind eingespannt in das Räderwerk aus Gremiensitzungen, Interviews und Wahlkämpfen. So grell ausgeleuchtet schrumpft die Privatsphäre zu einem utopischen Ort. Natürlich lässt sich sagen, das sei Teil des Geschäfts. Wer die Hitze nicht verträgt, muss eben die Küche verlassen. Das sind die Regeln des Spiels, aber manchmal scheint unangenehm deutlich auf, wie grausam das Spiel sein kann. Janine Wissler hat enorm viel aushalten müssen in den vergangenen Monaten.

Der Linken ging es schon nicht gut, als die heute 41-Jährige Anfang 2021 zu einer der beiden Vorsitzenden gewählt wurde. Viel Hoffnung auf Besserung war mit der Wahl der beiden Frauen an der Parteispitze verbunden. Dann aber begann die ganze Kaskade der Katastrophen, die die Partei in eine Krise geführt hat, in der es um die nackte Existenz der Linken als politischer Faktor geht: erst die von Sahra Wagenknecht befeuerte Debatte darüber, ob die Linke im falschen Revier jage, wenn sie verstärkt ein großstädtisches junges Publikum umwerbe. Dann das peinliche Abstimmungsverhalten der Bundestagsfraktion mitten im Bundestagswahlkampf, die sich nicht zu einer einheitlichen Unterstützung des Evakuierungseinsatzes der Bundeswehr am Flughafen von Kabul entschließen konnte. Dafür die Quittung am Wahltag. Dann die vielen irritierenden Stimmen, die vor dem Kriegsausbruch und selbst noch danach so viel Verständnis für Putins verbrecherischen Angriffskrieg in der Ukraine aufbrachten. Es hörte nicht auf.

Im Gegenteil. Nach dem Sturm sollte ein Orkan über die Linke hinwegfegen, der dazu geeignet war, Wissler zeitweise den Boden unter den Füßen wegzuziehen: die Sexismus-Debatte. Der „Spiegel“ berichtete darüber, dass im hessischen Landesverband, Wisslers politischer Basis, junge Frauen heftige Vorwürfe erheben. Es gehe um männlichen Machtmissbrauch bis hin zur sexuellen Nötigung, die von der hessischen Parteiführung mehr oder weniger hingenommen würden. Das ging Wissler ganz persönlich an. Denn im Mittelpunkt vieler Vorwürfe stand ihr ehemaliger Partner. Der war zum Zeitpunkt des fraglichen Geschehens Angestellter der hessischen Landtagsfraktion und stand damit auch in einem dienstlichen Verhältnis zu Wissler, die damals Fraktionschefin war. Ihr Partner hatte eine Affäre mit einer 18-jährigen und damit wesentlich jüngeren Frau, die sich im August 2018 Wissler offenbarte. Aus an Wissler weitergeleiteten Mails ging auch hervor, dass sich ihr Freund der jungen Frau eines Nachts über deren Balkon näherte und der Abend womöglich durchaus nicht ganz freiwillig im Schlafzimmer endete. Wissler beendete die Beziehung. Drei Jahre später feuert nun die junge Frau gegen Wissler. Der Vorwurf steht im Raum, Wissler habe Sexismus und Übergriffe gedeckt. Sie findet das absurd. „Natürlich hat mich der ‚Spiegel‘-Artikel getroffen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich wurde 2018 über eine Affäre informiert, nicht über eine Belästigung.“ Wissler sieht sich nun zur Schuldigen gemacht, obwohl sie die Hintergangene gewesen war. Tatsächlich wird mit ihr in den sozialen Netzwerken vor allem von der Parteijugend „Solid“ nicht zimperlich, mitunter auch ausgesprochen rüde, umgegangen.

Naiv sei sie nicht gewesen, sagt sie

Wie brutal die Veränderung in Wisslers Leben seit der Zeit als Vorsitzende ist, wird klar, wenn man darauf schaut, wie die zwölfjährige Zeit als hessische Fraktionschefin verlief. Wissler genoss den Respekt aller Fraktionen. Selbst Unionspolitiker nannten sie verlässlich und priesen ihr rednerisches Talent. Und die Linke hatte durchaus Erfolge. Sie prägte den dortigen NSU-Ausschuss mit, führte eine erfolgreiche Kampagne für ein kostenfreies Kitajahr.

Hessen war gemütlich. Berlin ist es nicht. „Ja, ich war über die Art der Auseinandersetzung in Berlin schon überrascht“, sagt Wissler ganz offen. „In Hessen haben wir auch miteinander gerungen, aber wir haben Entscheidungen getroffen und sie zusammen nach außen vertreten.“ Sie sei es auch „nicht gewohnt gewesen, dass Dinge aus internen Sitzungen an die Presse gegeben oder öffentlich schlecht übereinander geredet wird“. Naiv sei sie nicht gewesen, „aber das hat mich schon überrascht“. Ihr Privatleben hat sie immer geschützt. Sie geht gerne in die Berge, war nach der Bundestagswahl in den Dolomiten. Sie ist leidenschaftlicher Fan der Frankfurter Eintracht. Viel mehr ist über sie gar nicht bekannt. Keine Homestorys, keine privaten Details. Und dann das pralle Scheinwerferlicht auf die privateste Sphäre. Mitten in den Landtagswahlkämpfen. Keine Pause von der Öffentlichkeit.

Wissler ist dennoch der Meinung, dass sie mit der Politik noch nicht fertig ist. Sie sagt, dass die Parteibasis ihr Kraft gebe. 120 Kreisverbände habe sie in ihrer Vorsitzendenzeit besucht. Dort, so scheint es, findet sie die Freundlichkeit, die schon Brecht unter Linken vermisste. Und es habe doch auch keinen Sinn, „wenn diejenige, die am kürzesten im Amt ist, auch am schnellsten wieder geht“. In Erfurt tritt sie als Vorsitzende an. Auch wenn es getrennte Wahlgänge gibt, formt sie eine Art Duo mit dem Europaabgeordneten Martin Schirdewan. In einem Konzeptpapier hat sie vor dem Parteitag der Linken ins Gewissen geredet. Als „zerstritten und uneins“ werde die Partei wahrgenommen. Sie will die Linke als „Gerechtigkeitspartei“ rund um die Themen „steigende Lebenshaltungskosten und Mieten, wachsende Ungleichheit, unzureichende und sozial ungerechte Klimapolitik, Aufrüstung“ aufstellen.

Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch unterstützen andere Bewerber

Kann das gut gehen? Im Moment sieht es so aus, dass sich Wissler und Schirdewan mit ihrem Team durchsetzen, zu dem auch der Stuttgarter Gemeinderat Luigi Pantisano gehört, der sich gute Chancen ausrechnet, in den Bundesvorstand gewählt zu werden.

Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, beide wichtige Machtzentren in der Linken, unterstützen andere Bewerber. Und das bleibt das Problem Wisslers und Schirdewans. Die Russlandversteher und Wagenknecht-Freunde verschwinden nicht einfach, wenn sie Abstimmungen verlieren. „Pluralität ist in einer linken Partei wichtig“, sagt Wissler. „Aber unsere Sichtweisen müssen sich ergänzen, nicht widersprechen.“ So schnell wird die Freundlichkeit wohl nicht den Umgang in der Linkspartei bestimmen.

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