Jeffrey Epstein Wer hat Angst vor Epsteins Notizbuch?

Von Sebastian Moll 

Der US-Milliardär hatte viele mächtige Freunde – und die haben allen Grund Ermittlungen zu fürchten.

Der US-Milliardär Jeffrey Epstein. Foto: AP
Der US-Milliardär Jeffrey Epstein. Foto: AP

New York - Der Tod des US-Milliardärs Jeffrey Epstein in seiner New Yorker ­Gefängniszelle am vergangenen Samstag hat wilde Spekulationen entfacht. Gespeist werden diese durch eine simple Tatsache. Epstein, mehrfach des Missbrauchs sowie der Prostitution Minderjähriger beschuldigt, unterhielt enge Verbindungen zu einigen der mächtigsten Menschen der Welt, darunter die US-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump, Woody Allen und Prinz Andrew. Enthalten sind diese Namen in einem kleinen Notizbuch, ominös „The Little Black Book“ getauft.

Der investigative Journalist Nick Bryant will dieses Buch 2012 in seinen Besitz gebracht haben, nachdem das FBI es von einen ehemaligen Hausmanager Epsteins beschlagnahmt hatte. Seitdem versucht Bryant nachzuweisen, dass es sich bei Epsteins Netzwerk um einen Zirkel prominenter Pädophiler handelt, die der Milliardär über Jahrzehnte mit minderjährigen Frauen versorgte.

Bryants Arbeit verläuft parallel zu den Untersuchungen der Bundesstaatsanwaltschaft, die Epstein im Juli dieses Jahres verhaftete. Dieselbe Staatsanwaltschaft gelobte nach dem Selbstmord Epsteins, ihre Untersuchungen weiterzuführen und die Mittäter des Finanziers zur Rechenschaft zu ziehen. Sollte an den Gerüchten etwas dran sein, dann können sich die Kunden und Kontakte Epsteins also nach seinem mutmaßlichen Selbstmord nicht entspannen.

Einst pries Donald Trump Epstein als coolen Typen

Der brisanteste und wohl auch plausibelste Eintrag im Little Black Book ist zweifelsohne der amtierende US-Präsident. Im Jahr 2002 wurde Trump vom „New York Magazine“ zum Thema Ep­stein befragt. Seine Antwort: „Ich kenne Epstein seit 15 Jahren. Es macht Spaß, mit ihm auszugehen. Er mag Frauen so sehr wie ich, und viele sind im jüngeren Sektor. Kein Zweifel, Jeff genießt sein Leben.“

Trump reagierte auf Nachfragen zu seinem Verhältnis zu Epstein so, wie man es von ihm erwarten darf. Er lenkte ab, indem er per Twitter auf die Verbindung zwischen Clinton und Epstein verwies. Clinton, von dem angeblich 21 Telefonnummern in Epsteins Notizbuch auftauchen, kommentierte die Vorwürfe, indem er zugab, mehrmals in Jeffrey Epsteins Privatflugzeug mit geflogen zu sein. Die Anlässe seien jedoch rein geschäftlicher Natur gewesen.

Die Anschuldigungen gegen Prinz Andrew sind deutlich handfester. Victoria ­Giuffre, eine der Frauen, die hinter der Klage gegen Epstein stehen, identifizierte ihn im Jahre 2015 als einen der Männer, mit denen sie als 15-Jährige gegen Be­zahlung Sex haben sollte. Der ansonsten eher schweigsame Buckingham-Palast dementierte die Beschuldigung mit un­charak­teristischer Vehemenz. Alleine ­diese Beispiele lassen es als überaus plausibel ­erscheinen, dass Epstein einem Netzwerk von reichen und mächtigen Männern minderjährige Frauen zu sexuellen Dienstleistungen zuführte.

Schon Epsteins Aufstieg wirft Fragen auf

Noch drängendere Fragen wirft jedoch die Art und Weise auf, wie die erste Untersuchung Epsteins vor 14 Jahren gehandhabt wurde. Seinerzeit hatte die Rechtsanwaltsfirma Kirkland & Ellis in Miami mit der Staatsanwaltschaft von Florida ein erstaunlich mildes Urteil ausgehandelt. Schon damals war Epstein der Kinderprostitution angeklagt worden, einer Straftat, die gewöhnlich mit einer lebenslangen Haftstrafe geahndet wird. Epstein bekam hingegen 18 Monate. Dabei wurde ihm ein offener Vollzug bewilligt – Epstein konnte bis zu 12 Stunden pro Tag in sein Büro gehen.

Mehr noch, der Direktor von Kirkland & Ellis, Jay Lefkowitz, ein enger Bekannter des heutigen Justizministers William Barr, handelte mit der Staatsanwaltschaft aus, dass es keine Bundesuntersuchung geben werde und dass die Opfer nicht über den Deal informiert würden. Sein Gegenüber, der Staatsanwalt von Florida, Alexander Acosta, wurde später Arbeitsminister unter Trump.

Epstein hatte bis zu seiner Verhaftung in diesem Juli reichlich Grund dazu, sich sicher zu fühlen, gedeckt von schützenden Händen an entscheidenden Schaltstellen der Macht. Vielleicht trug auch das zu seinem Suizid bei: die Erkenntnis, dass der Schutzschild nicht mehr funktioniert. Epstein hatte vorher über viele Jahrzehnte vom Wohlwollen mächtiger Männer profitiert. Schon sein erster Job mit Anfang 20 erregt im Nachhinein Argwohn. Damals war Epstein ein Studienabbrecher von Anfang 20. Dennoch bekam er eine Stelle als Mathematiklehrer an einer der renommiertesten Privatschulen von New York. Der Direktor der Schule, Donald Barr, war der Vater des heutigen Justizministers. Laut Recherchen der „New York Times“ fiel Epstein an der Schule für seine überzogene Aufmerksamkeit für Schülerinnen auf. Er wurde nach kurzer Zeit wieder entlassen. Kurz darauf verließ auch Donald Barr die Schule.

Sein Klient fühlte sich betrogen, erstattete aber keine Anzeige

Doch Epstein blieb nicht lange arbeitslos. Er bekam einen Job bei der Investmentfirma Bear Stearns. Der Karrieresprung war ebenso unplausibel wie der nächste. Ab 1988 betrieb Epstein seine eigene Finanzfirma. Das Kuriose an der Firma war, dass sie nur einen einzigen Klienten besaß: Leslie Wexner, Geschäftsführer der Firma L Brands und des Unterwäschekonzerns Victoria’s Secret. Als Finanzberater von Wexner verdiente Epstein Hunderte Millionen von Dollar. Wexner vertraute dem Studienabbrecher so sehr, dass er ihm absolute Vollmachte erteilte.

Im Nachhinein glauben Wexners Anwälte, Epstein habe ihren Klienten um Millionen betrogen. Rechtliche Schritte leiteten sie jedoch nicht ein. In jedem Fall hatte Epstein es geschafft, Wexner in eine Abhängigkeit von sich zu bringen. So, wie augenscheinlich viele andere mächtige Männer. Es war ein Spiel mit dem Feuer, dass Epstein sein Leben lang trieb. Ein gutes Ende konnte das nicht nehmen.