Im Hintergrund eine Wendeltreppe, davor ein großer Flachbildschirm, daneben Lüftungsrohre fürs Loftgefühl. Alles wirkt unglaublich modern. Eine junge Frau tritt ins Bild. „Der Schützenverein reicht nicht mehr. Die Eliten brauchen etwas viel Größeres“, sagt Jasmin Kosubek mit ernster Stimme und kneift die Augen zusammen. „Zum Beispiel eine Brücke über den Atlantik. Herzlich willkommen beim ‚fehlenden Part‘.“ Es ist jahrelang die erfolgreichste Sendung auf RT DE, dem mittlerweile abgestellten Deutschland-Programm von Russlands Staatssender Russia Today. Und Kosubek war die bekannteste Moderatorin – sieben Jahre lang, bis sie dem Fernsehreich „des Bösen“ den Rücken kehrte.
Jetzt sitzt sie in einem Café am Hans-im-Glück-Brunnen in Stuttgart und nippt an einem Minztee. Es ist ein Besuch in der alten Heimat. Denn Kosubek stammt nicht etwa aus St. Petersburg oder Nowosibirsk, wie man bei einer ehemaligen Mitarbeiterin russischer Staatsmedien vermuten könnte. Sie ist auch keine Russlanddeutsche, die in einem Hochhaus in einer deutschen Trabantenstadt aufgewachsen wäre und aus alter Verbundenheit Kremlnachrichten verbreitet hat. Sie kommt aus Baden-Württemberg. Zuletzt lebte sie in Stuttgart. „Aber da“, sagt Kosubek, „wollte ich weg.“
Als Tochter eines Deutschen und einer Brasilianerin kommt sie 1987 in Reutlingen zur Welt. Ihre Kindheit verbringt sie wenige Kilometer entfernt am Albrand in Lichtenstein-Unterhausen mit zwei Brüdern und viel frischer Luft. „Ich war ein burschikoses Mädchen.“ Russischkenntnisse? Fehlanzeige. Erst viel später lernt sie ein paar Brocken, vor allem bei einer privaten Reise von Berlin nach Wladiwostok. Die hat sie vor drei Jahren mit ihrem Mann unternommen. Der stand bei RT DE hinter der Kamera.
Die russischen Chefs halten sie für kameratauglich
Die Sprache der anderen – viele sagen: einzig verbliebenen – Supermacht kann sie viel besser. Als Jasmin elf Jahre alt ist, zieht die Familie vom Albtrauf in die USA, nach South Carolina. Der Vater, ein Entwicklungsingenieur, hat dort zu tun. Fünfeinhalb Jahre bleiben die Kosubeks im Bible Belt. Dann geht es weiter nach Österreich. In Graz legt Jasmin Kosubek die Matura ab – ehe sie dann zum Studieren wieder nach Baden-Württemberg und nach Stuttgart kommt.
Um Journalismus geht es nicht. In Pforzheim studiert sie Werbung und Kommunikation, an der Hochschule Hohenheim lässt sie einen Masterstudiengang „International Business and Economics“ folgen. Der Weg in die Marketingabteilung von Vodafone oder Deutscher Bank ist vorgezeichnet. Doch dann interessiert sie das nicht mehr. Stattdessen bewirbt sie sich bei einer Videonachrichtenagentur in Berlin um eine Stelle in der Online-Recherche. „Ich war sehr neugierig.“ Wie sich zeigt, gehört die Firma zu RT. Plötzlich steht sie dort im Casting. Dass sie kameratauglich ist, sehen die russischen Chefs sofort. Ansonsten sei sie damals sehr unbedarft gewesen, räumt Kosubek ein. „Ich war komplett apolitisch.“ Vielleicht hat sie deshalb auch keine Bedenken und Berührungsängste. Den Russen gefällt auch das.
Statt Marketing für deutsche Unternehmen macht die junge Frau von nun an Propaganda für Putins Russland. Der hat 2014 gerade die Krim annektiert und will sein Bild im Westen polieren. Der Deutschland-Ableger von Russia Today braucht dafür Videos für seine Homepage. Kosubek produziert im Team mit sechs Menschen bis zu fünf Sendungen die Woche. Es ist Learning by Doing mit hoher Schlagzahl. Anfangs wirkt vieles mehr gewollt als gekonnt. In der ZDF-„heute-show“ wird sie durch den Kakao gezogen.
Der Klimawandel bereitet ihr keine Sorgen
Nur die oberen Etagen bei RT tragen russische Namen. Das Team ist „superdivers“ und ziemlich libertär. Kosubek bleibt Nichtwählerin, wandelt sich aber vom apolitischen jungen Ding zur strammen Antietatistin, wie sie es nennt. Eingriffe des Staats sehe sie kritisch. Die Staatsquote müsse nach unten. Auch eine Impfpflicht lehnt sie ab. Beim Schwangerschaftsabbruch halte sie die geltende Fristenlösung zwar für richtig, könne aber auch die Position von Lebensschützern verstehen. „Das Thema triggert mich nicht.“ Auch der Klimawandel bereite ihr keine Sorgen. „Dass es wärmer wird, merkt ja jeder. Aber der Mensch wird sich anpassen.“
Beim „fehlenden Part“ geht thematisch alles, Hauptsache, es gibt einen eigenen Zugang, eine abseitige Stimme, die von den Mainstream-Medien nicht gehört wird. Wie das Format funktioniert, lässt sich gut an der Sendung über die „Atlantikbrücke“ illustrieren: Der Lobbyverein, der die deutsch-amerikanischen Beziehungen vertiefen soll und einflussreiche Kräfte aus Politik, Wirtschaft und Medien zusammenbringt, existiert seit 1952 und ist keineswegs ein Geheimbund. Im „fehlenden Part“ stellt ihn Kosubek als „dubioses Netzwerk“ vor. „Deutschland muss sich fragen, ob ein blindes Verfolgen amerikanischer Außenpolitik dem Land wirklich dient“, heißt es in dem Beitrag.
Das ist ganz im Sinne Moskaus. Außerdem in der Sendung: die Aktivitäten der Mafia in Deutschland. Die Moderatorin meistert locker die Überleitung von der einen zur anderen ehrenwerten Gesellschaft: „So weit ist der Sprung nicht mal, wenn man bedenkt, dass die Mafia vor allem durch Netzwerke ihre Macht ausüben kann.“
Westliche Demokratien werden als marode dargestellt
Ansonsten gibt es klare Regeln: „Außenpolitisch haben wir die russische Sichtweise vertreten. Innenpolitisch gab es keinen russischen Standpunkt.“ Da hätten sich Freiräume ergeben, sagt Kosubek. Wobei: Anders als bei klassischen Auslandssendern wie etwa der Deutschen Welle geht es bei RT DE wohl nie nur um die Präsentation des Heimatlandes, sondern immer auch um die Verfolgung einer innenpolitischen Agenda im Gastland.
RT DE fokussiere sich auf Themen, die die westlichen Demokratien als marode erscheinen ließen, hat der Berliner Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer festgestellt. Kosubek lässt das nicht gelten. Die Leute hätten ein falsches Russlandbild. „Die Dimensionen dort sind irre.“ Moskau sei weit weg. In der Regel bleibe man unbehelligt. Erst ganz am Ende entscheide der große Chef. Für den Deutschland-Sender habe es ihres Wissens aber nie direkte Instruktionen aus Moskau gegeben. „Putin hat ja lange gar nichts von uns gewusst.“
Seit Februar ist das ohnehin vorbei. RT DE ist abgestellt. Der Sender verbreite Desinformationen und Verschwörungsmythen, hieß es von den zuständigen EU-Behörden. Kosubek war da schon weg. Auf ihrem eigenen Youtube-Kanal verkündigte sie ihren Abschied. Doch von einer großen Abrechnung oder Distanzierung wie bei anderen RT-Aussteigern vor ihr keine Spur: Solche Manöver seien ohnehin nicht glaubwürdig, sondern lediglich der Versuch, trotz der RT-Vergangenheit in der Medienbranche irgendwie wieder unterzukommen, sagt Kosubek.
„Ich habe das Vertrauen nicht mehr so gespürt“
Nein, bei ihr hätten rein berufliche Gründe zum Ausstieg geführt. Vor zwei Jahren hatte Moskau ein neues Management nach Deutschland geschickt, das vom Sitz in Berlin-Adlershof aus mit viel Geld und wenig Landeskenntnis eine Medienoffensive starten sollte. Kosubek verlor die Lust. Zwar wurde sie zur Online-Chefin befördert, doch „ich habe das Vertrauen nicht mehr so gespürt“. Immer wieder gab es Ärger, auch wegen Corona. Das alte Team hatte RT DE zum Zentralorgan der Coronaleugner gemacht. Stundenlang wurden Kundgebungen im Livestream übertragen. Doch die neuen Chefs hatten selbst Angst vor der Krankheit.
Immerhin kann Kosubek über den Ukraine-Konflikt nun offen reden. Der Angriff sei völkerrechtswidrig, keine Frage. „Ich war total schockiert.“ Dennoch: Es werde viel zu moralisch diskutiert, zumal sich der Westen in Ex-Jugoslawien, Irak oder Afghanistan nicht besser verhalten habe. Es sei der klassische Konflikt zwischen Realpolitik und Wertepolitik. Realpolitisch sei klar: Die Ukraine gehöre ins russische Einflussgebiet. Und westliche Sanktionen seien nicht allzu helle, wenn man selbst am meisten darunter leide.
Neues Berufsleben, aber keine neue Richtung
Inzwischen arbeitet sie auf eigene Rechnung und sucht wieder nach dem fehlenden Part in der öffentlichen Debatte. „Hallo, ich bin Jasmin Kosubek und spreche gerne mit interessanten Menschen über interessante Dinge“, sagt sie zu Beginn ihrer Videopodcasts. Doch dafür muss sie weit an den Rand blicken, spricht mit einem Blackout-Berater, der der Coronaprotestbewegung entstammt, oder dem CDU-Abweichler Max Otte, der für die AfD als Bundespräsident kandidierte. Auch der Historiker Daniele Ganser kommt zu Wort, der hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 eine US-Geheimdienstoperation vermutet. Die Protagonisten können sich minutenlang ausbreiten, ohne unterbrochen zu werden. „Endlich eine Journalistin, die die Leute ausreden lässt“, jubelt ein Nutzer in den Kommentaren. Nur dass sie bei Klaus Ernst, dem Porsche fahrenden Ex-Linkspartei-Chef, dreimal nachhakt, ob Russland die Gaslieferungen nicht vielleicht doch als Druckmittel einsetzt, finden viele nicht so gut. Die meisten ihrer Videos erreichen dennoch fünfstellige Zugriffszahlen.
Außerdem arbeitet sie bei der Plattform Odysee, die Youtube Konkurrenz machen möchte. Noch fehlt es an Inhalten. Die soll Kosubek beschaffen. Doch momentan kommen vor allem diejenigen, die bei Youtube gelöscht wurden: Rechte, Verschwörungstheoretiker – und auch RT DE hat einen Kanal eingerichtet. „Wir sind ein apolitisches Portal“, sagt Kosubek. „Wir wollen einfach ein cooles Projekt machen.“