Jazz Open in Stuttgart Auf dem roten Teppich ist die Welt wieder in Ordnung

Reichlich Stoff zum Posten in den sozialen Medien bietet der roten Teppich. Foto: Bogen 5 Bilder
Reichlich Stoff zum Posten in den sozialen Medien bietet der roten Teppich. Foto: Bogen

Das gesellschaftliche Leben erwacht: Die Jazz Open bringen den roten Teppich zurück in die Stadt. Auf der VIP-Empore wird das Wiedersehen gefeiert. Die Tribüne ist näher an die Bühne gerückt, sodass der nun kleinere Innenraum „intimer“ wirkt. 3000 bejubeln Liam Gallagher.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - So weiträumig verschlossen war der Schlossplatz noch nie bei den Jazz Open. Bis an die Planie reichen die hohen Stoffzäune. Sämtliche Rasenflächen sind unerreichbar für Menschen ohne Karten – aber die Bänke sind quasi freigestellt, so dass man dort weiterhin Platz nehmen kann. Auf dem grünen Gras müssen Picknick-Runden von Zaungästen während der Konzerte ausfallen. Keiner kann hier Partys feiern. Dass die Festivalmacher so viel Besitz vom wohl schönsten Platz der Stadt nehmen, ist Teil des Sicherheitskonzepts, wie Veranstalter Jürgen Schlensog sagt. Die Mitte der Stadt ist anfällig für Probleme geworden.

An den Eingängen wird gewisshaft kontrolliert

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) hat Verständnis dafür, dass im Coronajahr der Platzbedarf des Festivals größer ist als sonst, allein schon für die strengen Kontrollen der 3-G-Regeln. Viele Kneipen hätten ihre Außenflächen vergrößern dürfen. Dieses Recht billigt sie auch den Jazz Open zu. Doch das Absperren des Schlossplatzes dürfe in diesem Umfang „keine Dauerlösung“ werden. Selbst der Gehweg der Planie sei jetzt zugebaut. In Kürze will sie mit den Veranstaltern darüber reden.

Hinter der Absperrung sind die Tribüne und die Bühne vor dem Neuen Schloss näher zusammengerückt. Die Freifläche für die Stehplätze ist damit kleiner geworden, sodass der Ehrenhof am Mittwochabend beim lauten und heftig umjubelten Konzert von Oasis-Legende Liam Gallagher auch mit „nur“ 3000 Besucherinnen und Besuchern nicht leer wirkt. Man könnte auch von einer „intimeren Atmosphäre“ sprechen. Auf der Tribüne aber sind deutliche Lücken. Die Veranstalter hätten bis zu 7000 Karten verkaufen können. Doch in diesen Zeiten ist es schwer, Festivals und Konzertsäle zu füllen. Obwohl gewisshaft am Eingang kontrolliert wird – die Ordner vergleichen etwa akribisch Impfpässe mit Personalausweise – sind die Bedenken bei vielen weiterhin groß, Veranstaltungen mit Tausenden zu besuchen.

Die Stimmung könnte kaum besser sein

Auf der VIP-Tribüne hat man den roten Teppich ausgerollt. Corona ist auf der Empore an den Theken so gut wie kein Thema. Masken müssen beim Trinken nicht getragen werden. Und auf der Empore gibt es viel zum Trinken. Die Welt ist wieder in Ordnung, wenn Korken knallen und Fassbier gezapft wird. Die Stimmung könnte kaum besser sein. Die Wiedersehensfreude ist groß. Man hat sich viel zu erzählen. Die Sponsoren sind happy, dass sie wieder gute Kunden einladen können. „Hier geht’s zu wie auf einem Golfplatz“, sagt ein Gast, „hier werden Geschäfte in Partylaune gemacht.“

Der frühere Südwestbank-Chef Wolfgang Kuhn trägt zur Maske einen Nasenverband – er hat eine OP im Marienhospital gut überstanden. Seit 27 Jahren, also seit Anfang an, besucht er die Jazz Open und erinnert sich beim Auftritt von Oasis besonders an ein Konzert des Festivals vor langer Zeit in den Messehallen. Seine Kinder waren dabei, es herrschte danach das absolute Chaos im Parkhaus. Erst um 3 Uhr konnte er rausfahren – und die Kinder mussten am nächsten Morgen in die Schule.

Manager Andreas „Bär“ Läsker genießt den Sturm der Gallagher-Band nach der langen Ruhe im Lockdown. Warum er seine Fantastischen Vier nicht auch bei den Jazz Open auf die Bühne schickt? Im Juli 2022 spielen sie auf dem Cannstatter Wasen (das Stadion ist dann nicht bespielbar, 70 000 Karten sind dafür bereits verkauft) – wenige Monate davor können sie deshalb nicht bei einem weiteren Open-Air auftreten.

Die wahren VIPs sind Pflegekräfte aus Corona-Stationen

Die Business-Ticket-Bucher des Festivals mögen von Stehplatz-Besuchern belächelt werden, es wird gespottet über ihre Schampusleidenschaft, doch ohne die Sponsoren könnten die Jazz Open kein so hochkarätiges Programm bieten. Deshalb ist das Festival längst auch zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden, das lokale Promis anlockt. Diesmal aber sind die wahren VIPs Pflegekräfte aus Coronastationen der Stuttgarter Krankenhäuser, denen die Veranstalter Karten geschenkt haben.

Außerdem gesehen auf der Empore: Kabarettist Christoph Sonntag (er ist am Freitag im Nachtcafé in der Sendung „Die Wahrheit muss ans Licht“ zu Gast, um über seinen Rosenkrieg zu sprechen), Moderator und Pro-Stuttgart-Vorstandsmitglied Jens Zimmermann, Abseits-Modemann Winnie Klenk, Unternehmer Uli Endress, Winzer Thomas Diehl, der Food-Blogger und Projektentwickler Zoltán Bagaméry und viele andere. Im Schlossflügel zur Planieseite hin steht das Büfett für sie bereit, für das erstmals der neue Caterer Marcel Benz zuständig ist, der auch backstage die Künstler bewirtet.

Ein Ordner ist extra auf der VIP-Empore abgestellt, um für Ruhe zu sorgen, falls die Gäste der Sponsoren und Käufer der Business-Tickets da oben mal zu laut werden sollten und mit dem Gemurmel das Konzert stören. Doch Liam Gallagher ist mit seiner Musik selbst so laut, dass der Gesprächspegel beim Small Talk untergeht. Auf dem roten Teppich ist die Welt wieder in Ordnung.

Ínfos

Jazz Open
Das Festival geht noch bis Sonntag auf dem Schlossplatz. Es gibt für alle Abende noch Karten.




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