Jazztage im Theaterhaus Stuttgart Aufbruchstimmung am Pragsattel

Von Ulrich Kriest 

Im Stuttgarter Theaterhaus werden oft Grenzen zwischen Klassik, Improvisation, Neuer Musik, Jazz und Pop aufgehoben. Musiker wie der Trompeter Ack van Rooyen oder der Schlagzeuger Wolfgang Haffner fanden bei den Jazztagen ihr Publikum.

Der Schlagzeuger Wolfgang Haffner (r.) begeisterte am Karsamstag. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Schlagzeuger Wolfgang Haffner (r.) begeisterte am Karsamstag. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - „Tempel“ lautet der Titel seiner Komposition, aber Frank Kuruc will das „nicht unbedingt religiös“ verstanden wissen. Es gehe um einen Rückzugsort – und den finde wohl ein jeder irgendwo anders. Manchem, so Kuruc beim Konzert am Ostersonntag, gelte offenbar das Stuttgarter Theaterhaus mit den Jazztagen als Rückzugsort. Das ist richtig beobachtet, weil das Festival tatsächlich im positiven Sinne das Flair eines Familientreffens verströmt. Hier werden alte Freundschaften gepflegt und runde Geburtstage gefeiert.

Hierfür standen an Karfreitag die Auftritte der Trompeter Ack van Rooyen (85) und Herbert Joos (75). Der eine – Ack van Rooyen – lieferte mit seiner Celebration Band ein elegantes, entspanntes Konzert mit Standards und alten Hits wie „Crossover“ ab. Als besonderen Gast hatte der Jubilar einen anderen Trompeter eingeladen: Joo Kraus präsentierte sich als Sänger, elektronischer Frickler und jammte mit der Band, bevor sich van Rooyen mit der bekannten Ballade „Flügelhorn im Herbst“ „bis zum nächsten Mal“ verabschiedete.

Aber schon Herbert Joos wagte sich ins Offene! Das neue Programm von Wolfgang Puschnigs Alpine Aspects bot jede Menge Trauermärsche, reichlich Wiener Schmäh und viel Raum für Soli des Geburtstagskindes, das sich in sehr guter Form präsentierte. Während Puschnig Joss dazu gratulierte, bereits vor dem Ableben gefeiert zu werden, was in Wien naturgemäß nicht zu haben sei, sorgten der bestens gelaunte Bassist Jamaladeen Takuma, der Tubist Jon Sass und der Schlagzeuger Reinhardt Winkler für mächtig Druck. Und das furiose Zusammenspiel der Jazz-Band mit dem Blasorchester der Amstettner Musikanten folgt in den besten Momenten immer der Logik von Ornette Colemans „Free Jazz“-Dopplungen. Ein Glücksfall!

Jazz und Tanz harmonieren bestens

Spätestens am Samstag wurde dann deutlich, dass die Programm-Macher Werner Schretzmeier und Wolfgang Mamulla daran arbeiten, den Jazztagen durch ein erweitertes Profil neue Impulse zu verleihen. Tanz und Wort sind im Theaterhaus ohnehin präsent: warum also nicht den Jazz, die Improvisation ergänzen und den „Rückzugsort“ in ein Versuchslabor verwandeln? Der aktuelle Landesjazzpreisträger Magnus Mehl pflegt Kontakte zum Tanz. Jetzt präsentierte er eine spontan entstandene Zusammenarbeit seines Quartetts mit den Tänzern Elisa Badenes, Pablo von Sternenfels und Jesse Fraser (alle vom Stuttgarter Ballett), die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Künstlerisch mag da noch Luft nach oben sein, aber die Idee, diesem Experiment eine Plattform zu bieten, ist großartig.

Fast gleichzeitig stellte Gregor Hübner das Munich Composers Collective vor, ein vielköpfiges Ensemble von Studierenden und Absolventen des Jazz Instituts der Münchner Musikhochschule, an der Hübner lehrt. Auch hier war ganz und gar eigenwillige Musik zu hören, die auf spannende und inspirierte Weise die Grenzen zwischen Klassik, Improvisation, Neuer Musik, Jazz und Pop aufhebt und sich nicht lange mit dem Nachspielen von Jazzstandards aufhält. Vergleichbar spannend, nur etwas ausgereifter und kompositorisch geschlossener fiel der Auftritt des Thoneline Orchestra am Ostersonntag aus. Ausgereifter, weil es schon ein paar Jahre als Klangkörper besteht und geschlossener, weil man sich Kompositionen von Caroline Thon widmet, die das Projekt leitet. Hier treffen harte Rock-Gitarren auf Elektronisches, kräftige Bläsersätze auf lautmalerischen, mit Megafon verstärkten Gesang.

Karsamstag begeistert der Schlagzeuger Wolfgang Haffner

Ganz andere, zumeist leise und filigrane, manchmal aber auch härtere, funkigere Töne schlug anschließend das Frank Kuruc Quartett an, das die Stücke des gerade veröffentlichten und ausgesprochen hörenswerten Albums „Still“ vorstellte. Unterstützt von Gee Hye Lee am Klavier und Torsten Krill am Schlagzeug – beides ehemalige Landesjazzpreisträger – und dem Bassisten Joel Locher spielt Kuruc eine offene, poetische und elegante Musik, deren Schönheit mitunter an die frühen Meisterwerke von Pat Metheny erinnert, ohne deshalb auch nur einen Moment „retro“ zu sein.

Am Karsamstag hatte der Schlagzeuger Wolfgang Haffner das Publikum enthusiasmiert, obwohl er mit seinem All Star Project eigentlich nur eineinhalb Stunden auf der Bühne gezeigt hatte, was passiert, wenn ein paar Virtuosen sich live die Bälle zuspielen und sich amüsieren. Der Groove stimmte und für den Rest waren der Bassist Dan Berglund und der Gitarrist Ulf Wakenius zuständig. Anschließend bedankte sich Haffner beim Theaterhaus, ihm eine Carte Blanche ausgestellt zu haben und nicht auf das fertige Tour-Paket „Kind of Cool“ gesetzt zu haben.

Das Festival wagt Experimente geht Risiken ein

Was aus solch einer Politik entstehen kann, zeigte sich am späten Sonntagabend. Im vergangenen Jahr durfte sich die damalige Landesjazzpreisträgerin Alexandra Lehmler für ihren Auftritt beim „Enjoy Jazz“-Festival eine Band für ein exklusives Konzert zusammenstellen. Mittlerweile waren Lehmler, der Vibrafonist Franck Tortiller, Herbert Joos, der Bassist Matthias Debus und der Schlagzeuger Patrice Héral zu Plattenaufnahmen in den Bauer Studios und spielten jetzt ihr zweites Konzert. Da lief noch nicht alles rund und die Balance zwischen dem Vibrafon und den beiden Bläsern könnte sicher noch verbessert werden, aber trotzdem ist diese Band ein schönes Beispiel für eine kreative Festival-Politik. Denkt man hinzu, was aus logistischen Gründen hier nur aus dem Augenwinkel oder gar nicht wahrgenommen werden konnte – Dieter Ilgs „Beethoven“-Programm, Christian Muthspiels furiose Ernst-Jandl-Loop-Performance, die Barock-Ethno-Extravaganza von Marco Ambrosini und Jean-Louis Matinier, die zweite Tanz-Performance von Aki Takase und Yui Kawaguchi – wird ein Festivalkonzept sichtbar, das Experimente wagt und Risiken eingeht. Dazu passt, dass das Geschehen im Gegensatz zu früheren Jahren jetzt entschieden in die kleineren Säle verlagert wurde, wo es nicht länger gilt, den kleinsten, gemeinsamen Nenner des Publikums zu bedienen. Umso positiver die Nachricht, dass die Zahl der 4000 Besucher des Vorjahres trotzdem gehalten wurde. Mit einem richtungsweisenden Festival-Programm, das am Montagabend mit Konzerten von Pete York und Lisa Simone endete.